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Zeche, um zu ihren Penaten heimzukehren. Sie gehen dann regelmäßig quer Wer die Straße bis vor Brinkmanns Ladenthür, plaudern noch drei bis vier Minuten — wobei der lange Pietsch stets seine gewaltige Rechte auf Brinkmanns linker Schulter ruhen läßt — und verabschieden sich dann unter lebhaftem Händeschütteln.
Um ganz ehrlich zu sein, muß ich betonen, daß ich diese Szene nicht seit zwölf, sondern erst seit sieben Jahren beobachte. Wer ich- habe mir von einer sehr vertrauenswürdigen Person, nämlich dem Bäckermeister Klopp, welcher die Würde eines Stadtverordneten bekleidet, erzählen lassen, daß die Freundschaft noch weitere fünf Jahre zurückdatiert, und daß Brinkmann und Pietsch schon vor zwölf Jahren genau in derselben Weise ihre Zeit von 11 bis 1 Uhr ausfüllten. Zwar hatte Brinkmann im Winter 1893 den Hexenschuß, sodaß er einige Tage nicht ausgehen konnte, während Pietsch inr Frühjahr 1895 infolge einer Verletzung des rechten Fußes mehrere Tage ans Zimmer gefesselt wurde, aber auch während dieser Frist wurde der freundschaftliche Verkehr keineswegs unterbrochen, nur daß man sich eben das Bier in die Brinkmannsche bezw. Pietschsche Wohnung herüberholen ließ, bis man dann den Frühschoppen genau in der alten Form wieder aufnehmen konnte.
Sie werden diese Details vielleicht überflüssig finden, aber sie sind es keineswegs; denn bevor Sie nicht einen Begriff von der Dauerhaftigkeit und Unwandelbarkeit dieser Freundschaft erhalten haben, können Sie den beiden Freunden auch nicht die Sympathie eutgegenbringen, welche sie unzweifelhaft verdienen und welche unbedingt erforderlich ist, damit <Äe meiner Erzählung bis zum Ende die erforderliche Aufmerksamkeit schenken.
Sie werden nun befürchten, daß ich über Leben und Schicksale der beiden Unzertrennlichen während der ganzen Tauer ihrer Freundschaft berichten will. Ich sage Ihnen sogleich zu Ihrer Beruhigung, daß dies nicht der Fall ist. Es genügt, wenn ich Ihnen möglichst naturgetreu einen einzigen zwischen Brinkmann und Pietsch gepflogenen und von mir belauschten Dialog wiedergebe. Wenn Sie auch nur ein wenig Phantasie besitzen — und daran wage ich natürlich nicht zu zweifeln — so werden Sie gleich erkennen, daß — mutatis mutandis — dasselbe G-espräch an jedem Morgen während der zwölf- oder dreizehnjährigen Freundschaft geführt wurde; — denn dasselbe bildet ja eben den festen Kitt, welcher die beiden Unzertrennlichen so lange Jahre hindurch zusammenhielt.
„Lieber Gustav", begann Pietsch, „ich muß Dir sagen, daß mir heute nacht gar nicht gut zu Mute war. Es sind wieder die Anzeichen meines Uebels, an welchem ich schon so viele Jahre leide, aber diesmal waren die Schmerzen weit heftiger als früher.
„Es ist gewiß Dein Reißen; Deine Werkstatt ist so zugig."
„Rein, es ist nicht das Reißen. — Also erst, wie ich erwachte, hatte ich solch erschreckliches Spannen hier über der Brust, dann fühlte ich ein fürchterliches Stechen in den Schultern, das immer heftiger wurde, sodaß ich mich gar nicht bewegen konnte. Ein heißer Schweiß 'bedeckte meinen ganzen Körper, in den Ohren hörte ich ein lautes Zischen und Sausen, die Kehle war ganz trocken, ich rang nach Luft, und jeden Augenblick glaubte ich ersticken zu müssen. Erst gegen Morgen wurde es besser."
„Ach, ich kenne das ganz genau, lieber Albert", nahm nun BrinkMann das Wort. „Es ist ein böses Ding — ich leide, wie Tu weißt, schon seit zwölf Jahren daran. Es hängt mit dem Magen zusammen."
„Mit dem Magen? Ich glaube, es ist die Leber."
_ „Run, laß es doch die Leber sein, Albert; ich weiß das nicht so genau, aber ich habe ja nun das alles auch bei mir beobachtet. Hast Du dann nicht bemerkt, daß sich die Schmerzen aus der rechten Seite fortpflanzen, und daß Dir dann ist, als oft ein großer Wurm Dir die Eingeweide durchwühlt?"
„Ganz richtig. Und hier an der Hüfte —"
„Man hat das Gefühl, daß einem die Knochen zermalmt sind, und wie man sich auch legen mag, man hat das heftigste Brennen im Leibe."
„Tas ist aber noch nicht das Schlimmste", fuhr nun Albert fort. „Das Schlimmste ist dieses dUmpfe Gefühl rm Schädel, dieses Stechen in der Kopfhaut. Manchmal ist mir, als ob mir jemand den Hinterkopf abgesäbelt
oder gespalten hätte ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, aber es ist ein gräßliches' Gefühlt"
„Ja, ja, lieber Freund, ich kenne dies ganz genau. So ging es Mir z, B. vorgestern nacht, und ich war schon ganz glücklich, als der Morgen herankam! Ich habe dann auch immer solch entsetzliches Drücken in den Schläfen und in den Augen '— ich suhle ordentlich, wie die Augen aus ihren Höhlen hervvrtreten wollen. Und dann sieht man blaue, grüne und rote Flecken vor den Augen herumtanzen, bis man ganz wirblig davon ist. Und ich rufe dann jedes- man meine Frau, und wenn sie mir eine kalte Kompresse auf die Stirn fegt, dann wird es imMer etwas' besser."
„Sv! — Wird es- dann besser?"
,/Ja, dann wird'«es besser."--•
Die Kellnerin brachte frische Schoppen, und dadurch wurde das interessante Gespräch für einige Sekunden unterbrochen.
Tann begannen Gustav und Albert aufs neue die Krankheitssymptome zu schilderm Mir lief eine Gänse- haut über den Rücken, und ich dachte daran, wie es möglich sei, daß Leute, die mit so grauenhaften Krankheiten behaftet sind, noch unter den Lebenden herum-, wandeln und ihren Geschäften nachzugehen vermögen. Nach Verlauf von einer Stunde hatten sie so ziemlich die Symptome aller menschlichen und unmenschlichen Krankheiten und Gsbrechen erschöpft, und sie waren gerade im Begriff, Von neuem anzusaugen, als ich aufstand und meine Zeche beglich. —
Wie ich nun nach Verlaus weiterer zwei Stunden von meinem Schreibtisch, aus nach dem Ärinkmannschen Laden hinüberschiefe, bemerke ich die beiden Freunde in jener bereits klassisch gewordenen Stellung. Pietsch, versetzte Brinkmann gerade noch die Spezifikation irgend eines, interessanten grauenhaften Leihens. Man sah es ihm an den Augen an.
Wer was ich früher nicht beobachtet hatte, das frei mir jetzt deutlich auf. Beide waren sichtlich erfrischt und gestärkt. Was anderen ein erhebendes Gespräch über bte Knufft oder die Politik ist, das ist den beiden Unzertrennlichen ihre Krankheitsaeschichte, welche ihrer üppigen Phantasie Gelegenheit zu freier Bethätigung giiebt. Sie haben das eine Gebiet seit zwölf Jahren mit unermüdlichem Fleiße kultiviert, sie haben jeden Morgen neue Kraft und neuen Lebensmut daraus geschöpft. Ihre Krankheiten sind ihnen zum Lebenselement geworden. Sie könnten ohne diese nicht mehr existieren; weil sie sich als verwandte Seelen zusammengethan und an demselben Steckenpferde das gleiche Vergnügen gefunden, so ist ihre Freundschaft mehr und mehr gefestigt worden.
Sie wird auch nie getrübt werden, es müßte denn sein, daß einer von beiden plötzlich gesund wird. Der Himmel bewahre sie vor diesem Unglück.
Vermischtes.
Ein kleines Versehen. Eine Dame, welche eine elegante Villa in einem Vorort bewohnt, hat einen kleinen Hang zur Sparsamkeit und v'ersteht sich ausgezeichnet darauf, die abgenutzten Cylinderhüte ihres Mannes in hübsche; Näh- oder Stickereikästen zu verwandeln, die sie ihren Freundinnen verehrt. Kürzliche bemerkte sie auf dem Tisch im Korridor einen prähistorischen, altehrwürdigen Hut. Triumphierend ergriff sie ihn, und eben hatte sie die Krempe abgeschnitten, den Hut mit himmelblauer Seide überzogen und ihn mit einem geschmackvollen Spitzen- und Schleisenarrangement ausgestattet, cüs sie durch das Mädchen in ihrer Arbeit unterbrochen wurde: „Gnädige Frau, der Klavierstimmer kann seinen Cylinder nirgends finden. Er sagt, er hätte ihn im Kvrridvr gelassen." — Zehn Minuten später verließ der Klavierstimmer das Haus mit einer Mutze auf dem Kopf und einem Zwanzigmarkstück in der Tasche.
Gleichung.
(Nachdruck verboten.) (a—b) + c + st, <1 = x. a musikalischer Ausdruck, b bekannter lateinischer Gruß.
c Fluß in Asien, ci Planet, x Teil des Jahres. (Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung der Schachaufgabe in vor. Nr.: (W. Ka8, DM, La4, Sb8, Tb4, b6; Schw. Ka5, Df6, Te4, Baö, o4, eT.) 1. La4—e8, beliebig; 2. vierfach matt. (1. Ld7 scheitert an Db8l)
Redaktion: Curt Plato.— Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schcn Universitäts-Buch« und Cteindruckerri (Pietsch Erben) in Gießen.


