Ausgabe 
13.8.1902
 
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Zweifels lähmt ihn und nagt an ihm und fesselt ihn in Gestalt von allerlei Erinnerungen und Gefühlen an die Vergangenheit, von dessen Boden sich sein denkender Geist losgerissen hat. Das allmähliche Erliegen der heiligsten Empfindungen zerreibt seinen Lebensnerv, beugt seine Willensfreiheit, und es entsteht durch den Zwiespalt zwischen Kopf und Herz seine innere Zerrissenheit. Mit diesem Zweifel geht er zu Grunde.

Lenaus Persönlichkeit, die in der Nacht des Wahnsinns untergeht, erfüllt noch heute unsere Seele mit jenem Ögen Gefühl, das wir mit dem Namen des Tragischen j.nen, und könnte später selbst ein Gegenstand der Poesie werden. Er ist so wenig ein ganzer Kerl, ein fester Charakter, wie es bei Goethe Wertster und Clavigo sind. Sein Lebensgang beantwortet zwei von den Dichtern unserer Tage häufig aufgeworfene Probleme: 1. ob die Menschen ohne Gott fertig werden können, und 2. ob ein Mann in der reinen Freundschaft mit einer Frau von Geist, die glücklich verheiratet ist, sein Glück finden kann, mit einem deutlichen Nein.

Frau Sofie Löwenthal hat, wie er selbst sagt, zwölf Jahre lang sein ganzes Lebensglück ausgemacht. In seinem Hunger, sich einer gleichgestimmten und gleichgesinnten Natur mitteilen zu können, hat er sie gefunden, die Gattin eines in Wien lebenden höheren Staatsbeamten. Löwen­tstal, auf Lenau als neu aufgegangenen Stern am Himntel der deutschen Litteratur aufmerksam gemacht, führte ihn bei sich, ein, und der Eindruck, den der Dichter von der Frau des Hauses empfängt und auf sie ausübt, wird be­deutungsreich für sein ganzes Leben. Er wird von ihrem Wissen, ihrem selbständigen Urteil und feinen Geist sofort gefesselt, zunächst in aller Unbefangenheit. Nicht im Traume fällt es ihm ein, daß sein Interesse für diese Frau einen Tritten verletzen könne. Mer es bleibt nicht dabei. Seine dankbare Bewunderung für Frau Sofie setzt sich allmählich in ein heißeres Gefühl um; und auch ihr Herz scheint sich: mit einer tieferen Neigung zu erfüllen, wenigstens für einige Zeit .Sie scheinen sich aber doch wacker zu halten. Bald bedeutet diese Frau für sein Geistesleben Licht und Luft. Ihr Einfluß muß zum Unheil führen. Er wird von dem Zauber dieses Weibes bis zur Sinnlosigkeit Umsponnen, bis zu einem Selbstentmündigung gleichkommen­den Aufgesten in ihrer Persönlichkeit. Eine Parallele zwischen den Charakteren dieses Weibes und des Dichters ist sür den Psychologen interessant. In ihrer entsetzlich launen­haften Evaart liegt etwas Sphinxhaftes. Welche Absichten hatte diese Frau? Hatte sie überhaupt einen wohlüberlegten Plan? Wohl kaum. Sie fühlt, Lenau ist kein gewöhnlicher Mensch, er ist anders wie die andern, er ist vor allem auf dem Wege, berühmt zu werden. Daß die Persönlichkeit des Dichters mit dem Reiz des Neuen sofort auf sie wirkt, steht ebenfalls außer Frage. Mit dem feinen Instinkt des Weibes wittert sie das Verwandtschaftliche ihrer Naturen Und Anschauungen, die bei ihr sich aus den hergebrachten Gleisen hinaussehnen. Es hat etwas Verlockendes für sie, in die geistige Werkstatt eines Mannes hineinzublicken, der, mit dem Rüstzeug genialer Ideen ausgestattet, in ganz eigenartiger Weise im Streite mit dem Leben steht. Macht über ein Menschenschicksal zu gewinnen, das Schicksal eines Einzelmenschen, nicht eines Dutzendmenschen, wie ihr Gatte, ist ihr Ehrgeiz, den sie. mit leidenschaftlicher Heftigkeit ständig nährt. Obs nun einverbummelter Student" ist, das ist ihr gleichgiltig. Er ist ein Mensch von reinem, hin­gebungsvollem Herzen. Man könnte vielleicht so weit gehen, zu behaupten, daß Lenau für Sofie Löwenthal eine Art Versuchsobjekt darstellte, an dem sie ihre geistige und moralische Spannkraft erproben könnte. So viel scheint sicher zu sein, daß sie an den späteren Herzenskonflikten Lenaus soweit interessiert ist, als sie ihre weibliche Eitel­keit verletzt sieht, daß er aber der alleinige leidende Teil ist. Trotzdem braucht man nicht nur an kalte, herzlose Koketterie ihrerseits zu glauben. Die faszinierende Wirkung, die ihre Persönlichkeit auf den Dichter ausübte, war vielleicht eine mehr unbewußte als gewollte. Es ist nicht erweislich,, daß ihre Klagen und Thränen, ihre Sorgen und Schmerzen Um ihn erbärmlicher Tartüfferie entstammten. Nahe aber liegt die Annahme, daß Mißgunst, Eifersucht, Genußsucht, rücksichtsloser Egoismus und Falschheit ihrem Charakter nicht fern lagen und viel zu den ständigen üblen llnlaunen

Lenaus beitrugen. Schon war er mit Anna Behrens ver­lobt, als jener Moment kam, den er inTod und Trennung"- schildert:

Doch! ein Anblick tieftet Trauer, Bänger als des Sterbens Schauer Wär' es, könnt' ein Äug' es fassen, Wie zwei Herzen sich verlassen."

Frau Sofie aber ging als Siegerin aus diesem Kampfe hervor; Lenau, dem der Glaubeusizwift den Willen ge­knickt hatte, unterlag. So lange er sich ungestört der Freundschaft mit dieser Frau hingeben konnte, die er als! in allem ihm ebenbürtig ansah, mit der er über alles! sprechen konnte- die ihn verstand, ihm nicht selten vorausi- eilte seine eigenen Worte, so lange war er noch nicht ganz unglücklich. Nachdem er aber endlich, eingesehen haft daß seines Nächsten Weib zu begehren nicht angängig ist- da ist ihm das Dasein ohne sie schal und wertlos. Er hat aber weder den Mut das Mädchen zum Weibe zu nehmen- das er nehmen darf und das ihn liebt, noch: viel weniger aber die Kraft, der ersten zu entsagen. So bricht er jämmer­lich in sich zusammen. Frau Sofie hetzt ihn, wohl unbewußt und ohne Absicht, durch ihre eifersüchtige Katzenart in den Wahnsinn.

So entrollt uns Lenau der Mensch in seinem Lebens- gang ein herzbeklemmendes Seelengemälde. Lenau, der Poet, ist dem oeutschen Volke bekannt als einer der größten lyrischen Meister, der die gebrochenen Lichter bevorzugt- die Verschwimmenden Farben. Wohin er blickt, in das eigene Herz, in das Leben und in die Geschichte, oder, wo er am reichsten ist, in die Natur, überall sieht er das Licht schwinden, ahnt er in der Frucht den Wurm, denkt er bei der Blüte an den Herbst, beim Himmelsblau au die! nahende Nacht. Bezeichnend für ihn sind folgende Verse» Rings ein Verstummen, ein Entfärben;

Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln, Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;

Ich! liebe dieses milde Sterben."

Seine Melancholie, die er selbst besungen hat, hat, wie wir gesehen haben, ihren tiefsten Grund im Gefühl eines! Schiffbruches, aus dem sich: nur Trümmer retten ließen- und in dem inneren Ringen mit einer Skepsis, die ihn unwiderstehlich anzog. Tie Melancholie bei ihm ist ur­sprünglich unmittelbarste naive Empfindung. Naivetät aber ist die Gottesgabe, deren Sonnenwärme das Wachstum einer Dichternatur vollendet.

Denken wir an des Dichters tragisches Ende, dann fallen uns seine eigenen Verse ein aus dem GedichteDie Waldkapelle", das er nach der Trennung von seiner ersten unglückseligen Liebe schrieb und in dem er mit unheimlichem Vorgefühl, das sich so häufig bet ihm dokumentierte, sich selbst zeichnete:

Was hat, o Schicksal, dieser Mensch gethan. Daß mit des Wahnsinns bangen Finsternissen Du ihm verschüttet hast die Lebensbahn, Aus seiner Seele seinen Gott gerissen."

Wir schließen unsere Betrachtung mit den trübe Be-< zeichnenden Worten, die der Dichter dem Grafen Johann dem Aelteren von Nassau nachempfunden und als Beitrag zu einem Schilleralbum nachgeschrieben hat:

Wer stirbt, ehe er stirbt, der stirbt nicht, wenn er stirbt."

Silbenverfteckrätsel.

Nachdruck verboten.

Lademeister Abkühlung Unentschlossenheit Arglist Forderung Tunnel Begnadigung Wachholder.

Es ist ein Sinnsprnch zu suchen, dessen einzelne Silben der Reihe nach versteckt sind in vorstehenden Wörtern, ohne Rücksicht auf deren Silbenteilung.

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Anagramms in vor. Nr.r Nelke, Enkel.

Redaktion: Curt Plato. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitats-Buch« und Steindruckerei (Pietsch Erbeut in Gieße«.