Ausgabe 
13.9.1902
 
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J42

Mer später werden Sie sich verheiraten, Signorina?" Ines lacht ihr schönes, aufrichtiges Lachen.

Wer mich heiratete, würde ein schönes, Geschäft machen! . . . . Ich besitze allerdings dies weiße Kleid, das, falls es seine Vorgänger nicht Lügen straft, bis zu meinem Hochzeitstage gut halten wird. Es hat schon Be­weise von Widerstandsfähigkeit gegeben, das Aermste! O! und dann, sagt Großmutter, habe ich auch Vorzüge. Ich kann Himbeerkuchen backen, und ich spiele nicht Klavier, was mir einen großen Vorzug vor anderen Mädchen ver­leiht." Maurizio ist entzückt von ihrem lebhaften, von jeder Koketterie freien Geplauder, von ihrer kindlichen, natürlichen Anmut; und sie plaudert und plaudert, glück­lich über die Aufmerksamkeit des schönen Kavaliers, der ihr keine Furcht mehr einflößt, und mit dem sie so schnell gut Freund geworden; und das Gesicht erglüht vor Freude: auf das arme, im Grase verborgene Blümchen ist zufällig ein warmer Sonnenstrahl gefallen!

Die Prinzipessa hebt die Tafel auf; alle erheben sich von den Plätzen. Es folgt die übliche Unordnung. Die schöne Marchesa Ada wartet darauf, daß Maurizio ihr ibett Arm reiche, aber in anscheinender Zerstreutheit bietet er ihn seiner anderen Nachbarin, einer eleganten statt­lichen Dame.

Ines steht allein mitten im Saal, und die armen -raunen Augen schauen einen Moment wieder schüchtern imd furchtsam drein. Da legt Maurizio sanft den zarten, weißen Arm in den seinen, und sie schreiten an der Mar­chesa vorüber, die Ines einen vernichtenden Blick zuwirft.

Im Salon herrscht trotz des im Kamin slackernden Feuers eine eisige Stimmung. Alle haben den seltsamen Vorgang wahrgenommen, alle kennen Maurizios Bezieh­ungen zu der Marchesa, alle wissen, wie stolz und ver­wöhnt die schöne Frau ist, und erwarten einen Ausbruch ihrer Tücke dem armen jungen Ding gegenüber. Weshalb hat Ines aber auch, schwach, allein und hilflos, wie sie ist, dem Zorn der stolzen Frau zu trotzen gewagt!

Mus einen Fauteuil hingestreckt, von einem Kreis ivon Anbetern umgeben, plaudert und lacht die Marchesa nervös und boshaft.

Ja", sagt sie,mein Fest soll glänzend werden. Eine Menge Leute will ich 'bei mir sehen. . . alle, alle will ich einladen." Dabei hebt sie die Stimme und wendet sich Ines zu, die in einer Ecke des Salons in einem Album blättert, und sagt mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit: Ich hoffe, daß auch Signorina Carelli kommen wird, denn ich lege unendlichen Wert darauf, auch.....den

Herzog von Mascapito bei mir zu sehen, und .... ich kenne Maurizio, er pflegt im ersten Rausche der Eroberung sehr treu zu sein."

Auf die schwere Beleidigung folgt ein eisiges Schweigen.

Totenbleich und unbeweglich steht Ines da. In ihren armen, braunen, weitaufgerissenen Augen liegt ein Aus­druck von Schreck und herzzerreißendem Schmerz; sie be­greift nur, daß sie beleidigt worden ist, und fühlt sich allein, elend, gedehmütigt, lächerlich gemacht.

Den Frauen klopft das Herz, die Männer knirschen vor Zorn, alle aber schweigen, wodurch die Situation poch peinlicher wird.

Da erhebt sich Maurizio. Mer Blicke sind auf ihn gerichtet; auch er ist bleich wie Ines, aber er lächelt.

Ohne aufzublicken, durchschreitet er den Salon, und ials er vor Ines angekommen ist, küßt er ihr die Hand Und spricht mit lauter Stimme:

Signorina, nehmen Sie die freundliche Einladung der Marchesa an, und geben Sie mir auf diese Weise Gelegenheit, die neue Herzogin von Mascapito bei ihr einzuführen!"

Europäisches Theaterwesen.

Hören wir auf die Stimmen einiger Pessimisten, die frt letzter Zeit das Theater besonders scharf befehdet haben, so ist die Kunstform des Dramas im Wsterben begriffen und das ernsthafte Schauspiel dem litterarischen oder dem Variete fans Phrase verfallen. Es muß nun von vorn­herein zugestanden werden, daß weder Deutschland noch irgend ein anderer europäischer Staat heute noch ein eigentliches Theaterpublikum im Sinne der. guten, alten Zeir besitzt, ein Publikum also, das aus wirklichem Kunst­bedürfnis, nicht aus purer .Unterhaltungslust die Muse

Thalia aufsucht, das für seine Dichter Und Darsteller ent persönliches Interesse zeigt und so den Theaterenthusias­mus befördert, von dem die alten Herren und die Me­moiren der Schauspieler so viel zu erzählen wissen. In Deutschland etwa hat das Theaterinteresse in den zwan­ziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts seinen Gipfel erreicht. Man denke an den fast wahnsinnigen Kultus/ den man mit einer Henriette Sontag trieb, die unser Vater­land glorreicher denn ein sieggekrönter König durchzog. Seit der Julirevolution flaut dieser Enthusiasmus ab. Politische Interessen nehmen die Geister mehr als bisher in Anspruch. Selbst als Bildungsstätte verliert die Bühne an Einfluß und Gewicht, seitdem dem Volke in neuester Zeit durch billige Lektüre, Vorträge, Zeitschriften, Zei­tungen u. bergt Gelegenheit geboten wird, seinen geistigen Hunger zu befriedigen. In der Litteratur verliert das Drama eine Ausnahmestellung, mehr und mehr wenden sich gerade die feineren Geister dem Roman und der Lyrik zu, die ihnen ein stilleres und andächtigeres Publi­kum gewährleisten, und sie zugleich von der Rücksicht auf brutale Bühnenwirkungen befreien.

Nichts destoweniger ist das Theater trotz schlimmer Begleiterscheinungen, die sich überall da einstellen, wo Kunst und Geschäft eine Ehe schließen, als Kunststätte keineswegs erledigt. Sowohl auf rein theatralischem, wie auf dramatischem Gebiete macht sich eine erneute Reg­samkeit bemerkbar, und unter tausend utopistischen Re­formvorschlägen und einer Fülle bühnenfremder Produk­tionen finden sich doch Keime, die eine gesunde Entwicke­lung versprechen und am Fortleben des Theaters nicht verzweifeln lassen. Durchaus verständig erscheinen uns die Bestrebungen, die den bildenden Künsten eine größere Teilnahme an der Inszenierung und am Stile der Dar­stellung einräumen wollen. Ebenso richtig ist die Tendenz der Heimatskunst, die Vorherrschaft Berlins als allein ausschlaggebende Theatermetropole zu erschüttern, denn offenbar bietet manches Drama, das in Berlin eine Ab­lehnung erfährt, für die Provinz zuweilen die geeignete Kost. Beherzigenswert ist endlich der Versuch, neben die lange Zeit üblichen Riesentheater tteinere Bühnen zu setzen, die einen intimeren Kunstgenuß ermöglichen und auch materiell günstiger auszunutzen sind.

Ties alles beweist, daß unser Theaterleben keineswegs auf einem toten Punkt angelangt ist, wie es uns die Anta­gonisten der Bühne glauben machen wollen. Man muß nur immer bedenken, wie viel gerade beim Theater er­forderlich ist, um ein höheres Niveau herbeizuführen: be­deutende Dramen, fähiggebildete Schauspieler, ein geistig hochstehendes Publikum, ein tüchtiger Direktor.

Bei einem kurzen Rundgang durch das europäische Theaterwesen konstatieren wir mit Befriedigung, daß Deutschland und das stammverwandte Oesterreich heute im Theaterleben unstreitig den ersten Rang einnehmen, sowohl was die dramatische Produktion als was die rein dar­stellerische Seite anlangt. Die deutsche Bühne hat durch­schnittlich das beste Schauspielermaterial. Sie hat Frank­reich und England gegenüber den unbestreitbaren Vorzug, daß sie sich nicht einzig auf die Hauptstadt des Landes konzentriert, vielmehr verschiedene Pflegestätten der Schau- spielkun-st geschaffen hat. Tie Provinz braucht sich hier also nicht mit dem zu behelfen, was die Metropole übrig läßt. Im Drama tritt das Uebergewicht der deutschen Bühne noch klarer zu Tage. Seit die Alleinherrschaft des französischen Jntriguen- und Tendenzstückes durchbrochen ist, bricht sich allenthalben die Erkenntnis Bahn, daß die Entwickelung b>es Dramas wesentlich dem deutschen Geiste zu verdanken ist. Den Hebbel, Ludwig, Grillparzer, Anzen­gruber, ja noch einem Hauptmann und Sudermann gegen­über hat das Ausland mit Ausnahme Ibsens nichts gleich­wertiges an die Seite zu stellen.

Wesentlich erleichtert wird uns em Ueberblick über das gegenwärtige Theater durch ein eben erschienenes Jahrbuch, für das gesamte Bühnenwefen, das der Herausgeber Tr. F. Arnold MayerDeutsche Thalia" (Wien und Leipzig, W. Braumüller) betitelt. (Preis 12 Mk.)

Gewähren wir dem Auslande höflich den Vortritt. In England liegen die Tinge traurig, wenngleich der Ver­fasser dieses Kapitels, der bekannte Kritiker William Archer, eine fortschreitende Besserung zu erkennen glaubt.. Die; Blütezeit des englischen Dramas fällt bekanntlich m das elisabethanische Zeitalter, nur galt das Theater Shakespeares