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Zutrauen zu Ihrem guten Willen und Ihren Fähigkeiten. Kon Ihrer Frau Mutter erwarte ich allerdings weiter nichts, als daß sie Ihnen der erforderliche Schutz ist."
-„Wollen Sie jetzt gleich-mit Mama sprechen?"
„Nein, ich habe jetzt keine Zeit. Bereiten Sie sie erst auf meine Pläne vor. Ich komme heute abend wieder."
Nachdenklich ging Paul Lehmigke durch den Johannapark nach der Stadt zurück. Der Sommerchorgen war heiß und staubig, und über der Stadt lagerte eine rötlich graue Dunstschicht. Ueber die versengten Rasenflächen des Parks strich der vrennenve Atem des jungen Tages wie ein Seufzen nach Erfrischung.
Lebmigke blickte finster vor sich nieder. Er hätte jetzt gern den Kontrakt mit Traute rückgängig gemacht. Warum hatte er sich von seiner Frau dazu überreden lassen?
Ja, Alma selbst hatte ihn auf die Idee gebracht. Er bemühte sich vergeblich das Leitmotiv ihrer Handlungs- weise zu finden, denn sentimentale Anwandlungen von Mitleid oder Großmut waren sonst nicht ihre Sache.
Als sie ihm bei seiner Rückkehr von Trautens Besuch erzählte, und er jede weitere Rücksicht auf Herrn Belten kurz nblehnte, hatte sie, wie einer plötzlichen Eingebung folgend den Vorschlag, vb die Familie Velten nicht vielleicht in Kienberg nutzbar zu machen sei, leicht hingeworfen. Es »kÄme ja dort weniger auf Intelligenz und Tüchtigkeit, als -auf eine ehrenhafte, zuverlässige Autorität an.
Auch diesen Vorschlag hatte er verworfen. Er wollte nichts mit einem unfähigen Manne wie Velten zu thun haben, und die Kosten, die ganze Familie zu erhalten, beliefen sich doich wohl zu hoch für einen Aufseherposten.
Da kam die Todesnachricht aus Leipzig und zugleich die .Kunde aus Kienberg, daß der Schreiber in der Fabrik davongelaufen sei, und daß die Wirtschafterin sich mit dem Administrator geprügelt nnd infolgedessen gekiindigt habe. Es stchien, niemand hielt es dort in der Einsamkeit aus.
Infolge dieser Nachrichten erwog Lehmigke den Botz- schlag seiner Frau noch einmal und fand, daß er ihn unter der jetzigen Lage der Dinge zu seinem Vorteil verwirklichen könne.
Auch das Mitleid sprach mit. Er konnte jetzt ohne Gefahr für seine Seelenruhe Mitleid mit Traute haben.
In den letzten vier Jahren waren jene Frühlingstriebe seines Gemütslebens abgestorben und verdorrt. Die Ehe Und seine umfassende Thätigkeit hatten selbst die Wurzeln Mit 'Stumpf und Stiel ausgerottet. So wenigstens schien es' ihm.
Durch seine Ehe war ihm die Frau als Spezies ganz Nebensache geworden, ja, sie war ihm sogar verleidet. Und durch seine Thätigkeit, die alles in ihm aufbrauchte, was an Kraft und Lebensfülle in seiner Natur war, blieb ihm das Leben interessant und der Mühe wert.
Er hatte Traute vergessen.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Meilenweit nichts als schlanke, ragende Fichtenstämme Und in den schwärzlich grünen Kronen ein leises- melodisches Sausen. Zwischen die silbernen Säulen der Bäume hatte der weiche, feuchte Sommerab'end seine graublauen Dämmerschleier gehängt, und nach einem Regentag lag ein lauwarmer, sternenloser Himmel schwer über den Wipfeln.
Tiefer, immer tiefer in den Wald hinein ging die Fahrt. In der offenen, altmodischen Halbchpise, die langsam durch die sandigen, schmalen Wege schwankte, befanden sich drei Damen in tiefer Trauer, Frau Belten mit ihren Töchtern, dre sich bereits heute, am ersten Juli, nach Kienberg begaben, das fortan ihr Aufenthalt sein sollte.
Die letzte Eisenbahnstation Rietschen, wo sie Herrn Leh- tnigkes Fuhrwerk abholte, lag noch gut zwei Meilen von Kienberg entfernt, und die Fahrstraße führte mitten durch den großen Forst. I
Paul Lehmigkes Anerbieten hatte zwar nicht bei allen | Familienmitgliedern so ungeteilten Beifall gefunden wie bei Traute, aber es war doch angenommen worden. Es i sand sich eben nichts Besseres.
Frau Belten erwog ernstlich, ob ihre Töchter, eine künftige Frau von Lodenstein und eine Gräfin Stauffen, die gebotenen Stellungen annehmen dürften, aber zum Glück hatten die Töchter ein besseres Einsehen ihrer Lagen.
.Selbitz Hulde hätte in den Tagen des Zusammen
lebens mit den Tanten solche Furcht vor dem Beistände der Verwandten bekommen, daß ihr Lehmigkes Aners! bieten wie eine Rettung erschien, und sie auch Egons Ab!- Neigung dagegen zu überwinden wußte.
Die Tanten redeten entschieden zu. Es war eine große Erleichterung für sie, daß sie die Verwandten nicht zu er-, halten brauchten.
Und nach einer Geschäftskonferenz mit Herrn Lehmigke, die ihnen Hoffnung auf Rettung eines Teiles ihrer ge- opferten Gelder ließ- hatten sie unbedingtes Vertrauen zu diesem.
Es blieb noch ein Stein des Anstoßes auf dem neu gebahnten Wege, das war Armin. Es stellte sich heraus/ daß er nicht nur gänzlich verbummelt und unfähig, sein Examen zu machen, war, sondern er hatte Schulden von einigen Tausend Mark und war schwer in seiner Gesundheit geschädigt.
Was sollte nun werden? Die Tanten rangen die Hände- und Frau Belten wurde krank vor Kummer.
All die nützlichsten Betrachtungen, die Tante Bertha! über die schädlichen Extravaganzen des Korpslebens anstellte, und all die eindringlichsten Strafpredigten, die sie ihrer Schwägerin wegen ihrer Affenliebe M diesem hoff-, nungsvollen Sohn hielt, kamen leider zu spät.
Man wandte sich an Herrn Lehmigke und fragte diesen um Rat, in der Hoffnung, er würde auch hier helfen. Frau Belten hätte sich durchaus nicht gewundert, wenn er ihv bereitwillig versichert hätte, er würde es sich zur Ehre anrechnen, ihrem Sohn M helfen. Sie hielt immer noch an den alten Wahnvorstellungen ihrer Standesvorzüge fest und konnte ihre veränderte Lebenslage nur bis zu einem' gewissen Punkt, bis zu dem leeren Beutel begreifen. Der neu angeknüpfte Verkehr mit Herrn Lehmigke bedeutete für sie immer noch eine Herablassung von ihrer Seite .
Traute war sehr dagegen gewesen, Herrn Lehmigke mit ihres Bruders Angelegenheiten zu behelligen, und es zeigte? sich, daß sie die einzige war, die ihn richtig beurteilte. Er verhielt sich durchaus ablehnend und wollte nichts damit zu thun haben. Endlich kam die Sache vorläufig durch Onkel Lothar zur Erledigung, der seinen Neffen zu sich beorderte,- damit er sich während der großen Sommerferien bei ihm aus dem Lande kräftigen und mit ihm das weitere für seine? Zukunft beraten könne.
Wer Armin ging zu diesem Onkel wie in eine Strafverbannung, und sein Schicksal wie der Abschied von ihm lagen seiner Mutter und seinen Schwestern schwer auf der Seele.
Es war eine schweigsame Fahrt am ersten Juli durch den dämmernden Fichtenwald. Wieder ein Verlust der Heimat, wieder ein Wandern hinaus ins Ungewisse!
Und man hatte ein Grab zurückgelassen, und eine große Niederlage. Den Zusammenbruch der Existenz und Armins Schiffbruch.
Frau Belten lehnte müde tief in der Wagenecke und hüllte sich fröstelnd in ihren Mantel. Sie war gebrochen an Leib und Seele. Ein einziger großer Trost war ihr geblieben, daß sie unschuldig litt. Sie hatte keine Ahnung- wo der Irrtum ihres Lebens lag. Es gab eine Erklärung für ihr Martyrium, die weiter kein Nachdenken erforderte, sondern nur Glauben, nämlich daß Gott diejenigen züchtigt, die er liebt.
Traute hatte sich zu dem Kutscher gesetzt, Um die Gegend besser übersehen zu können und weil der dritte? Platz in der Hal'bkutsche sehr eng und unbequem war. Ihr! Herz war voll und ihr Gemüt sehr erregt. Es galt ja, ein ganz neues Leben anzusangen!
Ehe sie Leipzig verließ, hatte sie Camill Staufsen den Abschiedsbrief geschrieben. Der Schmerz war heftig gewesen. Es war nicht so leicht, mit der Erinnerung au die? Süßigkeit unh :Wonne dieser ersten Liebe fertig zu werdeu, wie sie sich gedacht hatte bei dem ersten heroischen Entschluß.
Aber die Schwermut, die noch über ihter Seele hing, glich der Stimmung dieses Sommerabends. Da war nichts Trostloses, nichts von der großen Oede Und häßlichen Leere- die ein Sturm im Herbst hinterläßt. Nein, hinter den Thränenschleiern dieses dunklen Abends, der auf ein Gewitter gefolgt war, verbarg sich das reiche, vollblühende, heiß pulsierende Leben des jungen Sommertages, das einer neu ästfgehenden Sonne entgegenharrt.
Endlich hätte der Forst ein Ende, jetzt kam eine Birken-


