Freitag den 14. November.
|Wr
1902. — Nr. 169.
NN «MWH
NW L'MG'
(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-
(Fortsetzung.)
„Ja, er ist gerettet worden, aber, bemerke ich Ihnen, ohne Zuthun und Hilfe meiner Agentur. Die Aktien stehen also für mich bedeutend schlechter, als wenn ich hätte z.B. sagen können: Die Schuldige war das Kammermädchen Minna, die ich habe überwachen lassen."
„Das können Sie immerhin noch sagen. Herr von Sempach wird darüber sehr glücklich sein. Fräulein Bertha Rakenius oder irgend eine andere kann zwar immer rufen: „Er ist den Abend des Verbrechens bei mir gewesen" — aber sie wird nicht mehr erreichen, als im Verstand der Herren Geschworenen ein großes Durcheinander hervorzubringen und wahrscheinlich den Freispruch herbeizuführen. Sie wird es aber nicht erreichen können, die ganze Welt davon zu überzeugen, und Ihr Klient wird aus dem ganzen Prozeß nicht mehr mit seiner früheren makellosen Ehre hervorgehen. Wenn es uns aber gelingen würde, den Schuldigen zu finden —"
„Haben Sie auf jemand Verdacht?"
„Den Ihrigen: Verdacht gegen jenes Stubenmädel. And wissen Sie, weshalb ganz besonders? Weil sie den Angeklagten, den sie in der Untersuchung schwer belastet und beschuldigt hat, in der Gerichtssitzung nicht angegriffen, sondern geschont hat. Ich habe mir dabei gleich gedacht: Halt! Die Kleine hat's mit der Angst!"
„Die Freunde des Herrn von Sempach hatten dasselbe Gefühl wie Sie. Trotzdem muß ich Ihnen mitteilen, daß wir an dem Mädchen nichts Verdächtiges entdecken konnten. Ihre Aufführung ist eine tadellose und musterhafte."
„Wer hat Sie dessen versichert? Wer hat sie beobachtet?"
.>>■ ->'.Einer meiner Beamten, ein intelligenter, heller Mrksche."
„Neu im Amte?"
„Ja."
„Jung?"
„Etliche dreißig Jahre/*
„Ein hübscher Junge?"
z/92id)t
"und das Mädchen ist auch hübsch, wie ich den Zeitungen entnommen habe?"
„Sie hat ganz sympathische Züge."
„Na ja! Hab' mir's ja gedacht. Anstatt für Sie KU arbeiten, arbeitete er auf eigene Rechnung. Er hatte den Auftrag, den Beobachter und Polizeispitzel zu spielen, er aber spielte lieber mit der Liebe. Gestatten Sie mir die Bemerkung, mein sehr verehrter Herr Sanftleben, daß, eine kolossale Unvorsichtigkeit ist, ein hübsches
Mädchen von einem hübschen und noch jungen Bursche« beobachten und bewachen zu lassen."
„Ich will Ihnen mit gleichem Borwurf erwidern« Menn Sie mir, anstatt in Monte-Carlo zu bleiben und! mit ihrem System in die Luft zu fliegen, nach Berlin! gefolgt wären, wie ich Sie gebeten hatte, wäre Minna! entschieden besser bewacht gewesen."
„Da die Verhandlung glücklicherweise auf einen anderen Termin verschoben ist, habe ich immer noch Zeit genug, mich ans Werk zu machen. Ich sagte Ihnen bereits, ich brauche Arbeit, um mich erstens von meinen Verlusten zu erholen, und zweitens, um das verdammte! Roulette, das mir noch im Schädel brummt, zu ven gessen."
„Schön also! Arbeiten Sie! Nur müssen Sie sich zuerst mit dem andern in Verbindung setzen."
„Mit dem Verliebten? — Schön. Wie heißt er? Wo wohnt er?"
„Er heißt Hesekiel, und wohnt unter dem Namen Neumann in der Augsburgerstraße."
„Und die Kammerfrau?"
„Sie wohnen zusammen; er hat sie als Stuben.'« mädchen ausgenommen."
„Schau, schau! Das ist ja gar nicht übel. — Also werde ich sie bei ihm treffen?"
„Auf alle Fälle."
„Mir wäre es ganz recht, sie zu sehen. Ist sie eine Verbrecherin, so kenne ich sie vielleicht wieder. Gott, ich habe ja so viele gekannt! — Ich eile also unverzüglich in die Augsburger Straße. Ich bilde mir ein, von dieser Seite zu gewinnen. — Das Glück schuldet mir nach dem Pech, das ich die ganze Zeit hindurch gehabt habe, eine. Revanche."
65. Kapitel.
Müller wollte eben an der Thüre Hesekiels klingeln, als er bemerkte, daß dies ganz überflüssig war, denn er brauchte nur die Thür aufzustoßen — ein Schloß saß nicht daran. Der frühere Kriminalinspektor umging gerne, wenn es irgendwie anging, jede Anmeldung und liebte, es, seine Leute zu überraschen; hinterher gab er ihnen dann die nötige Aufklärung und entschuldigte sich.
Kaum aber hatte er zwei Schritte in den Korridor! gethan, als sich eine zweite Thür, die ebenfalls ohne Schloß war, öffnete und in ihrem Rahmen ein Mann erschien. Es war Hesekiel. Enttäuscht und erschreckt prallte er vor dem Anblick des Fremden zurück. Er hatte vermutlich jemand ganz anderes erwartet.
„Wer sind Sie? Was wollen Sie?" fragte er in unwirschem Ton.
Anstatt einer Antwort stellte Müller Gegenfragen.
„Ganz recht. Ich bin doch fünf Treppen, rechts, bei Herrn Neumann?"
„Ja, ich bin Neumann. Was wünschen Sie?"-
„Ich möchte gern", erwiderte Müller mit der größte«


