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ihre Teibettbc Seele eröffnete, auf baß er ihr Glück und Frieden wiedergebe.
Er lauschte gierig und aufmerksam ihren Worten, voll Gluck und doch unglücklich, alle diese Geständnisse zu vernehmen, und sagte sich manchmal im Geheimen, daß der Zufall doch manchesmal recht ungeschickt handle. Wenn [ie damals, statt Sempach zu begegnen, ihm begegnet wäre, chre Herzen hätten sicher miteinander sympathisiert; eines hätte sich ins andere ergossen, und sie wären vereint geblieben für immer.
Ms er eines Tages zu gewohnter Stunde zu ihr kam, sagte sie zu ihm:
„Diesmal werde ich Sie blos einen Augenblick empfangen."
„Weshalb?" fragte er, die Farbe wechselnd.
Sie bemerkte sein Erblassen, ergriff seine Hand und sprach:
„Wenn Sie erfahren, worum es sich handelt, lu er beit Sie mir nicht zürnen."
„Was giebt es denn?"
„Ich hatte es gestern so eingerichtet, daß mir der Justiz- minister vorgestellt wurde, und — wie Sie sich denken können — ich sprach sofort mit ihm über Sempach und seinen Prozeß/'
„Wie! Sie haben nicht gefürchtet--"
„Keineswegs. Ich stellte Sie auf die natürlichste Art und Weise in den Vordergrund. Sie verfertigten mein Porträt. Ihr Talent und Ihr Charakter seien mir äußerst sympathisch, und ich wollte Ihnen daher einen Gefallen erweisen Nach Ihrer Ueberzeugung sei Sempach unschuldig, and Sie hätten ihn derart verteidigt, daß ich beinahe Ihre Ueberzeugung teilte. Ich ersuchte daher den Justizminister, sich die Prozeßakten vorlegen zu lassen, dieselben mit Sorgfalt zu studieren und inzwischen deut Untersuchungsrichter einen Wink zu geben, daß er für den Angeklagten etwas Interesse an den Tag lege."
„Und was hat der Minister erwidert?"
„Daß es ganz nach, meinem Wunsche geschehen soll. Wer gleichzeitig verfehlte er nicht, mir zu bemerken, daß die Untersuchungsrichter auf ihre Autorität und unumschränkte Macht äußerst eifersüchtig und eingebildet seien, und daß gerade der, mit den: wir es in diesem speziellen Falle zu thun haben, gegen jede Anempfehlung, selbst von höchster Seite, vollkommen unempfindlich sei. Außerdem gilt er für zäh und autonom und wenig geneigt, seine Ansicht zu ändern."
„Tas alles bietet gerade nicht viel Trost und Beruhigung."
vielleicht bietet folgendes mehr: Ter Minister, leb- Haft von dem Wunsche beseelt, sich mir irgendwie gefällig «u erweisen, versprach mir, seine abgeschlossene Haft, falls der tonte Sempach sich noch in ihr befinden sollte, für Ihre ^Person aufheben zu wollen."
„Ja. Begeben Sie sich also unverzüglich in den Justizpalast und stellen Sie sich! dem Untersuchungsrichter, der in diesem Prozesse zu thun hat, sofort vor. Er wird Ihnen jedenfalls — ich zweifle nicht daran — die Vollmacht geben, Ihren Freund zu besuchen."
„Sie wollten also — —"
»Jä, ich wünsche sehr lebhaft, daß Sie ihn zum Sprechen überreden und er Sie wissen läßt, womit er den Wend des Verbrechens zugebracht hat."
„Mein Gott! Und Sie?"
. . »Ich? Ich habe keine Angst. Er wird Ihren Bitten ferne Folge leisten."
„Wozu also dann?"
„Um Sie zu überzeugen, daß ich Sie nicht getäuscht habe, daß Sie, falls Sie gesprochen hätten, nur gegen seinen Willen gehandelt hätten."
„Sie wissen wohl, daß ich davon fest überzeugt bin. Tenn sonst ---"
„Tenn sonst?"
"Hätte ich — trotz meines Respektes Vor Ihnen H vielleicht doch gesprochen. Wenn dieser Besuch also keinen änderen Zweck haben soll • >—"
»Er hat einen viel ernsthafteren und tieferen. Mr forschen seit einigen Tagen vergebens nach dem Schuldigen. Sempach sucht ihn jedenfalls auch. Wer sagt uns, vb er nicht in der tiefen Einsamkeit seiner Zellen in der Vereinsamung seiner Gedanken in seinem Suchen glück
licher gewesen ist als wir! Mn Fingerzeig, der uns entgangen ist, kann ihm aufgefallen sein. — Gehen Sie, mein lieber Meister, und kehren Sie rasch wieder, mir von ihm Nachrichten zu überbringen."
„Ich darf also wiederkommen?" fragte er.
„Aber natürlich!" antwortete sie mit ihrem reizendsten Lächeln.
36. Kapitel.
Ohne einen Augenblick zu verlieren, begab sich Georg, nachdem er die Gräfin verlassen hatte, nach der zustän-''- digen Behörde. Taselbst schickte er seine Visitenkarte Herrn $. in dessen Bureau und wurde, ohne daß man ihn hätte zu lange warten lassen, direkt zu dieser bekannten Persönlichkeit eingeführt.
Herr L. war ein Mann in den Fünfzig, mit kälten, strengen Zügen, von Natur aus und auch infolge seines Berufes sehr zurückhaltend, aber von hoher Bildung — ein Mann von Welt Leuten von Welt gegenüber. «
„Mein Herr", begann er zu seinem Besuche, nachdem er ihn aufgefordert hatte, Platz zu nehmen, „ich kenne Ihren Namen und schätze mich glücklich, eine Gelegenheit gefunden zu haben. Sie persönlich kennen zu lernen. Wie mir mit- geteilt wurde, wünschen Sie Herrn von Sempach zu sehen und mit ihm zu sprechen?"
„Ja, mein Herr."
„Ich habe mein Versprechen gegeben. Ihnen die nötige Vollmacht auszustellen. Ich ließ sie bereits ausfertigen. Sie ist vollkommen in Ordnung. Hier ist sie. Sie können sich sofort nach Moabit in das Gebäude der Untersuchungsgefangenen begeben, wo sich Ihr Freund befindet, und der Tirektor wird es.Ihnen ermöglichen, mit ihm znsammen- zukommen."
„Ich danke Ihnen vielmals, mein Herr, ich begebe mich sofort zu ihm, nm ihm die Hand zu drücken, den armen Jungen zu umarmen und ihm zu versichern, daß ich von seiner Unschuld felsenfest überzeugt bin."
„Ich möchte gern Ihre Ueberzeugung teilen", erwiderte kalt der Beamte, „unglücklicherweise habe ich die entgegengesetzte Ansicht, und diese Ansicht wird auch von der Anklagekammer geteilt, die, wie Sie vielleicht wissen dürften, für den Angeklagten derart schwerwiegende Thatsachen vorgefunden hat, daß sie vollkommen hinreichend wären, ihn petzt schon vor bas Schwurgericht zu stellen."
„Tas kann wohl anders nicht kommen, da Sie sich in diesem Sinne ausgesprochen haben, in ein Herr."
„Ter Gerichtshof brauchte meine Ansicht nicht zu teilen."
„Und wenn er diese teilt, so gestatten Sie mir, Ihnen zu bemerken, daH sowohl er als auch Sie sich getäuscht haben. Ich wiederhole es: Franz von Sempach ist an dem Verbrechen, dessen er geziehen wird, ebenso unschuldig wie ich, — und ich baue mit Sicherheit auf die Gerechtigkeit der Jury."
Er sprach mit Ueberzeugung und mit sehr warmer Stimme. Ter ergebene Freund, seine leidenschaftliche, sanguinische Natur erwachte in ihm.
Eben, als er sich zurüc^iehen wollte, setzte er noch hinzu:
,Mie auch immer diese unselige Sache ausgehen möge, lassen Sie mich Ihnen sagen, was ich auf dem Herzen habe: Seit dem Tage der Verhaftung meines Freundes verlange ich, ihn zu sehen. Jedesmal weisen Sie meine Bitte zurück. Weshalb denn diese äußerliche Strenge? Es war Ihr Recht; Sie haben es gebraucht, gut! Aber in unseren Tagen verzichtet die Mehrzahl der Untersuchungsrichter darauf, von diesem äußersten Recht, dem das Strafgesetzbuch auch seine Grenzen vorgeschrieben hat, Gebrauch zu machen."
„Ich könnte Ihnen antworten, mein Herr, daß ich Ihnen keine Rechenschaft schulde. Aber die Freundschaft, die Sie für den Angeklagten hegen, erklärt und entschuldigt Ihre Fragen bis zu einem gewissen Grade — und ich will Ihnen antworten. Ich machte im Interesse des Angeklagten von meinem Rechte Gebrauch, Ich dachte, daß ihm die Wgeschlofsenheit heilsame Gedanken bringen könnte, daß er sich endlich entschließen würde, mir gegenüber eine seiner jetzigen Lage entsprechende Haltung anzunehmen und nicht in einem für ihn gefahrvollen Schweigen zu verharren."
„Man ordnet also heute die Abschließung an, wie man einst die Tortur Mgewendet hat? Wenn sich ein


