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Miete, denselben irgend welche Worte zn leihen, so las die scharssichtige Clarita solche doch in den reinen, kmd- lichen Zügen, denen Verstellung sremd war
„Du trauest meinem Alexis nicht völlig!" sagte sie daher plötzlich kummervoll. „Du kennst ihn eben nicht, sonst wäre das unmöglich." .
„Wüßtest Du, wie wir uns liebten, Du hattest kernen Raum sirr Zweifel. Ich kenne keinen solchen. Doch zu Deiner Beruhigung, liebe Stefanie — steh unfern Trauschein — die Trauung ist legal vollzogen, sre rst unanfechtbar, und unlöslich, wir sind ja berde katholisch, denn Alexis ist in der Religion seiner polnischen Amtier aetauff — Da ist das Dokument, sowie Geburts- und Todesschein unseres Kindes, endlich hier Alexis Briese mit seiner vollen Namensunterschrist Alexis Jwanowrtsch Orna- toff. Auch meine persönlichen Papiere sind alle rn guter Ordnung, dazu überhebt rnein Vermögen mich jeglicher materiellen Sorge. Rein, aus Grund dieses alles fürchtete ich die Welt nicht, zweifle nicht an ihrer Anerkennung meines Rechts. Doch frage ich danach nicht einmal, es handelt sich mir vorab darum, Alexis' Geschick zu ergründen —■ dabei möchte ich ihn aber um feinen Preis schädigen, oder etwa feine Sache gefährden durch ein vorzeitiges Bekenntnis unserer Vermählung. Jcy weiß nicht, manchmal erfaßt mich eine wilde Furcht, gerade diese möchte die Grundursache seines Unglücks sein. Jeden- salls ist sie die indirekte Veranlassung — denn um meinetwillen, um mich nicht einsam zu lassen, entfloh er vor der Verhaftung — nicht aus Schuldbewußtsein. Es galt aber wohl dafür, und brachte ihn in eine Lage, die enfletzlich schwierig sein mußte, da er in dieser unsere Vermahlung nickt bestaunt geben wollte. Wie er darüber geschwiegen, will auch ich schweigen — besonders da unser Kind ja nicht mehr lebt. Alexis selbst soll es Vorbehalten bleiben — mich den Ornatoff's als seine Gattin vorzustelten. Ich nahe mich diesen nur als Fremde, so Alexis Nutzen das nicht anders erfordert. Dies muh ich ergründen, und zunächst in Petersburg selbst Erkundigungen einziehen.
Dazu amiga, mußt Du mir behilflich sein, ^ch weist die weitverzweigten Verbindungen Eures Ordenshau^es reichen in die Welt, in die dortigen gebildeten und hohen Kreise, ja so ziemlich in die Aristokratie aller Länder hinein. Verschaffe mir Empfehlungen für Petersburg, verhilf mir zu einer vornehmen Protektorm tu der dortigen feinen Gesellschaft, zu der die Ornatoff's Unzweifelhaft gehören. Das wird meinen Weg sehr erleichtern."
Die arme Clarita sprach von dem allen so entschieden, so sicher, als sei sie bereits auf dem Wege — ihre Wangen brannten dazu, und ihre Augen funkelten in unheimlichem Glanze.
' „Laß uns noch nicht vom Scheiden reden' — bat deshalb Stefanie innig — „selbstverständlich werden wir Dir helfen, soweit wir das können, vorerst aber bleibst Du bei uns, und dann — Du darfst Donna Frasqmtta, Deine mütterliche Freundin, wie Deinen treuen Vormund Don Jose nicht völlig vergessen. Sie werden Dir gleichfalls raten und helfen auf alle Fälle, selbst wenn Du nicht lieber zu ihnen zurückkehren, und es Don Jose überlasten willst, über das Geschick Deines Gatten Aufklärung fiu suchen? —" . r , r
Clarita lieh die Freundin kaum aussprechen, hastig wehrte sie mit der Hand ab; denn ihre Stimme kämpfte mit leisem Schluchzen, ehe sie sagen konnte: „Nein, Stefanie — ich kann nimmer zurückkehren zu der verlassenen Heimstätte. Donna Frasquillo, ist tot, ste überlebte meinen Undank nicht lange. Vor einem Jahre ging sie hinüber in eine bessere Welt. Es war die letzte Mitteilung, die mir Don Jose sandte, danach ist auch er jur mich verschollen. Er ist wieder zur See gegangen, um dort zu leben und zu sterben.
Indes, queriba, selbst wenn die traute Heimstätte noch bestände — für mich wäre sie so fest verschlossen, wie es mir unmöglich ist, Don Jose zu mir zu rufen, damit er mir beistehe, und den Gatten suchen helfe!"
„So hat er Dir Deine rasche, eigenmächtige Handlungsweise noch nicht verziehen?" sagte Stefanie betrübt, indem sie gleich ermutigend beifügte: „Doch das darf Dich nicht schrecken: er wird vergeben, und Dir helfen, so Du ihm Dein Leid bekennst — Don Jose ist ein edler Mann!" _ ,.
„Ja, er ist ein edler Mann; darin hast Du recht,
Stefanie. Er hat mir längst verziehen; sein Herz kennt gegen mich keinen Zorn — nur Liebe! Ja, solch' heiße Liebe, wie ich es nimmer geahnt, ich lernte es erst verstehen und begreifen, als ich selbst liebte, und Donna! Frasquitta's Klage mir verriet, daß ich ihres Joses Lebeus- glück zerstört hatte.
Durchaus hochherzigen Sinnes, hat er dem kindlichen Mädchen nie die Natur feiner Gefühle verraten, sich lieber selbst so lange verbannt, bis ich nach seiner Meinung alt genug sein würde, um mich selber zu verstehen, und unbeeinflußt wählen zu können. So war er, und ich —t ich dankte ihm mit einer aller Dankbarkeit, allem Vertrauen spottenden Heimlichkeit! Doch wie bitter auch sem Schmerz sein mußte, er lieh ihm keine Worte, er hatte solche für mich nicht mehr. — Du siehst jetzt wohl, teure Stefanie, wie wenig ich jenen Freund bitten kann, mir den Gatten zu suchen, der mich seinem Schutze entzog.- Nein, wüßte ich auch, in welchem Weltteile Don ^ose zufinden sei, mein Stolz, wie die Liebe zu meinem Gatten,- würde nicht dulden, ihm eine andere Mitteilung zu senden, als bereits geschehen ist. Von Breslau aus sandte ich dem Marseiller Bankhaus, das meine Geldgeschäfte besorgt, unb etwaige Korresponbenz mit Don Jose nach Möglichkeit vermittelt, ein Schreiben für biesen, worin ich ihm bert Tod meines Kindes, unb unsere Reise nach Rußland an- zeiqte. — Dabei muh es vorläufig bleiben. Don ^ose A Hilfe anzurufen, liegt unter den gegebenen Verhältnissen außer meiner Macht. Ich rechne nur auf Demen- Beistand, Stefanie; wWst Du mich tadeln?"
„Ich glaube, wir find beide jetzt zu tadeln , ent« qeqnete Schwester Stefanie ausweichend. „Du, weil Du Dich zu wenig schonest, ich, daß ich Dich! so lange reden! ließ Doch, nun ist's Dir vielleicht leichter, unb ich bin bankbar. Deine Sorgen mit Dir teilen zu dürfen."
Das gute Nönnchen hatte recht. Clarita war's leichter! ums Herz. Während sie sprach, war ihr selbst ihre Lage klarer, das, was sie unternehmen wollte, faßbarer, deul-i licher, und damit ihr bedrücktes Gemüt freier gewordem- Als Antwort auf Stefcmie's liebreiche Worte, in denen sich der ganze Reichtum eines treuen, teilnehmenden HerzenA widerspiegelte, glitt einmal wieder ein schwaches, liebliches! Lächeln über Claritas durchsichtiges Antlitz, dessen Schqu- heit Harm und Kummer ein eigenes Gepräge verliehen hatte. Die sanfte Stefanie sah es mit Besorgnis, und wohl im Hinblick auf die weite Reise nach Rußland, von der die Leidende so sicher sprach, dachte sie schmerzlich bewegt: Arme, schöne Clarita — ich glaube. Du bist auf dem Wege zu dem Lande, wo alles, selbst etn gebrochenes Herz Ruhe finden kann.'
VI.
Ich muß ihn finden.
Zwei Freunde stehen Hand in Hand- Und nehmen Abschied still;
Der eine zieht in fernes Land, Wie es sein Schicksal will, Behüt' Dich Gott! Nun muh er gehen! Wer weih, ob sie sich Wiedersehen!
Altes Lied.,
Tage und Wochen waren vergangen, seit Clarila'H Lebensschifflein getrieben durch die Hochflut des Leidens! in dem friedlichen Klosterhafen Anker geworfen. Die dort herrschende Ruhe und Stille that ihr ungemein wohl nach all' bett Stürmen seelischer Erregung, die ihren Geist und Körper gebeugt und geschwächt, aber nicht gebrochen, wie Stefanie in schwesterlicher Sorge befurchtet hatte: sie irrte sich darin, ba sie die frische Kraft und Elastizuat vou Clarila's Jugend unterschätzt. Diese wahrte ihr Recht.- Wenngleich langsam, so erholte Clarita sich doch, und nicht allein ihre geschwächte Gesundheit erstarkte, auch ihre geistige Kraft und Leistungsfähigkeit kehrte gestählt zurück Mit ihr wuchs die Entschiedenheit, mit welcher dm junge Frau den innern Blick auf etn bestimmtes Ziel gerichtet hielt. Keine Emwendung, keine Freundessorge, keine Befürchtung vermochte es, sie zu beirren. Aus alle Vorstellungen ihrer Freundin hatte fle nur die eme zuversichtliche Antwort: „Stefanie — ich muß Alexis finden.
All' mein Leben soll ein Wandern sein nach Dir, etn Ringen mit der Welt um Dich! - ich will nicht rasten, bis den Tod ich oder Dich gefunden! sprachen dazu gleichsam


