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eures Verbrechens verdächtiger Mensch geweigert hat, sich für schuldig zu erklären oder seine Mitschuldigen zu nennen, so hat man ihm dereinst Taumschrauben angelegt und hat ihn gefoltert. Um heutzutage seinen Widerstand zu brechen, sondert man ihn von seinen Mitmenschen ab, beraubt ihn jeder Aussprache, wendet man eben eine moralische Tortur an, die mindestens ebenso schrecklich ist wie dre physische Tortur des Mittelalters."
„Mein Herr, dieses Ihr System ist nicht meine Erfindung", sagte der Beamte, immer gleich unbewegt. „Ich fand es bereits im Strafgesetzbuch gedruckt vor und wende es an, wenn ich es für passend erachte. Aber lassen Sie, bitte, uns das Gespräch abbrechen. Wichtige Geschäfte harren meiner Erledigung. Mein Herr, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen." ,
Georg verließ, innerlich über den Richter wütend, wütend über sich selbst, Herrn X. . . . Er hatte sich geschworen, seine Gedanken nicht ausZusprechen und seine KUM Kaltblütigkeit zu bewahren. Und er war seinem Schwur untreu geworden.
Um 4 Uhr kam er in Moabit an. Er gab seine MLl- macht, ab und wurde sofort in das Sprechzimmer geführt.
. ^"Gefühl des Unbehagens, eine tiefe Traurigkeit und Beklemmung hatte ihn, seitdem er das Gefängnis betreten, erfaßt. Tie merkwürdige Bauart dieses Gebäudes, das rn all seiner Strenge angewandte Zellensystem, das sedoch fange nutzt so streng durchgeführt ist wie in Plötzensee oder Tegel, die furchtbaren Vorschriften und Bewachungs- maßregeln — — alles das verlieh ihm das düsterste, drückendste nussehen. An diesem Winternachmittage eriet)io oie fangen, vom Gas noch nicht beleuchteten Gänge duster und unheimlich. . Ueberall tiefstes Schweigen, nur unterbrochen durch das Knirschen der Schlösser, das Zu- werfen. einiger Tynren, die schweren Tritte der Wächter ^^^'UsPersouen, oder Lurch die leichteren Tritte eines Hastlmgs, der sich rasch vor den Richter, in das Sprech- ztmmer ooer auf den Spaziergang begeben mußte.
wartete gefaßten Herzens. In diesem Augen- blfae dachte er nur.an feinen Freund. Er hatte die Gräfin vollkommen vergessen. Plötzlich siel sie ihm ein. Sollte er »ranz sagen, daß er sie kenne? Unbedingt. Er konnte doch nicht anders. Nur durfte er ihm nie die Mittel er» ,,te, eio an gewendet hatte, sie kennen zu lernen. Htanz wurde ihn schelten, — er wollte ja sehen. Tas alles hmge von der Verfassung seines Freundes ab. Tnrfte er chm aber von den Besuchen erzählen, die er der Gräfin maäjte, von all feinen Verbindungen mit ihr, von seiner täglich zunehmenden Intimität? Nein. Franz könnte da- runter leiden und würde etwa glauben, fürchten — — ■— Ci fürchtete ja selbst. Ja, er fürchtete, sie zu lieben, und manchmal fragte er sich mit Schrecken und Wonne zugleich, ob diese wzusagen unbewußte, noch nicht gestandene, stillschweigende Liebe mcht bereits erraten, verstanden und---
ftw« fchch.erwidert worden war. Wäre es nicht grausam, solche Gestaadmste emetn Manne zu machen, der ohnedies schon so schwer geschlagen war, der all seinen Mut aus der Erinnerung seines verflossenen, großen .Gefühls schöpfte, hielt.bt£ H"l>uung auf ein zukünftiges Glück aufrecht
Ein Geräusch von Tritten näherte sich dem Sprech- zunmer. Eine Thür öffnete sich. Franz von Sempach CITI»
.37. Kapitel.
In Moabit, wie in der Mehrzahl der wirklichen Ge- ^chfaeuhlinser oder Strafanstalten, stehen die in Haft Be- flndlichen m kemer unmittelbaren Berührung mit ihren Besuchern. In der Abteilung für Verurteilte sind zwischen jeöent zwei Gitter angebracht, das jedes von dem anderen etwa einen Meter entfernt ist. Ein Wächter schreitet in diesem Raum zwischen den Gittern aus und nieder. Man EN sich kaum sehen und spricht nur aus der Entfernung. Händedrücken, Umarmungen oder Küsse find immer schwer manchmal ganz unmöglich. '
die Gefangenhausdirektoren, die in ihrem Reich, dm andrste Machtbefugnis haben, Übernehmen es oft auf eigeue Verantwortung, einige ihrer Gefangenen mit ihren Verwandten oder Freunden Tn direkte Berührung kommen zu lassen. Ter Direktor des Untersuchungsgefängnisses in Moabit hatte bezüglich der Herren Sempach und Rakenius spezielle Befehle erlassen. Sobald sie beisammen waren, konnten sie einander umarmen
ertcartet , begann Franz von Sempach, sobald, ihm seme Aufregung bas Reden gestattete. „Ich ^ose, daß Tu nicht hierher gekommen bist.
<;ch weiß daß der Untersuchungsrichter die Abschließungs- hqft anbefohlen hatte. - Wir haben uns viel zu erzählen. Doch zuerst sage nur, wie geht's Deiner Schwester'?"
„Physisch befindet sie sich wohl, aber--"
_ , »Sie leidet durch mich, für mich, — ich weiß es! — Ä M la "ie weder an Dir noch an ihr gezweifelt. - fach will Euch aucy Nicht den Schmerz anthun. Euch in fragen, ob Ihr mich für schuldig haltet!"
„Wir! ?"
„Nicht wahr, ich hatte recht? — Doch hat man gegen mich so meLerdrückende Beweise gebracht, — und Tu hättest Dich für einen Augenblick doch — antworte mir mit voller Offenheit!"
„Nun beim,, ja. Eine Minute, eine Sekunde habe ich mich damals, gefragt, ob Tu Dich nicht infolge eines Auftrittes mit jener Unglücklichen, durch eine Zorneswallunq hast zu einer Gewaltthätigkeit hinreißen lassen."
„Du glaubst es also nicht mehr?"
„O nein. Ich habe gute Gründe, es nicht zu glauben."
„Was für Gründe?"
„Erstens ließ mich Bertha bemerken, daß Tu, wenn Dir wirklich ein solches Unglück zugestvßen wäre, offen und ehrlich Deinen Fehler, Dein Verbrechen, wenn Du willst, gestanden hättest."
„Ach! Das hat sie gesagt? — Darin erkenne ich sie wieder ganz. Wie mich das Mädel kennt! — Mer was hast Tu noch für einen Grund, an mich zu glauben, mich nicht für schuldig zu halten? — Tu zögerst? — O, verbirg mir nichts, ich bitte Dich!"
„Es ist, — r— es ist eben so peinlich."
„Worum handelns sich? Sprich! Man wird uns nicht lange beisammen lassen. Unsere Augenblicke sind gezählt."
„Nun denn", sagte Georg mit großer Ueberwindung. „Tu konntest einfach am Wend des Verbrechens nicht in der Ausgburger Straße gewesen sein, — weil Tu wo anders warst, weit weg von dort."
„Wo war ich denn?"
„In einem Haus in Neu-Friedenau."
„Was? — Tu weißt? — — Wie? — Durch wen?"
Georg zögerte anfangs, dann stieß er entschlossen heraus: „Durch sie."
„Sie! Welche „Sie"?"
Ter Maler neigte sich ganz zu seinem Freunde hin und sagte ihm ganz leis ins Ohr:
„Durch die Gräfin Olga Dovoukoff."
(Fortsetzung folgt.)
Die Unzertrennlichen.
Von Fred Hovd.
(Nachdruck verboten.)
Gustav Brinkmann und Albert Pietsch 'sind zwei un- zertreimliche Freunde. Und diese Freundschaft — das eben ist das Merkwürdige — besteht schon seit 12 oder 13 Fahren. 'In der ganzen Zeit haben sie sich nicht ein einzigesmal entzweit — nicht einmal für eine Stunde trübte eine Wolke ihren Frieden.
Sie werden mir gewiß keinen Glauben schenken. „Wo in aller Welt", werden Sie einwenden, „giebt es denn eine Freundschaft, welche im Laufe von Jahren nicht durch die kleinste Tifferenz gestört worden wäre?" So werden Sie sprechen. Wer Sie kennen eben Gustav Brinkmann und Sllbert Pietsch nicht.
Gustav Brinkmann ist Materialwarenhändler und Albert Pietsch ist Klempnermeister. Beide wohnen schon seit etwa 13 Jahren in der Taschenmacher-Gasse, einige Häuser von emarlder entfernt. Wie ihre 'Freundschaft besiegelt wurde, das kann ich nicht sagen; aber soviel steht fest, daß sie sich schon feit zwölf Jahren jeden Morgen gegen 11 Uhr in der „Wirtschaft zur gelben Katze", welche dem Laden Brinkmanns gerade gegenüber liegt, zusammenfinden, um Zwiesprache zu halten. Sie haben da ihren Stammsitz am Fenster der niedrigen, verräucherten Wirtsstube. Sie lassen sich in ihrer Unterhaltung durch nichts stören, weder durch das Rollen der Billardbälle, noch durch das Schlagen der alten Schwarzwälder Uhr, noch überhaupt durch irgend etwas und irgend wen, und erst wenn sie drüben den Rauch über dem kleinen Häuschen des Bäckermeisters Klopp aufsteigen sehen, erheben sie sich gemächlich und zahlen ihre


