Montag den 14. AprÜ.
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1902. — Nr. 55.
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"'■Sßfe imm zu Herzen dir die Lehr:
Renn nicht hinterm „Gestern" her,
Hasche nach dem „Morgen" nicht,
Sieh dem „Heute" in's Gestcht! Lemke.
(Nachdruck verboten.)
Die Möve.
Roman in zwei Bänden von Zacharias Nielsen. Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen
von Mathilde Mann.
(Fortsetzung.)
„Ach Böje", begann der Müller wieder, „wie un- zähligemal muß ich an die Zeiten zurückdenken, als wir bei dem alten Föns Mathematik lernten."
„Ja, es war schändlich/ wie Du ihn aufzogst."
„Gleichviel, er hatte miä)- gern, der alte Humpelbein, wie viele Ohrfeigen er mir auch erteilte. Ich habe übrigens oft daran gedacht, meinen Doktor in der Mathematik zu machen. — — Ja, Du lachst! Aber ich will nicht Thomas heißen, wenn ich Dir nicht heute noch die ganze Algebra und Geometrie herleiern kann: die Oberfläche der Kugel 4/s rsrc, der verkürzte Kegel —
„Nein, halt, halt! Das ist verkehrt."
„Wie? Das ist verkehrt? Und das ist doch das einzige, was ich kann.--Mensch, Tu hast ja gar
nichts in Deinem Glas."
„Tanke, ich will nicht mehr trinken."
„Unsinn!" Ter Müller ließ beit Sherry zwischen den Fingern hindurch laufen, und zwang ihn dadurch- die Hand vom Glas zu nehmen.
„Siehst Tu, Alter, jetzt trinken wir auf die ewige Gesundheit, die tief im Herzen wächst."
Böje sah mit wehmütiger Verwunderung sein sommersprossiges Antlitz an; es war, als ob die stiermäßige Gesundheit, die in diesem großen, roten Kopf glühte, ihn selber doppelt schwach machte.
„Und die Molle breiten wir auf dem Boden aus, Helene! Tu wirst wohl damit fertig, — ja wohl! Wie? — Nicht? Ich meinte, hinter dem Schornstein, — ja, wir können nachher darüber sprechen."
Tie Tapetenthür öffnete sich abermals, jetzt aber mit einem raschen Schwung. Es lvar der alte Müller, Thomas' Vater, ein kleiner gelber, heiterer Greis, dessen kahler Kopf aus einem gewaltigen Rockkragen hervorguckte. Er kam mit einem Tüderpfahl in der Hand herein, laut ein Lied vor sich .hinsingend, plötzlich aber stutzte ex und hielt inne — er hatte den Fremden erblickt.
„Wart einmal, tvärt einmal!" rief er mit pfeifen
dem Näseln aus, es klang, als sitze ihm eine unsichtbare Zeugklammer über der Nase.
„Was bringst Tu denn da mit, Vater?"
„Nein, nein, nein, nein, nein, nein! Wart einmal^ wiederholte der Alte, mit dem Tüderpfahl auf Böje zeigend. „Didrickfen!" kam es endlich mit der Kraft de« Ueberzeugung heraus.
„Nein, es ist Böje", erklärte der Sohn. „Kannst Tu Dich Hans Böjes nicht entsinnen, Vater! Er war Unterverwalter auf Christianslund."
„Ja, ja, ja, natürlich! Gärtner Böjes Sohn! Guten Tag, guten Tag, lieber Böje! Willkommen!"
„Mas ist das für ein Tüderpfahl?" fragte der Sohn nochmals.
„Tüderpfahl? Hm! Das weiß' ich wirklich nicht.
„Ich komme direkt von den Kälbern. Kann er hie« nicht ein wenig am Boden liegen, liebe Lene?"
Er setzte sich und nahm eine Prise.
„Ach nein! (nnf! nuf!) ist das wirklich des alten Gärtner Böjes Sohn? Kristen!" er wandte sich an seinen Bruder, den Exredakteur — „hast Du jemals Sören Böje. gekannt?"
Ter Gefragte schüttelte den Kopf, und sandte dem Frager einen Blick zu, der zu sagen schien: „Bleib mir mit Teeinen Dummheiten vom Leibe."
„Das war doch merkwürdig", sagte der alte Müller, fortfahrend, „daß ich Sie gleich wieder erkannte! Sie sehen übrigens ein wenig elend aus. (Der Sohn gab ihm einen Puff mit der Spitze seines Morgenschuhes.). Mas willst Du? Was soll ich?"
„Soll ich Dir nicht ein Glas einschenken, Vater?"
„Ein kleines Glas? Hm, na ja! Na, was ich sagen wollte, — und ich habe Sie doch gewiß nicht öfter als einmal gesehen."
„Nein, das haben Sie wohl kaum, deshalb war es. auch kein Wunder, daß Sie mich nicht gleich erkannten", erwiderte Böje ein wenig malitiös.
„Nein, wie könnte ich auch? — Das war damals, als mein Neffe und die da (Helene erhob sich und verließ das Zimmer). — Können Sie sich der Waldpartiq noch entsinnen?"
„An der ich als ungebetener Gast teilnahm!"
„Ungebetener Gast! Unsinn! Wir lnden Sie und Ihre Schwester Emilie ja ein, als wir Sie beim Moor trafen, — weißt Du es wohl noch, Thomas? Ach, das ist jal wahr, Du warft damals in Kopenhagen."
„Ach ja! Ach ja! Wie die Zeit vergeht! Aber was ich immer sage, lieber Böje, man muß sich nur eine frohe Lebensanschauung bewahren, dann geht das Ganze. Und jetzt sind <5ie?" fragte er, den Kopf fast ganz unter dem Rockkragen verschwinden lassend.
„Ich habe mich ein paar Jahre in Kopenhagen autz gehalten, um mich auf mein Forstexamen vorzubereiten.j


