Mittwoch den 15. Januar.
1902. — Nr. 8.
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4 cc große Mann geht seiner Zeit voraus,
f Der Kluge geht mit ihr auf allen Wegen,
1 Der Schlaukopf beutet sie gehörig aus, Der Dummkopf stellt sich ihr entgegen.
Bauernfeld.
Nachdruck verboten.
Verschollen.
Original-Erzählung von M. Ludolfs.
(Fortsetzung.)
„In meiner grenzenlosen Vereinsamung", fuhr Marita fort, „beschwor ich Gott und die seligste Jungfrau um einen Lichtblick, um die Hilfe einer einzigen befreundeten Seele, die mir raten, mich unterstützen könnte — da kam mir der Gedanke an Dich, teure Stefanie, und an Deine herzlichen Worte in Deinem letzten Bries, worin Du mir Deinen Eintritt in deni Kloster zu Wien mitteiltest. Freilich waren Jahre seitdem verflossen, doch Ihr friedlichen, genug- samen Seelen wechselt und verlaßt nicht so leicht, wie wir lebensdurstige Weltkinder, eine einmal erkorene Stätte. Diese Hoffnung trieb mich her, auf gut Glück bis zur Klosterpforte; hätte ich Dich nicht gefunden, ich würde wohl an Eurer Schwelle zusammengebrochen sein!"
„Und unsere Schwestern hätten sich freundlich Deiner angenommen , liebe Marita. Abgesehen davon, daß sie niemanden, dein sie helfen können, trostlos ziehen lassen, K Du ja noch besondere Rechte hier als einstiger Zög- j des Ordens. Wie glücklich aber bin ich, daß Du Dich unserer gemeinsamen Jugendzeit, und Deiner alten Stefanie erinnert — nun darf ich Dich trösten, und pflegen, damit Du arme Clarita wieder Mut itnb Kraft gewinnst."
„Ja, querida, Du hast Recht, Mut und Kraft thut mir not; denn es liegt ein weiter, dunkler Weg vor mir!"
„Rede jetzt nicht davon, teure Freundin, zunächst bedarfst Du der Erholung nach all' dem großen Kummer."
Clarita sc mttelte den Kopf. „Nein, Stefanie, laß mich reden — laß mich Dir gleich alles sagen, was bereits in meiner Seele zum Entschluß gereift ist. Ich werde meinen Gatten suchen, und sollte ich bis nach Sibiriens Eisregionen wandern müssen. Wir gehören zu einander, Freud und Leid mit einander zu tragen, haben wir vor Gottes Altar gelobt. Freilich, liebe Stefanie, weiß ich ks jetzt — es war ein Gott vergessener Leichtsinn, mit dem wir uns die Trauung erschlichen, und meine teuren Freunde täuschten. Don Jose würde nimmer in die Ver- heunlichung unserer Vermählung gewilligt haben, und ich stunde heute einer fremden, kalten Welt anders gegenüber tote eine arme Frau, die selbst ihr Recht wird er- rstmpfen müssen. Doch ist es meine eigene Schuld. Alexis
würde sich in alle Forderungen Don Joses gefügt haben, — hätte ich darauf bestanden, aber meiner leidenschaftlichen uscheu Liebe bangte vor dem Scheiden — vor ungin-.chseni Warten! Ich wollte keine Trennung von wenigen Wochen oder Monden ertragest, und nun — sind Alexis und ich geschieden, getrennt fast ohne Hoffnung auf Wiedersehen vor dem Tode!
Meine Strafe ist schwer, doch gerecht. Indem ich mich derselben beuge, lebt tröstend das Bewußtsein in mir auf, den Folgen des beguügeiicit Fehlers mutig begegnen, meine jetzige Pflicht treu erfüllen zu wollen. Ich gehöre zu Alexis. Ich muß Klarheit über sein Schicksal haben. Unt diese zu gewinnen werde ich nach Petersburg zur ersten Quelle gehen in Alexis' Elternhaus. Sein älterer Bruder, seine Stiefmutter, seine Freunde — sie müssen mir helfen, ihn zu retten, und sollte ich mit meinen Bemühungen bis zum Zar bringen müssen. Gott wirb mir helfen Alexis' Unschuld an den Dag zu bringen — er hat fein Verbrechen begangen. Ich weiß bas geling, und tollte alle Welt ihn für schuldig halten, ich vertraue ihm!"
Es lag etwas Ergreifendes in dieser festen Zuversicht der armen, verlassenen Frau. Stefanie vermochte kaum, ihre Thränen zurückzuhalten über die bittern Zweifel, die sich ihr aufbrängten; verzeihlicherweise traute sie dem- jentgen wenig, von bent sie thaisächlich nur das eine wußte, wie unsagbar leichtsinnig und unbedacht er einem jungen, ihm völlig vertrauenden Wesen gegenüber gehandelt, dessen Schutz und Stütze er sein mußte. Allerdings erkannte er in den letzten selbst geschriebenen Zeilen diese seine Schuld an. Dies versöhnte wohl in etwa das milde Herz der Klosterfrau, aber ihre unbestochene Vernunft schob doch leise eine Frage über die Glaubwürdigkeit von Herrn und Diener ein. Daß letzterer nicht auf» zufindeu war, blieb verdächtig, und dadurch nur allzu leicht der ganze Bericht. War die arme Clarita am Ende nur das Opfer einer schmählichen Jntrigue? Konnte jene, Alexis Ornatoff nicht lediglich ein Betrüger, ein Abeni teurer sein, der die schöne, vermögende Clarita betröget belogen, und endlich schmählich verlassen, um sich durch ein geschickt ersonnenes Märchen ihrer zu entledigen? Sfe» ruhten indes auch die gemachten Mitteilungen auf Wahrheit, blieb es da anderseits undenkbar, daß jener unbedachte, heißblütige Mann im Augenblick heftigen Zornes wirklich ein, Verbrechen begangen hatte? Was aber hieß dies für seine junge Gattin? Sein Name war der ihre — dessen Schimpf ihr Schimpf, selbst abgesehen von der Gefahr, welcher sich möglicherweise die Frau des Verbrechers aussetzte, wenn sie unbekannt mit den Verhältnissen und Landessitten nach Rußland ging, und sich einer Familie aufdrängte, in die sie sich eingeschlichen, und welche sie vielleicht nimmer anerkennen würde?
Nicht klar, nur im Fluge, blitzähnlich zogen solche Zweifel durch Stefanie's Sinn, und wie sehr sie sich auch


