fass?
Montag treu 13. Moder.
1902. — Nr. 152
(Nachdruck verboten.)
Die Viper.
Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-
(Fortsetzung.)
35. Kapitel.
Trotz ihres schürfen Verstandes und ihrer Schlauheit ahnte Bertha auch keinen Augenblick, daß sie von dem ehemaligen Kammermädchen der Fran von Sanden angeführt worden war. Rechtlichkeit und hohe Ehrlichkeit lassen sich nur zu ost anführen. Auch, war es Berthas erster Gedanke, als sie Minna verlassen hatte, sofort nach, Siraßj- burg abzureisen und sich- nach dem von ihr beschriebenen Münster auf die Suche zu machen. Ihr Bruder aber, dem sie das ganze Gespräch und ihre Pläne mitgeteilt hatte, erinnerte sich, daß er in Straßburg einen klugen, ihm sehr ergebenen Menschen kenne, und schlug ihr vor, diesem lieber zu schreiben und ihn zu Bitten, die ersten Erkundigungen einzuziehen. Sie folgte ziemlich ungern seinem Vorschlag; denn in ihrem augenblicklichen Gemütszustand hätte sie Thätigkeit und Arbeit der Thatenlosig- keit vorgezogen. Reisen zerstreuen und wirken lvohlthätig auf jeden, der voll Unruhe ist und leidet.
Ihre Unthätigkeit sollte aber nicht von langer Tauer sein. Tie Person, an die Georg geschrieben hatte, war auch wirklich auf die Suche all der zahlreichen Münser gegangen, die eben eine Stadt von hunderttausend Seelen in sich beherbergen konnte, hatte aber alle, einen nachdem andern, als nicht zutreffend ausrangiert, den einen, weil er ein zu gewöhnliches Aussehen hatte, den andern, weil er zu klein war, Len dritten, weil er zu dunkelbraun war, den vierten, weil er Straßburg nie verlassen hatte und Berlin überhaupt gar nicht kannte. «Endlich aber bildete sie sich doch ein, das gesuchte und gewünschte Individuum gefunden zu haben. Tiefer letzte Münser stimmte ziemlich- mit den ihm gegebenen Anzeichen unb! Angaben überein: er war groß, blond, von gutem Aussehen, eleganter Kleidung, war Agent von allerhand verdächtigen Sachen und hatte viel auf der Bahn zu thun. Er befand sich momentan in Straßburg, wohnte in der Ruprechtsauer Alle und war, wie man behauptete, vor kurzem erst in Berlin gewesen.
Kaum hatte Bertha diese Nachricht erhalten, als sie sofort, von Frau Linden und Wilhelm begleitet, nach Straßburg abreiste. Ihr Bruder schlug ihr zwar vor, sich von ihm begleiten zu lassen, doch, geschah dieser Vorschlag ohne Nachdruck und Ueberzeugung: er bemerkte, daß im Interesse seiner persönlichen Nachforschungen eine Reise oder eine -Entfernung aus Berlin direkt nachteilig sein könnte, und sie hielt es für besser, ihm völlige Handlungsfreiheit zu lassem
Waren diese Nachforschungen, von denen Georg sprach,
auch wirklich -ernsthaft zu nehmen? In jedem Falle leisten ten sie nichts Aktives, sondern konnten bloß den Geist en müden. Dag für Tag kam er gegen zwei Uhr zu seiner! Schülerin, der Gräfin Torvukoff, setzte er sich neben sie aus den breiten Tivan im Atelier, und 'da suchten mid grübelten sie nun gemeinschaftlich. Seite an Seite, Auge in Auge, wer wohl der Mörder der Frau von 'Sanden gewesen sei« konnte. Ms sie dann die Unwahrscheinlichkeiten ihrer Annahmen erkannten, da sie sich jedesmal in dem weiten Feld! der Hypothesen verloren, als dann alles wieder nach reift licher Prüfung und -Ueberlegung wie ein Kartenhaus in, sich zusammenfiel, sprachen sie, um sich zu erholen, und einen klaren Kopf zu bekommen, über Malerei, Kunst und Über diei Liebe-
Ja, über die Liebe. Sie fragte ihn als Freundin/ beinahe geschwisterlich, was er über sie dächte, was' er für Projekte im -Punkte der Liebe habe. Ob er nicht die Absicht habe, -sich- zu verheiraten, und ob er daran nicht etwa durchs irgendwelche Bande verhindert wäre, die so oft die ganze Jugend eines Mannes ausfüllten und sein Leben durchdrängen. Und er gestand ihr wieder, daß ihn Arbeit, seine Bruderpflichten, r— beinahe fein Amt als Vater, — von jeder ernstlichen Neigung zurückgehalten, daß er noch nie geliebt habe. „Wirklich- wahr?" gab st« ihm dann zur Antwort, ihn mit ihrem tiefen Blick durchdringend.
Sie hingegen, um ihm sein Vertrauen zu erwidern/ erzählte ihnr in verblümter Rede und mit verschämten Pausen alle ihre Enttäuschungen im ehelichen Leben: trotze ihres Scheins von Kälte und ihrer Zurückhaltung, die allo Männer in respektvoller -Entfernung hielten, wäre sie geboren, um nur zu lieben, und ihr Herz berge einen Schatz! voll warmer Liebesglut. Ter Graf hätte sie zärtlich geliebt; jedoch hätte -er sich dann von ihr nicht aus Abneigung oder Uebersättigung entfernt, sondern infolge einer allgemeinen Abspaunnng, wozu sein Alter und seine Vergangenheit hinlängliche Aufklärung boten. Sie habe viel unter seiner Zurückhaltung gelitten. Unter dem Ansturm aller dieser Enttäuschung hatte sie Herrn von Sempach- kennen gelernt. Voll Jugend und liebenden Feuers verspracht er, ihr ein Herz voll Treue und Freundschaft bieten zu tönten, das der Graf ihr zu bieten nicht mehr im stände war; und sie hatte ihm Glauben geschenkt. Aber sie mußte nur neue Enttäuschung erleben: ihre Herzen fühlten keine Sympathie für einander, oder vielmehr hatte sie bemerkt, daß ihr eigenes Herz sich nicht an dem {einigen erwärmen konnte. Weshalb? Tie Herzen haben eben ihre Launen und Eigenstimmungen. Leider giebt man sich meist erst zu spät darüber -Rechenschaft.
So kündete sie ihm ihre Hoffnungen und Enttäusch,-! ungen, ihre großen, -blauen Augen zu Boden gesenkt, ihre Wangen gerötet, ihren herrlichen Körper nach vorn gebeugt. Sie sprach- mit ihm wie mit einem alten Freunde, dem Mm alles vertrauen kann, wie einem Beichtiger, vor dem


