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ihre seelenvollen Augen, die, sobald sie nur ihres Gatten Namen nannte, einen Ausdruck annahmen, als ob sie über die Gegenwart hinwegschauend in weite Ferne blickten.
Dies behinderte aber nicht, daß sie zwischendurch die Gegenwart aufs beste nutzte; denn ihr Plan hatte eine feste Gestaltung, eine bestimmte Form angenommen. Sie wollte nach Petersburg gehen, angeblich um dort Musikunterricht zu erteilen, um wenn nötig, vermittels dieses Vorwandes entweder in das Ornatosf'sche Haus selbst, oder doch in Kreise und Verhältnisse zu gelangen, wo sie Näheres über ihren Gatten und dessen Familienverhältnisse erfahren konnte. Nach Alexis Schilderungen mußte seiner Stiefmutter dort in den Kreisen der vornehmen Gesellschaft zu begegnen sein, vielleicht auch seinem älteren Bruder Wladimir, dem nunmehrigen Familrenhaupt. In dieser Eigenschaft mochte derselbe seine vagen Streifereien durch die Welt aufgegeben haben, um in Petersburg oder aus dem Gute im Innern des Landes zu bleiben. Wo immer es sei, sie wollte den einen oder die andere schon finden; sie sollten ihr Rede stehen. In Wladimir einen Helfer zu finden, darauf hoffte ihr ganzes Herz, dennoch mahnte eine dunkle, unbestimmte Ahnung sie zur Vorsicht. Alexis hatte ihre Vermählung verschwiegen, seine Handlungsweise beeinflußte auch jetzt noch die der vertrauenden, liebenden Frau. Um seinetwilley muhte alles ertragen werden; seinetwegen wollte sie, obgleich reich genug, um unabhängig zu sein; dennoch gegebenen Falles eine abhängige Stellung annehmen; ja um seinetwillen würde sie selbst nicht verschmähen, List gegen Jntrigue zu setzen, wenn eine solche, wie sie zuweilen annahchr, Alexis ins Verderben geführt hatte. —. Seinetwegen galt es, jeder Gefahr mutig trotzen, und endlich falls alle ihren Gatten verlassen hatten, ihü wirklicher Schuld zeihend, dann wollte sie allein an seine Unschuld glauben, und sich als seine Gattin bekennen, um sein Geschick mit ihm teilen zu dürfen.
(Fortsetzung folgt.)
Und ist es denn nicht eigentlich sonderbar, daß allein wir Deutsche Schriftzeichen mit spitzen Formen schreiben? Di-' fleißigsten Schreiber waren die Mönche in den mittelalterlichen Klöstern. Sie schrieben tagaus, tagein, und um schneller zu schreiben, um Zeit zu sparen, um nicht so oft absetzen zu müssen, ersetzten sie die runde Schrift durch eine spitze und eckige. So entstand die deutsche Schrift, von der wir auch in unseren Tagen der Schreibmaschine- nicht lassen wollen-
Im Altdeutschen finden wir häufig die Lautverbindung uo- Das „uo" schien den Abschreibern überflüssig zu sein. Um Raum zu sparen, wurde „o" über u gesetzt, und um schneller zu schreiben, schrieb man später nicht mehr das! ganze „o", sondern nur die untere Rundung: unser u» Häkchen, das nur in der deutschen Sprache vorkommt.
In dm Zeiten Karls des Großen und der Ottonenj besorgten unsere Urväter die wichtigsten Geschäfte unter freiem Himmel; der Gerichtstag, der Reichstag fürchtete nicht das Licht der Sonne-
Der freie Platz vor oder hinter dem Hause, den wir Hof nennen, und dem gewöhnlich geringe Achtung zu teil wird, war einstens der angesehenste Ort im Gehöfte- So hatte der König seinen prächtigen „Hof". Und wer zum „Hofe" des Königs sich einzufinden hatte, blickte gering» schätzend auf die anderen herab, so nicht „zu Hofe fahren"-, durften. „Fahren" freilich bedeutete nur gehen, wie wir! noch von „fahrenden Schülern und Sängern" sprechen, die doch blos auf Schusters Rappen reisten. Nur die Großen und Edlen konnten „zu Hofe fahren", und aus dieser „Hof» fahrt" erwuchs ihre Geringschätzung der anderen Sterb» nchen- Diese schlechte Eigenschaft besitzt heute auch so mancher, der gerade nicht zu einer Hossahrt auserwählt ist;
In so alte Zeiten greift auch das Wort „vornehm" zurück. Im Frieden lebten die ■ deutschen Stämme ohne Anführer. Und im Kriege zog nur der vor dem Volke, vor dem Heere her, — der am besten den Weg und den Feind kannte. Dem „Herzog" wurden auf dem Schlachtfeld wohl Ehren erwiesen; im Frieden aber galt er kaum mehr als die anderen Krieger. Wer irrt Kampfe sich am mutigsten hervorgethan hatte, dem stand auch billigerweise der größt« Anteil an der Beute zu: er durfte seinen Anteil aussuchen, vor den andern nehmen, war mithin ein „Vornehmer";;
Aus der Zeit des Rittertums sind manche Wörter! zu uns herübergekommen, die ihre Bedeutung verändert, haben. Wenn ein Ritter (Reiter) an einem Wirtshause zwar trinken, aber nicht absteigen wollte, so hatte er es gewiß sehr eilig; daher blieb er im Steigbügel oder im „Stegreif"^ Und so reden auch wir aus dem „Stegreif", wenn wir" gewissermaßen im Vorübergehen eine Rede halten, ohne daß wir gerade zu Pferde sitzen-
Wir „heben" auch „die Tafel auf", und doch bleibt die Tafel an Ort und Stelle. Ursprünglich aber war die Tafel nur aus stützende Gestelle gelegt uird wurde nach dem Essen wirklich aufgehoben und an die Wand gelehnt- Iw dieser Bedeutung des Beendigens heben wir eine Sitzung, einen Beschluß auf.
Nicht alle kampffähigen Männer konnten Ritter fein.' Die, so kein Pferd ihr Eigen nannten, mußten zu Fuße kämpfen, und hatten sie selbst kein Schwert, so führten sie eine eisenbeschlagene Stange, einen Spieß!- Daher; hießen sie! „Spießbürger". War der Spieß gar zu lang und schwer,- so schleppten wohl mehrere „Spießgesellen" daran- Beiden Ausdrücken hastet heute ein verächtlicher Beigeschmack an-
In der Ritterburg waren das Herrenhaus und bad' Frauenhaus zwei verschiedene Gebäude. Der Raum, in dem sich die weiblichen Familienmitglieder aushielten, f)iefe das „Frauenzimmer". Erst im neunzehnten Jahrhundert ist dies! Wort in der Achtung so gesunken- In Lessings „Minna von Barnhelm" kommt noch oft ein „niedliches Frauenzimmer» chen" vor-
Wenn wir vor den Namen eines weiblichen Wesens den Titel „Iran" setzen, so meinen wir regelmäßig ein verheiratetes Weib- Ursprünglich aber hieß Frau: Herrin und galt als ehrfurchtsvoller Titel auch für Unverheiratete- IM Nibelungenliede heißt die Jungfrau Kriemhilde hochachtungsvoll Frau Krimhild.
So man dich also, munterer Backfisch, einmal Frau nennt, brauchst du es nicht gerade übel zu nehmen! Wer wie steht es eigentlich mit dem „Backfisch!"? Die noch nicht ausgewachsenen Fische, die mit großen, vollwertigen Fischen zugleich im Netze gefangen werden, taugen blos zum
Sprachwandlmgen.
Plauderei von Dr- L. Wiering.
(Nachdruck verboten.)
„Muttersprache, Mutterlaut!
Wie so wonnesam, so traut!
Will noch weiter mich vertiefen
In den Reichtum, in die Pracht;
Ist mir's doch- als wenn mich riefen Väter aus der Gräbesnacht!
(M- v. Schenkendorf.)
Au die „Väter" in der „Grabesnacht" hat unser feuchtfröhlicher Scheffel wohl nur so nebenbei gedacht, als er Tacitus in die „Germania" schreiben ließ:
(sie liegen auf Bärenhäuten - //
Und auch wir umschreiben mit diesem Ausdruck nur das anrüchige Wort „Faulheit". Ju den alten Zeiten aber, von denen Scheffel singt, war das Liegen auf der „Bärenhaut" eine wohlverdiente Ruhe- Denn der „Bärenhäuter" hatte sich dies Lager selbst erkämpft; und wenn er im Urwalde der Jagd ftöhnen wollte, so mußte er sich erst einen Weg „einschlagen", mit Axt und Beil das dichte Gezweig durchschlagen- Sobald wir einen „Weg ein» schlagen", so haben wir es viel leichter-
Uns wird ja so Vieles leicht- Wie einfach und behende schreiben wir leine „illustrierte" Karte- In grauer Vorzeit aber war das Schreiben — das Ritzen in die Baumrinde — eine mühsame Beschäftigung. Das englische Wort für „schreiben": to write zeigt noch die Verwandtschaft mit >,ritzen". Mit der Bedeutung für Zeichnung finden wir dies Wort auch heute noch in: Umriß, Grundriß/ Aufrißi-
Nicht geringe Qual machte das „Lesen". Die „weisen Frauen" schnitten Stäbe aus Buchenholz in bestimmten Formen Und legten sie dann in verschiedenen Weisen zu einander. Diese „Buchstaben" wurden aufgelesen oder „gelesen". In Aehrenlese, Weinlese lebt noch dieser Sinn. Wir freilich brauchen unsere Buchstaben nicht mehr zusammenzuholen. Nichtsdestoweniger wird den ABC-Schützen das Lesen doch schwer. Ihnen macht ja auch! bas Schreiben Plage, zumal fte gar „zweierlei Schrift" lernen müssen-


