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ihr keine Zeit zu Einwendungen, sondern war int nächsten Augenblicke draußen auf dent Treppenflur.
Ein heftiges Gepolter und ein dumpfer Hilferuf drangen an ihr Ohr. Darauf tönte ihres Gatten Stimme: „Schutz- tnaint! Zur Hilfe! Der Kerl will entwischen! Halt!"
Die Attgst um den Gatten, den sie im Handgemenge mit dem robusten Schlosser glaubte, besiegte Frau Veltens Rücksicht auf ihr Negligee und sie lief in der Nachtjacke, die Lampe in der Hand, ihrem Manne zu Hilfe.
„Damned! you blackguard! Murder! thief!“ hörte sie eine fremde Stimme zwischen den Hilferufen ihres Gattet: nach dem Schutzmann fluchen. Und beim Scheine ihrer Latnpe gewahrte sie mit Entsetzen, daß ihr Mann einen Herrn am Kragen hatte, der sich zornig und angstvoll unter dessen eisernem Griffe sträubte. Auch Herr Velten gewahrte seinen Irrtum, ließ sein Opfer los und stand im ersten Moment stumm vor Schrecken. Der Fremde schüttelte die Fäuste gegen ihn und fuhr fort, auft englisch zu fluchen, wovon Herr Velten zum Glück kein Wort verstand. Wer Brau Velten verstand ihn und nun trat sie mit der ihr zu ebote stehenden Würde vor und erklärte in etwas gebrochenem Englisch den Irrtum. Der Fremde schien schnell besänftigt, er lachte sogar und sah sich das Ehepaar verwundert an. Er legitimierte sich als Mr. Hopkins, der Geistliche der kleinen englischen Gemeinde in Leipzig. Er habe oben int dritten Stock einen Besuch gemacht und sich etwas verspätet. Man trennte sich endlich höflich und versöhnt.
Als das Ehepaar wieder in seiner Wohnung unter sich war, gewann die komische Seite der Situation die Oberhand. Es stellte sich heraus, daß Herr Velten im Dunkeln den Regenmantel seiner Frau erwischt hatte, der ihn nur notdürftig bekleidete.
Frau Velten konnte sich lange nicht vor Lachen über feinen Anblick beruhigen, aber er brummte: „Na, Du siehst auch nicht gerade salonfähig aus." Und dann wurde er melancholisch und sprach seufzend von „Heruntergekommensein" und „Hausmannsdienste verrichten müssen".
Die Sache hatte noch ein Nachspiel. Am folgenben Morgen stellte sich heraus, daß, während Herr Velten auf der Vordertreppe den englischen Geistlichen angefallen hatte, der Schlosser Langhanns mit Familie und Siebensachen auf der Hintertreppe gerückt und entwischt war.
terr Velten sagte erleichtert: „Gott sei Tank, daß erl zum Hause hinaus ist, ich hätte mich sonst noch zu Schanden geärgert."
Sechstes Kapitel. '
Am folgenden Tage ging Traute mit ihrem Malkasten nach der Zentralhalle.
Sie hatte int Leipziger Tageblatt die Ankündigung eines Malkurses für Damen, in der Zentralhalle unter der Leitung eines Malers Winkler gelesen, und da sie eine Leidenschaft für die Malkunst besaß, die sich auf dem Dorfe bereits in allerlei kühnen Versuchen, Menschen und Tiere zu porträtieren, Lust gemacht hatte, war ihr erster und dringender Wunsch, in Leipzig an diesem Malkursus teilnehmen zu dürfen, der den Vorzug unerhörter Billigkeit besaß.
Sie war nicht unangenehm überrascht, als ihr auf dem Wege zur Malschule Graf Stauffen in der Zentralstraße begegnete.
Heute gefiel er ihr noch besser. Welch eine prächtige Figur und was für ein Rassegesicht! Und wie gut ihn der lange, hochmoderne Ueberzieher kleidete, alles an ihm war von dem Chic und Stil des großen Aristokraten, und mit welch vornehmer Nachlässigkeit, die so gar nichts Gesuchtes hatte, der Zipfel seines rotseidenen Taschentuches aus der Brnsttasche des taubengrauen Paletots hing!
Ms er sie erblickte, kam er quer über die Straße, gerade auf sie ztl und grüßte sie mit dem verbindlichsten Gruft
Es lag etwas in {einem Blick, was Traute ein plötzliches Herzklopfen verursachte und ihre Wangen höher färbte. Ein seltsam fremdes Gesühl durchzuckte sie. Die leere Straße, der eintönig graue Herbsthimmel darüberr, das alles machte seine Gestalt noch auffallender und wirksamer und wie sie so aufeinander zuschritten, war ihr zu Mute, als sei dies kein gewöhnliches Sichbegegnen, sondern ein Ereignis. Selbst das Neue und Interessante der Malstunde konnte diesen Eindruck nicht verwischen. Und die Malstunde war wirklich sehr amüsant.
Traute, die frisch vom Dorfe kam, fühlte sich' ungeheuer imponiert durch den großen graugetünchten Saal mit den mächtigen, bis auf den Boden gehenden Glasfenstern und den vielen umherstehenden Staffeleien. Hier wurde von Damen verschiedenen Alters und verschiedener Nationalitäten gezeichnet und gemalt, während Herr Winkler hilfreich und lehrend von einer zur anderen schritt.
Herr Winkler war ein behäbiger Leipziger Junggeselle, stines Berufes Elementar - Zeichenlehrer höherer Töchterschulen mit einem Verlangen nach echter Künstler- schast in der Brust und einer gesunden Begabung, die jedoch da ihre Grenzen hatte, wo die Genialätität anfing.
Von den anwesenden Damen malten die jüngeren deutschen Mädchen fast alle in Wasserfarben oder auf Porzellan, und einige zeichneten in Kohle und Kreide, nur! wenige hatten sich an Oelfarben gewagt.
Von den Ausländerinnen fiel Traute besonders eine hübsche elegante Engländerin auf, die riesenhafte Störche und Krokodile, zwischen Arrangements von Palmblättern aus die Felder eines Ofenschirmes mit kühnen Pinselstrichen zauberte. i
Herr Winkler ging liebenswürdig auf ihre Pläne ein« und Traute begann mit Feuereifer die Zeichnung in Kohl« zu entwerfen.
„Mr. Winller!" ries die blonde hübsche Engländerin' plötzlich etwas gebieterisch, „pleace, wie make isch das ehe von Krokodeil?"
Herr Winller eilte hilfbereit vom anderen Ende des! Saales herbei. „Ei?" fragte er verwundert, „Sie hatten! doch nicht die Absicht, Krokodileier in die Landschaft zu bringen?"
„Please, das ehe!" beharrte Mbions stolze Tochter etwas ungeduldig, „der Krokodeil muß haben ein ehe."
Der höfliche Winller war in Verlegenheit, aber Traut« fand den Spaß zu köstlich, um ihm durch Dolmetschen ein Ende zu machen.
„Wenn Sie durchaus wollen, können wir vielleicht hier ein Arrangement von Bambus, Schilf und Krokodileiern anbringen", überlegte der Lehrer zögernd, der an unge-, steuerliche Einfälle feiner schönen Schülerin gewöhnt schien^
„Isch nich Sie verstehen, Mr. Uinkler", war die etwas gereizte Antwort. „Sie nur sollen malen mir der ehe."
Jetzt sah der verblüffte Lehrer so ratlos aus, daß Trante sich höflich ins Mittel legte und erklärte: ehe heiße Auge<
Die ganze Malschule lachte. Die Engländerin blickte! hocherfreut aus Traute, und als das „you speak english?" bejahend beantwortet wurde, war die Unterhaltung bald in Fluß.
Lillian Severn war ebenso alt wie Traute und zu ihrer Ausbildung mit einer Gouvernante in Leipzig. Sie wohnten in einer Pension am Schloßplaft wo es ihnen jedoch nicht sorrderlich behagte.
Zum Schluß der Malstunde wußten die beiden jungen Mädchen so ziemlich ihre Lebensgeschichte von einander und waren entschlossen, Freundinnen zu werden.
Gegen abend überraschte Gras Stauffen Veltens durchs seinen Besuch. Er kam im feinsten Visitenzivil und sein' Aussehen wie seine vollendete weltmännische Sicherheit ließen vergessen, daß er noch ein Schüler war; er glich einem reifen Manne.
Herr Velten wurde zum ersten Male wieder heiter und gesprächig, seitdem er Brantikow verlassen hatte. W war ein Genuß, von der Heimat, von oer glücklichen Vergangenheit und den ehemaligen Freundes- und Standes- genossen zu plaudern, und nachdem Graf Stauffen all dies« Lieblingsthemata mit teilnahmsvollem Interesse hatte über sich ergehen lassen, empfahl er sich nach Ablauf der üblichen Visitenzeit und hinterließ einen höchst vorteilhaften Eindruck.
„Es ist viel Glück, daß Du hier gleich guten Umgang gefunden hast, mein Sohn", sagte Herr Velten zu Armin, „der junge Mann hat vortreffliche Manieren und ein fest« einnehmendes Wesen."
Frau Velten holte den Gothaschen Kalender herbei und vertiefte sich mit einer gewissen Andacht in den Stammbaum der Stauffens, während Hulde an den Schreibtisch eilte, um den täglichen Bries an ihren Verlobten zu beenden und ihm von der neuen Bekanntschaft zu erzählen.^
„Was meinst Du, Clärchen, wir wollen Stauffen antl Sonntag zu Mittag einladen"> sagte Herr Velten gut gelaunt. ‘ ’


