Ausgabe 
14.4.1902
 
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. " Der Mte schüttelte beit Kopf uttb' zog die trockene Nasen­laut in Falten.

Forstexamen! Forstexamen? Was ist denn das nun wieder? Nein, wissen Sie, was' Sie thun sollten, junger Mann? Sie sollten Politik studieren, das ist die zeitgemäße Gissenschaft. Forstwesen! Du barmherziger Gott, wer kümmert sich heutzutage um Jagdjunker und Forstknltur? Nein, die Bolkszuchi, die Erziehung des Volkes zur Selbst- leituug, die Erziehung des Bauernstandes und des gewöhn­lichen Mannes ja, es kann nicht nützen, daß Du mir Grimassen zuschueidest, guter Kristen, Du und Deine Freunde, Ihr habt solange am Ruder gesessen, nun wollen wir endlich auch 'mal heraus"

Damit das ganze in die Binsen geht", warf Böje ein.

Potz Donnerwetter!" brüllte der Alte los, dem Gast auf den Leib rückend.Geben Sie mich an! Hier sehen Sie einen Mann, der achtundsiebzig Jahre zählt! Glauben Sie etwa nicht, daß Verstand und Erfahrung hinter dieser Stirn wohnen?"

Ja, bas glaube ich allerdings."

Du großer Gott! Haben Ihre Gesinnungsgenossen jemals Männer «gehabt wie Oberst Tscherning, Grnndtvig, Balthasar"

Alle Achtung vor Oberst Tscherning und Grnndtvig als Beamte und gute dänische Bürger, aber freilich nicht als Politiker."

Der Redakteur ergriff sein Glas und sah zu dem jungen Mann hinüber mit einem inwendigenHm, darf ich?" Der Forstmann aber war inzwischen tief in eine Auseinander- fetznng überZimmerpolitik und Jbealismns" geraten.

Die Müllersfrau, die an dem Staub, der in der Luft herumslog, merken konnte, daß sich die Herren int Kriegs- tanz der Politik bewegten, benutzte die Gelegenheit, um sich Klarheit über eine Frage zu verschaffen, mit der sie ihr Gehirn schon eine ganze Weile zermartert hatte.

Liebe Helene, was für ein Leierkasten war das, von dem Böje vorhin sprach?"

Nein, er sagte Schwiegertochter Sie können wohl Wit Ihrer Schwiegertochter zufrieden sein."

Ach so! Ich wußte wirklich nicht. Ja, ja, da hat zer aber auch recht, mein Kind."

Das Mißverständnis amüsierte die alte Frau offenbar sehr, wenigstens ließ ihr Lächeln noch lange Spuren zurück.

Neunen Sie das Freiheit?" fragte Böje, mit der Gabel äusholend.Das ist bte reine Gewaltherrschaft."

Ganz recht!" brummte der Redakteur und ergriff das Glas mit so -gierigen Fingern, daß der Wein wie in tödlicher Klngst hüpfte und sprang.

Der Wortwechsel ward immer heftiger. Thomas trat auf Seite seines Vaters und meinte, die Volkspartei werde, weiß Gott, schließlich siegen, wenn sie nur ausharren wollte, der Redakteur und Böje dagegen hoben das ewige Vorrecht der Bildung und der Sachkenntnis hervor, wo es sich darum handele, die Zügel zu halten.

Der Redakteur hatte einen Korkzieher ergriffen, der zwischen seinen zitternden Händen krachte und sich grausend wand, während er jebeit Augenblick mit einemVollkommen richtig" einfiel, besonders sobald sein jüngerer Gesinnungs­genosse den beiden Müllern eine gehörig enge Fangschlinge um den Hals ivarf.

Thomas wurde schließlich ganz hitzig und erkühnte sich 'zu denr Aussvruch, die Politik des Schwiegervaters rieche verschimmelt, er habe längst seine Rolle ausgespielt.

So?" rief der alte Mann knrz aus, stampfte mit dem Absatz auf den Boden, erhob sich dann schnell und verließ das Zimmer.

Böje meinte, es sei das richtigste, die Sache fahren zu lassen.

Das mußt Du Dir Nicht so zu Herzen nehmen. Man kann kein Wort zu ihm sagen, ohne daß er sich gebärdet wie ein Bock, der lauf einen Hund losgeht."

Ja, ja, ja, ja! Du bisftauch viel zu hitzig, Thomas", weinte der alte Müller, der die ganze Zeit hindurch auf dem Stuhl hin und her gehüpft war und wie ein Rasender Mit den Armen in 6er Luft gefochten hatte.

Die beiden Freunde besichtigten das Gehöft und die Bäckerei und frischten alte Erinnerungen aus ihrer Kinderzeit auf.

Es ist übrigens sonderbar", meinte Böje,daß wir beide in der Politik so aneinander geraten können; wenn

es schließlich darauf ankommt, « so bin ich int Grunde doch' Fortschrittler, besonders aüf kirchlichem Gebiet bin ich sehr freisinnig."

Na, das lass' ich mir gefallen! Aber was sagst Du zu dem Apfelschimmel da? Stammt vonHingist" auf Christianslund." I

Schließlich kamen sie an das einfache, aber höchst gemüt­liche Heim des Redakteurs, wo es Thomas bald gelang-, den alten Politiker wieder zu beruhigen.

Findest Du nicht auch, Böje, daß der Schwiegervater hier recht schön und gemütlich wohnt?"

Freilich -finde ich das." !

Helene trat au Sie Kommode und drehte die Lampe halb herum, so daß die Päpierflicken, mit denen die Kuppel zusammengekleistert war, nach der Wand hist' kamen. ,

Aber hier ist auch eine Haushälterin, die das Ganze in Schick zu bringen weiß. Nicht wahr, Helene?"

Sie lächelte gezwungen, und wischte einen, Stanb- flecken von der Kuppel.

Thomas faß in der Sofaecke und pustete vor Wärmet Er trocknete die Stirn, warf ein Bein auf den Sitz, unbl breitete sich über das ganze Sofa aus.

Ach, wie gut mau es hat! Und doch juckt einem die Nase danach, es noch besser zu bekommen! Denk Dir, Helene" nur noch zwei Monate in zwei Mo-, naten, Helene!"

Zwei Jahre lang hatte er die Sache in Malmö aufrecht gehalten. Er wollte, weiß Gott, die Schweden tüchtig anspumpen, meinte er. Aber das Auspumpen hatte leider mit einem gründlichen Fiasko für ihn ge­endet. Ter alte Müller war daheim umhergegangen- hatte feine Schnupftabaksdose zugeschlagen, den Kopf ge­schüttelt und ihn tiefer und tiefer im Rockkragen verborgen.

Hm! Was soll ich mit dem Esel nur einmal anfangen?" Um feiner habhaft zu werden, hatte er ihn schließlich nach Hause gerufen, und ihm das Mühlen­gehöft übertragen.

Helene war nach ihrer Verlobung sehr glücklich ge­wesen, bis sich im Laufe des zweiten Jahres Gedanken einfanbeit, bte eine tiefe Kluft voller Angst und Unruhe mitten in ihr Glück hineiugruben; aber mit der trockenen Vernunft, die sie vom Vater, ererbt hatte, und der. schonungslosen Selbstzucht, mit der sie von Hause her gewohnt gewesen, sich unter das Gebot der Pflicht zu' beugen verscheuchte sie alle ängstlichen Träume und setzte das feste Siegel ihres Willens unter ihr gegebenes Wort.

Sie war Thomas ganz unentbehrlich geworden. Oft, wenn er des Sonntags dasatz und gähnte, konnte sch kommen und ihm ein gutes Buch in die Hand stecken- oder sie setzte sich auch neben ihn, und wußte ihn ist ein Gespräch zu verwickeln, das seine Gedanken aufrüttelte.: Oder auch, sie ließ ohne sein Wissen den kleinen rot­gelben Oeländer vor den kleinen Wagen spannen, nnd kam plötzlich fertig angekleidet, den Fonragekorb am Arm, zu ihm, um ihn zu einem kleinen Ausflug in den Wald oder an den Strand einzuladen. Dann pflegte Thomas dunkelrot zu werden vor Verliebtheit, er schlang die Arme um sie, und versicherte ihr, daß sie, weiß Gott, ein Prachtmädel fei.

Gegenüber den politischen Bewegungen der Zeit stand sie fremd da. Es konnte sie wohl zuweilen eine Angst überfallen bei dem hallenden Dröhnen der Weltkämpfe, und der heißeste Wunsch erfüllte sie, daß sich Friede und Liebe über das wildempörte Menschenmeer lagern möge; im übrigen aber erblickte sie in den Kämpfen eine all­gemeine Zeitbeweguug, die sie selber nichts anging. Ein! heißes Sehnen kannte ihre Brust nicht, niemals hatte ihre Einbildungskraft die Arme nach fernen Luftbildern aus- geftreckt, niemals hatte sie jene zitternde Unruhe empfun­den, die das Gemüt unter dem Flügelschlag rastloser Ge­danken einem großen Geistesziel entgegenführt; sie war. in der Beziehung eine nüchterne Natur, die echte Tochter des alten, steifen Redakteurs. Wer tief int Innern ihres Herzens lag ein warmer, inniger Drang, durch! stilles Wirken innerhalb der vier Wände Nutzen zu schaffen- ein Drang, andern das Leben leicht und licht W machen, die Gifttropfen aufzufangen, die die Herzen ihrer Lieben bedrohten. Sich für das Glück anderer zu opfern, ftch