Ssmstsg den 13. September.
1902. — Nr. 136.
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Bei Tische.
Von Ecate.
Autorisierte Uebersetzung aus dem' Italienischen von Gertrude Rothenberg.
(Nachdruck verboten.)
Die beiden geschnitzten Flügelthüren öffnen sich. In feierlichem Zuge begeben sich die (Safte paarweis in den Speisesaal. Die Prinzipessa mit dem General, Se- Exzellenz der Minister mit der kleinen blonden Komteß, nm deretwillen er nur erschienen ist, der Adjutant Sr. Majestät mit der Gemahlin des österreichischen Gesandten Und noch viele andere hochadlige, bedeutende Persönlichkeiten, von denen ein wahres Feuerwerk von Edelsteinen und Orden ausgeht, was dem privaten, eigentlich mehr intimen Festmahl die Feierlichkeit eines offiziellen Empfanges verleiht.
Maurizio Fiorenzi, Herzog von Maseapito, jung und schön wie Antinous, reich wie Krösus, edel und ritterlich wie Cid Campeador, reicht selbstverständlich der bildschönen Marchesa Ada den Arm und ist äußerst unangenehm überrascht, als er sich an der Tafel weit von ihr getrennt sieht. Sein Unbehagen steigert sich, als er bemerkt, daß er Ines Carelli zur Tischdame hat, ein junges Mädchen, das er zwei- oder dreimal in der Gesellschaft, immer steif und unbeweglich in demselben weißen Fähnchen, gesehen hat, und das ihm unansehnlich, dumm und uubedeutend vorgekommen ist. Auch die Prinzipessa hat Ines einen Blick zugeworfen, in dem sich der ganze zurückgehaltene Aerger einer Hausfrau kundgiebt, die zu spät eilte» Fehler des Hausmeisters bemerkt. Sie giebt Maurizio ein Zeichen, wie um ihm anzpdeuten, es sei ein Irrtum geschehen, den er verzeihen möge.
Signorina Carelli, schon äußerst beunruhigt, sich fast in die Mitte der Tafel versetzt zu sehen, während man ihr, dem armen Mädchen ohne Mitgift, gewöhnlich nicht derartige Rückfichten zu erweisen pflegt, bemerkt die Bewegung der Prinzipessa, errötet und senkt tiefbeschämt den Kopf auf den Teller. Inzwischen belebt sich die Konversation. Das Klingen des Krhstalls, des Porzellans, das liebenswürdige, fröhliche Plaudern der Damen, der Wein, der mit Aeolsharfenklang in die hohen Kelche fließt, glles dies trägt dazu bei, eine vertraulichere, halblaut geführte Unterhaltung zwischen den Tischnachbärn zuwege zu bringen.
Auch Maurizio fühlt die Pflicht, mit seiner Tischdame zu sprechen.
„Signorina, Sie essen ja nicht!... Schmeckt Ihnen der Fasan nicht?"
„Doch, er schmeckt mir sehr gut. Ich habe schon davon gegessen."
Maurizio denkt einen Augenblick nach; dann sagt err „Haben Sie den letzten Band von Grazia Deledda gelesen?"
„Nein."
Neues Schweigen, dann ein neuer Versuch.
„Waren Sie zur Premiere der „Francescas tut Costanzi?"
Wer diesmal hebt Ines die Augenlider und blickt Maurizio mit ihren großen, braunen Augen, in denen es malitiös aufleuchtet/ gerade ins Gesicht.
„Ich bin sehr glücklich, Ihr Tischherr zu sein, Sig-i norina . . . . . Ich erwartete dieses Glück wirklich nicht..."
Ines aber unterbricht ihn mit einem so freimütigen« so lustigen Lachen, daß Maurizio sie gekränkt anblickt.
„Bitte verzeihen Sie.... Wer Sie sind so . . »f so liebenswürdig, das ein Glück zu nennen! Sie sind sehr ungehalten, weil Sie neben mir sitzen, und di« arme Prinzipessa kann die Zeit nicht erwarten, um Ihnen zu sagen, daß es nicht ihre Schuld gewesen . . . « Und Sie hätten auch gern auf dieses „Glück" verzichtet!'ä
„Das' ist wahr, Signorina", antwortet Maurizio aufrichtig, und blickt in ihre fröhlichen, großen Mgen, die jetzt den gewöhnlich schüchternen und furchtsamen AuK druck verloren .haben. „Es ist wahr, weil ich Sie nie beachtet hatte. Jetzt würde ich nicht um ein Königreich' darauf verzichten wollen."
Ines errötet und schweigt.
Er blickt sie an. Das weiße Kleidchen läßt zwei feilt geformte und sehr weiße Schultern sehen. Der Hals ist zart und schön gebogen, das Köpfchen zeigt edle Linien« üppiges, kastanienbraunes, im Nacken zu einem Knoten geschlungenes Haar; in den braunen Augen blitzen goldene Strahlen, und der Mund ist bezaubernd, wenn sie ihr frisches, kindlich-frohes Lachen erklingen läßt. Schweigt sie aber, so liegt auf dem bleichen, etwas angegriffenen Gesicht ein schwermütiger Ernst.
Das Mahl neigt sich inzwischen seinem Ende zu. Der Champagner schäumt in den hohen Gläsern; Toaste werden ausgebracht, man laßt die Wirtin leben, die Unterhaltung wird immer animierter, und der Minister hält eine kleine Rede, wobei er nicht verabsäumt, des erlauchten Herrscherpaares zu gedenken.
„Und wo ist Ihre Mutter, Signorina?"
„Sie ist schon lange tot. . . Ich bin mit Großmama hier, sie sitzt uns gerade gegenüber zwischen denk alten General und Dr. Baldini."
Und die großen, braunen Mgen wenden sich mit zärtlichem Blick einer schönen, alten Dame zu, die auf den silbernen Locken eine schneeweiße Crepehaube trägt, und deren Augen schelmisch dreinschauen.
Ines und Maurizio plaudern jetzt miteinander tote zwei alte Freunde. Sre erzählt ihm, daß sie Gesellschaften nicht gern besuche, weil sie sich dort nicht amüsiere^ während sie daheim, im Hause der Großmutter, rmm« lache und vergnügt sei.


