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also überzeugen, ob sie in ihrem
irgendwelche Verdachtsgründe, eine nicht der eigentliche Grund —"
Bette war?" „Hatten Sie also
Furcht?"
„Nein, das war stammelte Hesekiel verlegen.
„Ach so. Ganz richtig. Ich verstehe. Tie Thur war also verschlossen. Sie klopften zuerst lerse an, dann immer »stärker. Sie hat — natürlicherweise — nicht geantwortet. Dann also sahen Sie sich gezwungen, das Schloß auszuheben. Nicht wahr?"
"Und "^ie fanden die Elster nicht mehr in ihrem Nest — nein Pardon, der Ausdruck paßt nicht hierher — in ihrem Bette, wollte ich sagen."
des Vorzimmers."
„Sie schlief wohl im Vorzimmer?"
„Nein, aber in einer Kabuse, die an dasselbe stoßt und deren Thüre sie immer offen ließ." ,
„Sie wollten sich also überzeugen, ob sie tn ihrem
Sanftmut, „wenn Sie nichts dagegen haben, mit dem Mädchen reden, das in Ihren Diensten steht, mit Fraulein
„So, Sie kommen also ihretwegen! Sie kommen Uso ihretwegen!" wiederholte Hesekiel zweimal und durchbohrte Müller mit verdachterfüllten, beinahe drohenden
„Verlange ich denn etwas Unbilliges? Liegt denn in meiner Frage etwas so Besonderes? Ich komme aus ihrer Heimat und — —" , „ ,
„So? Aus ihrer Heimat? Wirklich?" memte Hesekiel voll Ironie. „Nun, wenn Sie von dort kommen, werden Sie auch nicht mehr so bald zurückkehren . . . Jetzt halte ich Sie. Ich halte Sie gefangen."
Dann stürzte er, um die Worte zur That zu machen, auf die Eingangsthüre los, stemmte sich gegen dieselbe und rief:
„Sie werden mir nicht mehr herausgehen."
„Ich verlange auch nichts Besseres", antwortete der Detektive mit unverwüstlicher Ruhe. „Im Gegenteil, ich wünsche sogar hineinzugehen. In Ihrem Vorzimmer ist es nämlich verdammt kalt. Die Thüren schließen schlecht. Tas ist zwar kein Wunder; denn jeder fehlt das Schloß."
„Tas hat auch seinen Grund", zischte Hesekiel zwischen seinen Zähnen hervor. „Gehen Sie nur hinein, treten Sie nur ein! Gehen Sie zuerst! Wir werden uns drinnen viel besser auseinandersetzen."
Müller, in aller Seelenruhe auf die Stubenthür zugehend, öffnete sie und trat ein. Hesekiel folgte ihm auf dem Fuße. Er hatte nicht übel Lust, sich aus den Fremden zu stürzen. t c
„Ta bin ich nun", begann Müller, sich umwendend. „Aber ich sehe Minna nicht. Und sie ift es allein, die ich zu sehen wünsche."
„Sie wissen recht gut, daß sie nicht mehr hier ist."
„Was? Sie ist nicht mehr da? Machen Sie keine schlechten Witze."
„Sie ist diese Nacht jedenfalls durchgebrannt, um Sie aufzusuchen. — Sie — Sie — Ihr habt Euch jedenfalls gekreuzt, und nun kommen Sie heute morgen daher, sie abzuholen."
„Wirklich? Haben Sie wirklich diese Meinung? Na, zu schlau sind Sie gerade nicht —" und mit leiser Stimme, sich ihm nähernd, fügte er bei: „für einen Beamten der Agentur Sanftleben."
„Was sagen Sie?"
„Daß Sie gar nicht Neumann heißen, sondern Hesekiel. Sie sind hier im Auftrage Ihres Direktors und Herrn von Sempachs. — Sie sehen, daß ich im Laufenden bin."
„Ja, wer sind Sie denn?"
„Ich heiße Müller, bin gewesener Kriminalinspektor, verabschiedet, nicht aber stellenlos."
„Ah, Sie sind es, den — —"
„— Herr Sanftleben im vorigen Monat aus Monte- Carlo mit nach Berlin bringen wollte. Ganz recht. Da ich nicht in der Lage war, seiner Aufforderung nachzukommen, hat er mich durch Ihre werte Person ersetzt, und ich sehe jetzt, wie schlecht er damit gefahren ist. — Habe ich Sie recht verstanden, so haben Sie ihren Vogel aus feinem Nest entwischen lassen?"
„Ja. Sie ist diese Nacht verschwunden. — Aber sie kommt vielleicht wieder zurück. Sie hat alle ihre Effekten zurückgelassen."
„Ja. Sie haben schon recht, — warten Sie nur darauf. — Ah, daß ich gerade um ein paar Stunden zu spät kommen mußte! Das hat man davon, wenn man mit einem Bummelzug und in dritter Klasse zurückkehrt ! — Hütte ich nur im letzten Moment noch eine volle Nummer gezogen, wäre ich gestern früh in Berlin angekommen, mit dem Schnellzug, wäre in den Justizpalast geeilt, hätte der Verhandlung beiwohnen, und jedenfalls die falsche Minna entlarven können. — Ah! Sie ist entwischt! Und haben Sie das nicht kapiert, Herr Hesekiel, daß sie, um durchzubrennen, nur die Nacht benutzen wird?"
„Weshalb?"
„Weil ihr der Zwischenfall bei der Sitzung, der Aufschub des Urteils auf einen neuen Termin unzweifelhaft einen gewaltigen Schrecken eingejagt haben dürfte."
„Mein Gott", gestand Hesekiel voll Naivetät, „ich hielt sie für unschuldig."
„Na ja. Da haben wir's. Ich habe ja keinen Augenblick daran gezweifelt. Sie hatte Sie vollkommen um» aarut. — Ja, sehen Sie, mein lieber Freund, in diesem Geschäft muß mau den hübschen Mädchen mißtrauen. Entwerfen Sie mir einmal, ich bitte, das Bild dieser Zauberin. Denn so viel werden .Sie wohl einsehen, daß wir sie suchen wollen."
„O ja, — überall, — überall! Ich will sie wieder-, inden, ich will mich rächen!"
Müller lächelte und begann zu fragen:
"Nein^b k^E? von schlanker, hübscher, niedlicher Gestalt."
„Noch ganz jung?"
„Etwa zweiundzwanzig."
„Brünett?"
„Nein, rothaarig." , v,, „ ,
„Vielleicht gefärbt? — Es giebt auch falsche Rothaarige." , ,,
„Nein, nein, ihr Haar stimmt mit ihrem Teint iiber- ein; denn sie hat Sommersprossen."
„Sieh da, sieh da! Also Sommersprossen! — Haben Sie an Ihr nicht eine besondere Eigenschaft oder Angewohnheit bemerkt?"
„Nein, ich kann mich nicht entsinnen."
„Na, denken Sie mal gut nach."
„Ja, ich glaube, daß ich auf ihrer Wange eine
kleine Narbe bemerkt habe."
„Ah, eine Narbe auf der Wange!"
„Ich kann es nicht bestimmt behaupten. Denn seit ihrer Krankheit trug sie stets ihren Kopf in ein Tuch gehüllt." „ ,
„Dann können Sie überzeugt sein, daß sie eine Narbe gehabt hat. — Auf welcher Wange? Auf der rechten vielleicht?" , . ,
„Ja, wenn sie eine hatte, so war sie auf der rechten.
— Erkennen Sie diese Person?"
„Nein — noch nicht. — Wie sind ihre Zahne?"
„Sehr schön, blendend weiß, etwas zugespitzt."
„Gespitzt! — Noch eine letzte Frage! — Erzählen Sie mir etwas von ihrer Zunge."
„Von ihrer Zunge?" fragte Hesekiel überrascht.
„Na ja. — Erschrecken Sie nur nicht gleich so.
Fuhr sie sich damit nicht öfters Über die Lippen sehen Sie mal her — beiläufig so?"
„Ja, ja, Sie haben recht. — Ich habe diese Angewohn- heit auch bemerkt. — Also, Sie wissen, wer Minna ist?"
„Nein, nein, ich suche bloß — das ist alles. Ich bemühe mich, die Bilder aller dieser Gaunerinnen, die ich bereits gekannt habe, an mir Revue passieren zu lassen, und irgend eine Aehnlichkeit zu entdecken. — Um wieviel Uhr, glauben Sie, hat sie dieses Haus verlassen?"
„Ich denke, gegen fünf Uhr morgens.",
„Sie hat die Schlösser ausgehoben, wie ich sehe?
„Nein — das that ich; denn sie hatte mich ein» gefcE),Ioffen.$a$en die Rolle gewechselt. Sie waren also derjenige, der bewacht wurde, Herr Hesekiel. Und wie haben Sie ihr Verschwinden entdeckt?"
„Ich konnte diese ganze Nacht nicht schlafen. — Ich war aufgeregt, voller Unruhe "
„Zu viel Imagination."
„Gegen vier Uhr früh schlich ich mich an die Thure


