675
„Sie hatte sich nicht einmal niedergelegt. Sofort stürzte ick nach der Eingangsthüre in der Meinung, sie sei vielleicht eben erst weggegangen, und ich könne sie noch einholen. Doch diese Thür war doppelt versperrt, und den Schlüssel davon mußte sie mitgenommen haben."
„Etwas sehr stark. Und das zweite Schloß erlebte das Schicksal des ersten. Sie haben es also ebenso ausgehoben wie das andere?"
„Nur mit größerer Anstrengung. Es hat zu sehr Widerstand geleistet. Zum Glück hatte ich ein gutes Stemmeisen, das der vorige Mieter in seiner Wohnung zurückgelassen hatte."
„Das war ein vorsichtiger Mann. Und als Sie die Thüre geöffnet hatten, was thaten Sie dann?"
„Ich erkundigte mich sofort bei der Portiersfrau, die mir entgegenrief: ,Was, sie ist noch nicht zurück? Ich habe ihr in der Nacht geöffnet; denn sie wollte ja sür Cie einen Arzt holen!'"
„Brillanter Einfall! Der hätte gerade noch gefehlt."
Hesekiel kam sich vor wie ein Schuljunge in Gegenwart Müllers, des gewesenen Kriminalinspektors, der allen einen Berufskollegen wohl bekannt war, so daß er sich tillschweigend, ohne ein Wort zu entgegnen, ruhig ver- potten ließ. Sein Mißerfolg, und der große Fehler, dessen er sich schuldig gemacht hatte, machten ihn ganz klein, und drückten ihn ganz zu Boden.
„Und Sie haben es nicht einmal für notwendig befunden, Herrn Sanftleben davon zu benachrichtigen?" fragte Müller.
„Ich durfte doch meinen Posten nicht verlassen. Ich sagte mir immer noch, daß sie zurückkehren würde."
„Na, dann erwarten Sie sie auch nur in aller Ruhe weiter. Ich gehe direkt auf die Agentur. Auf die baldige Ehre, Sie wiederzusehen, Herr Hesekiel."
(Fortsetzung folgt.)
Wagner und die Frauen.
Richard Wagner ist nie ein Don Juan gewesen, im Gegensatz zu seinem Freunde Liszt, der das weibliche Geschlecht nicht immer nach dessen innerm Werte einschätzte. Seine Paschahaften Zerstreuungen in Wien im Anfänge der sechziger Jahre mit den seidenen Schlafröcken, mit den verschiedenen Stilen des toten und lebenden Inventars feiner Wohnung bildeten eine Laune seiner ausschweifenden Phantasie, und seiner durch russische Konzerte reichgespickten Börse. Wagner liebte die Frau, aber nicht die Frauen, und kaum eine ist unter den wenigen zu finden, denen er sich näherte, die nicht seiner würdig gewesen wäre. Noch mehr als den großen Goethe trieb ihn eine Art feinsten künstlerischen Instinkts, unter den Frauen nur die geeigneten Modelle für seine Gestalten zu suchen. Weniger ein Hang war es für das schöne Geschlecht, als eine tiefwurzelnde Verehrung für die opfermutige Liebst des Weibes, eine Sehnsucht, das Jdealweib in höchster Vollkommenheit zu erblicken, was bei seinen Beziehungen zum weiblichen Geschlecht maßgebend war. Darum hat denn auch Wagner eine Sieglinde, eine Brünnhilde, etne Kun dry und vor allem eine Isolde wahrhaft erschaffen. Das sind Frauengestalten, die vom außermusikalischen Gesichtspunkt aus noch viel zu wenig gewürdigt worden sind. Hieran tragen die fanatischen Lobpreisungen eines Chamberlains nicht weniger Schuld, wie unsere Primadonnen, deren Verständnis meist kaum für die großen Umrisse genügt. Wir suchen auf dem Gebiete des Dramas ganz vollendete Darsteller des Hamlet, des Faust, Torquato Tasso mit der Laterne; und dennoch sind die Schauspieler meist im Besitz einer litterarischen Vorbildung, während bei Sängern und Sängerinnen die Stimme und der äußere theaterfähige Zuschnitt für ihre Zulassung zum Theater entscheiden. Wir ziehen mit 'Absicht männliche Charaktere zum Vergleich heran. Tenn im Gegensatz zu unfern großen Dichtern, deren Frauencharaktere meist nur den Geschlechtscharakter des Weibes in immer neue Formen wandeln, versenkt Wagner in seine späteren Frauengestalten eine Intelligenz, eine Feinnervigkeit und eine innere Triebkraft, durch die sie ihre männlichen Mitspieler überragen und durch die, um ein modernes Wort im umfassenden Sinne zu gebrauchen, die Frauen die wahren Chauffeusen seiner Musikdramen werden. Wer diese Gestalten beweisen naturgemäß, daß Wagner im Verkehr mit Frauen
von jeder Flatterhaftigkeit und Oberflächlichkeit entfernt war. Bestimmend sür seinen künstlerischen Lebensweg waren nämlich drei Frauen, seine noch lebende Witwe, dann seine erste Gattin, die Schauspielerin Marie Planer, endlich Frau Mathilde Wesendonck, und wenn wir bedenken, daß er die oben genannten Bühnencharaktere, von der Kundry abgesehen, zu der Zeit schuf, wo er im Wiesen- donckschen Hause verkehrte, so können wir den Einfluß grade dieser Frau auf den Dichterkomponisten nicht hoch genug bemessen. Seine frühe Heirat mit der Planer war ein Mißgriff. Die Gattin stand dem Wlerfluge ihres Mannes verständnislos oder gar widerstrebend gegenüber; es wurmte sie, daß er nicht weiter um des lieben Effektes und des Geldes willen Opern geschaffen hätte wie den Rienzi. Kinder, zur Ablenkung und Ausgleichung dieses geistigen Gegensatzes, waren keine vorhanden. Es gereicht Wagner zur Ehre, daß er sich trotzdem nicht als „Ueber- künstler" fühlte, der kaltlächelnd Hut und Mantel nimmt und seine Frau ihrem Schicksal überläßt. Tie Trennung des Zusammenlebens vollzog sich im beiderseitigen Einverständnis, und er hörte nicht auf, für die Planer bis an ihr Lebensende zu sorgen; sie hat sogar noch kurz vor ihrem Tode ein geharnischtes Wort zu Gunsten ihres Richards ergriffen. Und so war es unausbleiblich, daß sich Wagner von einer so überlegenen, ihn in allen Plänen und Erzeugnissen verstehenden Frau wie Mathilde Wesendonck trotz aller Hindernisse ungemein lebhaft angezogen fühlte. Frau Wesendonck war an einen Rechtsanwalt verheiratet, hatte bereits Kinder, und dachte nicht daran, ihre Ehe zu lösen. Daraus folgte, daß das Einverständnis mit Wagner ein geistiges bleiben mußte, wie es denn auch für jeden Kenner des Tristan klar ist, daß nur, aus einer leidenschaftlichen Sehnsucht, aber nicht aus einem glücklichen Ergebnis ein Werk voll der tiefsten Weltabkehr- ung und der sehnsüchtigsten Lebensverneinung entstehen konnte. Ein ursprünglich in der „Tägl. Rundschau" veröffentlichter Brief Wagners an seine Schwester macht soeben die Runde durch die deutsche Presse. Er verbreitet in vielfacher Hinsicht gegenüber den bisherigen, ziemlich vagen Vermutungen ein neues Licht, in dessen Strahlen die Beteiligten eigentlich nur gewinnen. Wir übergehen den Passus, der über Wagners Gattin handelt, und geben den Hauptinhalt über die Beziehungen mit Frau Wesendonck wieder. „Genf, 20. August 58. Meine liebe Kläre! . . Was mich seit sechs Jahren erhalten, getröstet und namentlich auch gestärkt hat, an Minnas Seite, trotz der enormen Differenzen unseres Charakters und Wesens, auszuhalten, ist die Liebe jener jungen Frau, die mir anfangs und lange zagend, zweifelnd, zögernd und schüchtern, dann aber immer bestimmter und sicherer sich näherte. Da zwischen uns nie von einer Vereinigung die Rede sein konnte, gewann unsere tiefe Neigung den traurig wehmütigen Charakter, der alles Gemeine und Niedere fernhält, und nur in dem Wohlergehen des andern den Quell der Freude erkennt. Sie hat seit der Zeit unserer ersten Bekanntschaft die unermüdlichste und feinfühlendste Sorge für mich getragen, und alles, was mein Leben erleichtern konnte, auf die mutigste Weise ihrem Manne abgewonnen. Dieser konnte der offenen Unumwundenheit seiner Frau gegenüber nicht anders, als bald in wachsende Eifersucht verfallen. Ihre Größe bestand nun darin, daß sie stets ihren Mann von ihrem Herzen unterrichtet hielt, und ihn allmählich bis zur vollsten Resignation auf sie bestimmte. Mit welchen Opfern und Kämpfen dies nur geschehen konnte, läßt sich leicht ermessen; was ihr diesen Erfolg ermöglichte, konnte nur die Tiefe und Erhabenheit ihrer, von jeder Selbstsucht fernen, Neigung sein, die ihr die Kraft gab, ihrem Manne sich in solcher Bedeutung zu zeigen, daß dieser, wenn sie endlich mit ihrem Tode drohen konnte, von ihr abstehen, und seine unerschütterliche Liebe zu ihr dadurch bewähren mußte, daß er sie selbst in ihrer Sorge für mich unterstützte. Es galt ibm endlich, sich die Mutter seiner Kinder zu erhalten, uno um dieser willen — die ja uns beide auch am unüberwindlichsten trennten — fügte er sich in seine entsagende Stellung. So, während er von Eifersucht verzehrt war, wußte sie ihn wieder so für mich zu interessieren, daß er — wie Du weißt —r mich oft unterstützte; als es endlich galt, mir nach Wunsch ein Häuschen mit Garten zu verschaffen, war sie es, die es mit den unerhörtesten Kämpfen über ihn gewann, für mich das schöne Grundstück neben dem {einigen zu kaufen. Das wundervollste aber ist, daß ich


