Nr. 87.
1902.
Samstag den 14. Juni.
W
B
M
■ÄBl
fs ruht die Welt im Schweigen, Ihr Tosen ist vorbei, Stumm ihrer Freude Reigen Und stumm ihr Schmerzensschrei. Hat Rosen sie geschenket, Hat Dornen sic gebracht — Wirf ab, Herz, was dich kränket Und was dir bange macht.
Gottfried Kinkel.
(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
(Fortsetzung.)
Herr Belten war dann, auf den Rat des Hausmanns, die vier Treppen zum Schlosser hinaufgestiegen. Er wollte den Leuten den Vorschlag machen, die Hälfte der schuldigen Miete zu zahlen und sofort anr nächsten Tage die Wohnung zu räumen. Man mußte solch unsichere Mieter um jeden Preis los werden. Sie würden wahrscheinlich froh sein, mit ber Hälfte der Schuld davonzukommen.
Er fand oben ein noch junges, nachlässig und schmutzig gekleidetes Weib mit mehreren Kindern, die er bereits kannte, denn als er die Häuser übernahm, hatte er sämtlichen Mietern einen Besuch gemacht. Er schlug ihr gegenüber denselben Ton an, tn dem er mit seinen Untergebenen auf dein Lande verkehrt hatte und der für ihn der einzig mögliche im Umgang mit dem Proletariat war.
Frau Langhanns zeigte ihm jedoch eine andere Haltung, als er von seinen Leuten in Brantikow gewöhnt war. Sre rührte sich nicht von dem Stuhl, auf dem sie saß, die Arme auf den unsauberen Tisch, gestemmt, während das Kind auf ihrem Schoß von den unappetitlichen Speiseresten, die vor ihr standen, mit den Fingern nahm. Sie ließ den Herrn, Hausbesitzer, vor ihr stehend, seine Rede halten, während sich Mißtrauen und Feindseligkeit in ihren nicht häßlichen, aber frechen Zügen malte.
Herr Velten fühlte sich durch diese Unehrerbietigkeit verletzt und gereizt. In etwas schärferen Worten als er Zuerst beabsichtigt hatte, hielt er der Frau die Notwendigkeit vor, auf fernen Vorschlag einzugehen.
„Ich werde es meinem Manne bestellen, daß der neue Herr Hausbesitzer seine paar Groschen so notwendig braucht, antwortete sie, finster und höhnisch.
Zornig ging Velten hinaus, und draußen auf dem Tr- ■ enflur begegnete ihm der heimkehrende Schlosser, der, als er ihn anredete, vor ihm stehen blieb, die Hände in den Hosentaschen, die Mütze auf dem Kopf und die Zigarre im Munde.
Veltens Geduld war zu Ende. „Ich war eben Bei Ihrer Frau, um zu sagen, daß ich Ihnen die Hälfte der schuldigen Miete erlasse unter der Bedingung, daß Sie bis morgen abend die Wohnung geräumt haben."
„Immer sachte, mein guter Herr", erwiderte Langhanns, der etwas schwankend in seiner Haltung war und stark nach Mkohol duftete, „ich denke gar nicht daran, di« Wohnung zu räumen. Seien Sie man nicht bange um Ihr« Miete, ich werde sie schon bezahlen. Aber aus den Rippen schneiden kann ich mir das Geld nicht."
„Es liegt mir daran, ordentliche Leute in meine Woh- nung zu bekommen", sagte Velten scharf, „Leute, die nicht trinken, die wissen, was Anstand ist mir gegenüber und die meine Wohnung sauber und ordentlich halten. Von alledem finde ich bei Ihnen nichts, und darum will ich Sie nicht länger als Mieter in meinem Hause behalten.^
„Was?" schrie Langhanns, „ich trinken? Ich nicht sauber und anständig? Was sind Sie denn? So ein hergelaufener Preuße und bankrotter Gutsbesitzer mit 'nem großen Maul! Sie wollen uns Anstand lehren? Abwarten, wer von uns der Anständigste ist —"
„Wenn Sie morgen nicht die Wohnung räumen, schicke ich den Exekutor!" schrie Velten wütend und lief die Treppen hinunter, denn die Schimpfworte des Proletariers trafen ihn wie Steinwürfe. Er war den Rest des Tages so erregt, daß er nicht essen und trinken konnte. Er behauptete, der Aerger habe sich ihm auf den Magen geworfen und er fühle sich schwer krank. Seine Frau holte ängstlich die homöo- pathischen Bücher hervor und gab ihm Tropfen. Er hatte eine unbeschreibliche Wut auf das Ehepaar Langhanns und gab einem Schutzmann ein gutes Trinkgeld, um auch während der Nacht die Hausthür im Auge zu behalten,' damit ein „Rücken" verhindert würde. Auch der Hausmann erhielt Befehl, aufzupafsen.
Trotz dieser Sicherheitsmaßregeln fand er keine rechte Ruhe, und bei jedem lauten Geräusch, das sich auf der Treppe hören ließ, stürzte er mit dem Ruf: „sie rücken!" an die Entreethür.
Erst nachdem sich dieser Verdacht wiederholt als Irrtum erwiesen hatte, gelang es seiner Frau, ihn zu überreden, zu Bett zu gehen.
Die Familie lag bereits in tiefem Schlaf, bis auf Frau Velten, die selten vor Mitternacht ihr Lager aufsuchte und auch heute, bereits im halben Nachtgewand, noch einmal das Entree ableuchtete und sich niedersetzte, um darüber nachzudenken, ob das große Kleiderspind aus Brantikow sich nicht doch hier zwischen Küchenthür und Dunkelkammer einzwängen ließe, als plötzlich ihres Gatten Schlafzimmer heftig aufgestoßen wurde und derselbe in einem seltsamen Aufzuge mit dem Rufe: „sie rücken!" hervorstürzte.
Frau Velten konnte sich nicht auf den ersten Blick! klar darüber werden, was er eigentlich an hatte, sie bemerkte nur flüchtig seine mangelhafte Toilette. Er ließ


