Montag den 14. Kult.
Nr. 103.
1902.
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(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
(Fortsetzung.)
Paul Lehmigke stand auf und schloß die Balkonthür, durch welche ein breiter, goldener Strom der Mvrgensvnne flutete. „Verzeihen Sie, es wird warm."
Als er Traute wieder gegenübersaß, hatte sein Gesicht Wieder den früheren geschäftsmäßigen Ausdruck.
„Der Vorschlag, den ich Ihnen jetzt machen werde, betrifft ebenso sehr mein Interesse wie das Ihre, und ich bitte, im Auge zu behalten, daß für uns beide nur das Geschäftsinteresse ausschlaggebend ist, weshalb wir uns gegenseitig nie weiter verpflichtet sein werden, als der Kontrakt uns bindet. Wenn Sie die Pflichten dieses Kontraktes übernehmen und erfiillen wollen, sind Sie mir weiter nicht den geringsten Dank schuldig, ebenso wie ich, wenn ich meinen entsprechenden Verpflichtungen nachkomme, Ihnen weiter nichts schulde. Ich schicke dies voraus, um uns gegenseitig vollkommene Freiheit zu wahren."
Er machte eine kleine Pause, aber da Traute nichts erwiderte, sondern mit einiger Spannung auf ihn blickte, fuhr er fort: „Ich weiß nicht, ob Sie gehört haben, daß ich außer Brantikow das große Forstgut Kienberg käuflich erworben Und dort an der Neiße eine Papierfabrik gebaut habe. Kienberg liegt an der schlesischen Grenze, zu weit von der Bahn entfernt, um das Holz preiswert auf den Magkt zu bringen, weshalb ich die Fabrik baute. In dem Kontor dieser Fabrik ist neben dem Geschäftsführer der Platz eines Sekretärs für die Korrespondenz frei und diese Stellung wollte ich Ihnen antragen. Ich setze voraus, daß Sie die englische und französische Sprache genügend beherrschen, um Geschäftsbriefe übersetzen und schreiben zu können?"
Traute bejahte dies.
„Gut. Im übrigen würden Sie sich unter der Leitung des Geschäftsführenden bald einarbeiten. Sie würden täglich die Bureaustunden einzuhalten haben und außer freier Wohnung und Kost monatlich fünfzig Mark Gehalt beziehen, doch ist eine Steigerung in Zukunft nicht ausgeschlossen. Mas nun Ihre Frau Mutter und Schwester betrifft, so habe ich für dieselben ebenfalls Beschäftigung in Kienberg. Meine Fran nnd ich sind zu sehr an Brantikow und Leipzig gefesselt, um die nötige Aufsicht in Kienberg führen zu können, doch habe ich eingesehen, daß ich die Hauswirtschaft nicht ohne eine Spitze lassen kann. Ich denke, Ihr Fräulein Schwester würde diese Stellung ausfüllen können. Ich würde ihr ein eingehendes Programm ihrer Pflichten liefern, das ihre Kräfte und Kenntnisse kaum übersteigen wird, da es sich hauptsächlich um die Führung der Kässe und Wirtschaftsbücher und um eine bestimmte Kontrolle handelt. .Sie würde dafür außer freier Station ebenfalls fünfzig
Mark monatlich erhalten. Selbstverständlich können Sitz beide nicht ohne Ihre Frau Mutter leben, diese kann auch nach Belieben Sie oder Ihre Schwester in Ihrer Thätig- keit unterstützen, wofür id) auch ihr freie Kost und Wohnung biete. Sie braucht dieses Anerbieten keinesfalls als eine Wohlthat anzusehen, ich habe das Gehalt für Sie und Ihre Schwester danach berechnet, und da mir alles au einer endsprechenden Vertretung meiner Frau liegt, könnte ich nicht zwei junge, unverheiratete Damen allein an die Spitze diefeH Haushaltes stellen. Die unanfechtbare Autorität muß meinen Beamten und Leuten gegenüber in jeder Beziehung gewahrt werden. Mit mir persönlich werden Sie wenig zu thun haben. Ich werde int Jahre ein paar Mal auf einen Tag nach Kienberg kommen, gewöhnlich zu Quartalsschluß, aber nicht öfter. Annehmlichkeiten und Zerstreunngen wird Ihnen das einsame, entlegene Forstgut allerdings nicht viel bieten, aber vielleicht wird Ihnen ernste Arbeit und das Bewußtsein der Selbständigkeit einen Ersatz dafür ge* währen. Jedenfalls überlegen Sie reiflich. In drei Tagen werde ich kommen, mir eine entscheidende Antwort M holen."
„Ich brauche keine Bedenkzeit, idj brauche nicht drei Minuten zur Ueberlegung", rief Traute eifrig und ohne ihre Freude zu verhehlen. „Ich bin Ihnen so dankbar. Ich nehme Ihren Vorschlag sofort für mich an! Es war seit langer Zeit mein heißester Wunsch, durch eigene Arbeit frei zu werden, frei von dieser drückenden Misere, von den unerträglichen Demütigungen der Hilflosigkeit und Abhängigkeit! Es ist mir ganz gleich, ob ich in einer Waldeinsamkeit oder in einer Wüste leben soll, wenn ich nur arbeiten und frei werden darf! Sie ahnen nicht, wie qualvoll die Hilflosigkeit dieser letzten Jahre war, die jedem das Recht gab, uns mit Nichtachtung zu behandeln, und uns Vorwürfe zu machen! O, wie dankbar bin ich Ihnen!"
Traute hatte angefangen, heftig zu schluchzen und sie griff in ihrer Erregung nach Paul Lehmigkes .Hand. Sie fühlte in diesem Augenblick nichts als unbegrenzte Hochf- achtung vor dem Mann, der stark und teilnahmsvoll genug war, um sie aus ihrem Elend retten zu wollen.
Aber er, der sie unverwandt, fast starr angesehen hatte, während sie mit fliegenden Worten und glänzenden Augen sprach, entzog ihr seine Hand und sagte ablehnend: „Sie vergessen, daß von. Dank zwischen uns gar keine Rede ist. Wir wollen uns nicht mit lästigen und unnützen Illusionen aufhalten. Es freut mich, wenn Ihnen mein Vorschlag gelegen kommt, int übrigen habe ich nur meinen eigenen Vorteil im Auge. Die Mißstände in Kienberg waren mir längst ein Dorn int Auge, und alle Versuche, ihnen abzuhelfen, scheiterten bis jetzt. Ich war darauf und drjan, das Gut wieder zu verkaufen, trotzdem die Fabrik anfängt zu rentieren, denn ich kann keinerlei Unordnung ertragen. Es muß sich nun freilich erst zeigen, ob Sie und Ihre Schwester der Aufgabe gewachsen sein werden, aber tch wetß, Ste haben eine harte Schule durchgemacht, und tch habe etmges


