Ausgabe 
14.6.1902
 
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Aber, lieber Mann, ich bin aus so etwas noch gar nicht eingerichtet. Wenn wir ihn einladen, müssen wir ihm doch ein anständiges Mittagbrot geben, und Du weißt, wie mangelhaft unsere jetzige Köchin ist. Auch kann ich die große Wäschekiste, in der sich das gute Tafelzeug befindet, nicht auspacktzn, ehe mein großes Wäschspind aufgestellt ist, und ich zerbreche mir alle Tage schon den Kopf"

Ach, Mama, das wollen wir schon machen, wir nehmen aus der Kiste, was wir brauchen", riefen Hulde und Traute durcheinander, und Herr Velten stimmte ein:

Sei nur nicht so umständlich. Bouillon wird Auguste doch kochen können, wenn man ihr ein gutes Stück Fleisch gießt. Bei Felsche gießt es sehr gute Fleischpastetchen, die werde ich rechtzeitig bestellen. Hernach etwas Fisch, ein Braten mit Kompott das genügt- Und zum Nachessen eine Torte, voila toutl"

Frau Velten wurde überstimmt und mußte einwilligen. Hulde öffnete ihren Brief noch einmal und fügte ein Post­skriptum bei, über die beabsichtigte Einladung. Traute war in angenehmer Aufregung und beschäftigte sich ein­gehender mit ihrer Toilette für den Sonntag, als es sonst ihre Art war.

Herr Velten lud Gras Stauffen selbst mit ein paar freundlichen Zeilen zu einem Teller Suppe am Sonntag ein, und erhielt ein Billet als Antwort, das die Damen entzückte. Es war in kräftig eleganten Zügen auf das aller­modernste Kartonpapier mit gepreßter Grafenkrone ge­schrieben und sagte mit dem höflichsten Dank für die gütige Einladung, daß der Schreiber derselben nur zu gern folgen werde.

Herr Velten erkundigte sich unterdessen, als vorsich­tiger Familienvater, natürlich nur ganz beiläufig, bei dem Direktor des Gymnasiums, oem er einen Geschäftsbesuch machte, nach Graf Stausfen und erfuhr nur Befriedigendes. Der Mrektor nannte ihn einen hoffnungsvollen jungen Mann, der wohl weniger durch eigene Schuld, als durch die großen Verhältnisse, in denen er aufgewachsen war, etwas im Studium zurückgeblieben und von seinen Eltern nach Leipzig geschickt sei, um, den zerstreuenden Einflüssen des väterlichen Hauses und Gesellschaftskreises entrückt, so schnell als möglich das Abiturium zu absolvieren. Gr bestätigte, daß Camill Stauffen der älteste Sohn und Erbe der großen Staussenschen Herrschast sei. Herr Belten war vollkommen befriedigt.

(Fortsetzung folgt.)

Das Germanische Museum in Nürnberg Zur Feier seines 50jährigen Bestehens, 14. bis 16. Juni 1902.

Von Paul Pasig.

(Nachdruck verboten.)

Es war am 16. August 1852, als auf einer in Dresden unter dem Vorsitze des damaligen Prinzen, späteren Königs Johann von Sachsen, stattfindenden Versammlung deutscher Geschichts- und Altertumsforscher auf Antrag des gründ­lichen Kenners altdeutscher Vergangenheit, Hans Freiherrn von und zu Aufseß, geboren 1801, der Beschluß Mr Reife gedieh, ein deutsch-historisches Museum zu gründen, das alle Denkmäler germanischer Vorzeit bis auf die Gegen­wart aufnehmen und so in klarer, übersichtlicher Weise die Entwicklung des deutschen Geisteslebens darstellen sollte. Nach weiteren Verhandlungen kam man überein, Nürnberg zum Sitz des neuen Instituts zu machen, dessen Leitung zunächst sein hochverdienter Gründer, der erwähnte Baron von Aufseß, übernahm, der zugleich, teils, um einen prak­tischen Anfang zu machen, teils des anregenden Beispiels wegen, seine große Bibliothek und seine umfangreichen und wertvollen Sammlungen dem Museum auf zehn Jahre un­entgeltlich zur Verfügung stellte. Tie Wahl Nürnbergs als Sitz des Museums war eine überaus glückliche, denn wohl keine Stadt unseres Vaterlandes, selbst Rothenburg ob der Tauber und Danzig nicht, verkörpert in ihrem inneren Kern und in ihrer äußern Anlage den altgermanischen Geist in so anschauliche Weise, wie gerade diese ehrwürdige Pegnitz- stadt, die mit ihren altersgrauen Mauern, ihren runden, trotzigen Türmen, ihren zierlichen, in reinster Gotik pran­genden Kirchen, ihren spitzgiebeligen, mit kunstvollen Erkern verzierten Patrizierbäusern, ihren engen, krummen und winkligen Gassen und Gäßchen wie ein Stück verzauberter Mittelalterlicher Romantik anmutet. Hier also in der alten Kartause" erhielt das neue Museum sein erstes Heim. Als

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nach zehn Jahren Baron von Aufseß von dessen Leitung zurücktrat (1862), ging dieselbe in die Hände des Baurates Professor A. Essenwein gestorben 1892 über, unten dem das junge Institut sich in ungeahnter Weise weiter ent­wickelte. Zunächst trug er dafür Sorge, daß die reichen und wertvollen Ausseßschen Sammlungen der Anstalt erhalten blieben, indem er sie ankaufen ließ. Tann aber erwirkt« er, daß die bayerische Regierung das Museum für unver­letzlich erklärte und ihm die Rechte einer juristischen Person verlieh. Letzteres war insofern wichtig, als die Anstalt nun­mehr in den Stand gesetzt war, Stiftungen, Schenkungen usw. anzunehmen. In der That flössen ihr nun reiche Mittel von allen Seiten zu, und Staat und Private wett­eiferten in der Unterstützung des im besten Sinne nationalen Unternehmens. Nachdem sich im Jahre 1893 das Reich, dis bayerische Staatsregierung und die Stadt Nürnberg ge­einigt hatten, die zunächst auf 85 200 Mk. festgesetzten Ver­waltungskosten gemeinsam zu tragen, zahlt das Reich seit 1894 einen erhöhten jährlichen Zuschuß von 62 000 Mk., sodaß in Zukunft die freiwilligen Beiträge lediglich dem weiteren Ausbau und der reicheren Ausstattung der Anstalt zu gute kommen. Infolgedessen stehen derselben etwa 50 000 Mk, jährlich für diese Zwecke zur Verfügung. Im Jahre 1872 legte Direktor Essenwein in einer von ihm verfaßten Denk­schriftTie Aufgaben und die Mittel des Germanischen Museums" die Grundsätze fest, die für Leitung und Hebung der Anstalt maßgebend sein sollten. Nach denselben bezweckt das Museum eine einheitliche und übersichtliche Tarstell- ung des germanischen Geisteslebens. Diese Aufgabe sucht es zu erfüllen 1. durch Aufstellung möglichst reichhaltiges kunst- und kulturhistorischer Sammlungen, 2. durch eine damit verbundene historische und archäologische Biblwthet, sowie ein Archiv, 3. durch Katalogisierung und Nutzbar­machung der vorhandenen Schätze sowie durch Repertorien in Schrift und Bild, in denen auch wichtiges, anderwärts vorhandenes Material ausgezeichnet ist, und 4. durch Ver­öffentlichung gelehrter und populärer Schriften. Offizielles Organ des Museums ist derAnzeiger des Germanischen Nationalmuseums". Daneben erschienen Jahresberichts verschiedeneFührer", Kataloge von einzelnen, besonders interessanten Gruppen und Abteilungen, z. B. der nrch- lichen Geräte, der Textilsammlung, der Glasgemalde, der Spielkarten, der Kupferstiche des 15. Jahrhunderts, dev vorgeschichtlichen Denkmäler, der Bucheinbände, derKunst- drechslerarbeiten, der Bronzeepitaphien, der alten Original- holzstöcke u. a., sowie vor allem die instruktive Sammlung derKunst und kulturgeschichtlichen Denkmäler des Germa­nischen Nationalmuseums" von Direktor Essenwem (18 c7).. Auch neuere Schriften sind in großer Anzahl vorhanden.

Um nun dem Leser wenigstens einen annähernden Be­griff von der ungeahnten Reichhaltigkeit der nationalen Anstalt zu geben, deren gegenwärtiger Leiter Direktor Gustav von Bezold, dessen Stellvertreter und zweiter Direktor Hans Voesch ist, sei es gestattet, in folgendem einige der inter­essantesten und wertvollsten Gruppen namhaft zu machen. Tie kulturgeschichtlichen Sammlungen allein zerfallen in Über 40 Gruppen, von denen der größte Teil dem Publikum zugänglich ist, während ein kleinerer, besonders wertvmlev fiir den Forscher reserviert bleibt. In der ersten Gr^ppej interessiert den Besucher neben den vorchristlichen Denk­mälern vor allem die reiche Sammlung von Steingeraten. Der Entwickelungsgang der architektonischen Ornamentik kommt in etwa 800 Gipsabgüssen zur Anschauung. In der Kleinplastik wird das Auge diirch die Siegelsammlung ge­fesselt. Dieselbe zählt über 1500 Exemplare. Geradezu glänzend ist die Medaillensammlung zu nennen. Malerei und vervielfältigende Künste sind in sieben Gruppen ver­treten (Mosaik-, Wand- und Glasmalerei, Gemälde, Minia­tur-Malerei, Handzeichnmigen, Holzschnitte und Kupfer­stiche. Tie Sammlung von Glasgemälden, Wohl die reichi- haltigste, umfaßt das 12. bis 19. Jahrhundert. Das Kupser- stichkabinett enthält etwa 200 000 Blätter, baruitier auch die frühesten Holzschnitte. Während die Denkmäler der Poesie und Musik der später zu erwähnenden, überaus reich­haltigen Bibliothek zugewiesen sind, bilden die musikalischen Instrumente, Noten- und Chorbücher ebenso, eine eigen« Sammlung, wie die mathematischen und astronomischen ^u- trumente. Letztere Sammlung gehört zu den bedeutendsten hrer Art. Ueberaus fremdartig mutet den heutigen ücher die altdeutsche Apotheke sowie das alchemistische Labo­ratorium an, eine Stiftung des deutschen ApothekervereinÄ,