Ausgabe 
13.8.1902
 
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nicht zufällige Ursachen schmieden zumeist das Einzel- schickfal. Je weiter der Abstand von Wille und Kraft, desto sicherer, daß in dem Streite zwischen Altem und Neuem, zwischen Erziehung und Erkenntnis, zwischen Pflicht gegen andere und Recht auf sich selbst, daß in solcher Tragödie schwankende Naturen unterliegen.

Zu den Dichtern, die fast ausschließlich sich selbst dichteten, und zu den Menschen, die in jenem angedeuteten Streite zu Grunde gingen, gehört Lenau (bekanntlich eigent­lich Nikolaus Niembsch Edler von Strehlenau), dessen 100. Geburtstag wir am heutigen 13. August begehen. In einem Briefe vom 19. Juli 1804 sagt er:Meine sämtlichen Schriften sind, da ich für Thaten keinen Raum finde, mein sämtlrches Leben", ein andermal nennt er seine Poesie ein Selbstopfer, und an einer dritten Stelle sagt er:Die Poesie bin ich selbst; mein selbstestes Selbst ist die Poesie."

Es ist ein eigentümlich unbestimmtes Halbdunkel, das des Dichters Individualität umgiebt. Obwohl er sich eine Zeitlang zum Gelehrten berufen fühlt, ist er durch und durch eine Künstlernatur. Man könnte ihn, den Menschen Lenau, fast als den Dichtertypus unserer Tage ansehen. Dieser unstete Drang, diese schon in seiner frühesten Jugend getadelte eigensinnige Ungeduld, diese launische, überreizte Stimmung, dieses ständige, hypochondrische Gefühl des Un­glücklichseins, diese ausnehmende Abhängigkeit von seinen Nerven, dieseseinsame Menschentum" das sind Züge, denen wir im modernen Leben auf Schritt und Tritt be­gegnen. Ein Mensch von ungemein reichem Geist, lautem Gewissen, aber früh gebrochenem Willen kommt es ihm nicht in den Sinn, gegen seine innere Unrast, das Zwei- seelentum in seiner Brust anzukämpfen. Fortwährend ab­hängig von äußeren und inneren Eindrücken, entrüstet er sich zwar darüber, aber er flieht immer mehr in sich selbst, als daß er Anfechtungen abwehrt. Ja, er ertötet sogar ganz rationell in sich alle Lebenslust und Lebenskraft. Er belauert, umschleicht, beobachtet sein Inneres bis ins Kleinste. Wer gerade darum bleibt er in den Händen des Schicksals ein Spielball, das ihn bald hierhin, bald dorthin, selbst über den Ozean schleudert. Sein geistiges Leben währt 42 Jahre (er starb am 22. August 1850), aber er findet keinen Beruf, kein Heim, kein Weib. Im Mer von 20 Jahren schon verteidigtder Unbeständige" in einem ebenso überschriebenen Gedicht mit guten Gründen seinen fortwährenden Wechsel des Studiums. Er studiert ohne praktischen Lebenszweck, aber, wie einer seiner Freunde sagt, mit dämonischem Fleiß. Von der Philosophie wird er zum Jus, und vom Jus zur Medizin getrieben, besteht überall die ersten Prüfungen höchst glänzend, läßt es aber zu einem "Abschluß in allen seinen Fachstücken nicht kommen. Er strebt nach, einer Philosophie-Professur, geht aber bald darauf auf eine Ackerbauschule, um Landwirtschaft zu stu­dieren. Tann ist er drauf und dran, zum Dr. med. zu promo­vieren und sich in Heidelberg zu habilitieren, gelangt abex bald wieder zu anderen Entschlüssen. Ueberall ein wehr­loses Unterliegen seinen jeweiligen äußreren und inneren Einflüssen.

Ueber ein Jahrzehnt führt er ein Wanderdasein. Zu­meist hält er sich bei Freunden oder Verwandten in Stutt­gart oder in Wien auf und wird von diesen unheilvoll verwöhnt. Niemals kommt er vom Weibergängelbande los. Schon seine Mutter verzärtelt den vergötterten Sohn über alle Maßen, macht ihn aber dadurch unfrei, eigenwillig, bequem, launenhaft, selbstsüchtig und mißtrauisch Sobald er aus ihren Händen ist, taumelt er in einen unglückseligen Liebesrausch Als Student verliebt er sich in ein schon sehr verblühtes und zänkisches Frauenzimmer von zweifel­haftem Ruf in untergeordneter Stellung sie ist Haus­hälterin bet einem bürgerlichen Stadtrat Wiens und kommt viele Jähre von diesem Weibe nicht los. Acht seiner schönsten Gedichte erzählen von diesem unwürdigen, ihn zerrüttenden Liebeshandel, durch den er um seine besten Jugendjahre betrogen wird. Es wird ein Töchterchen ge­boren, das aber nicht den Namen des angeblichen Vaters erhält. Dem laugen Liebesrausche folgt, als er an der Treue seiner Geliebten begründeten Zweifel zu hegen be­ginnt, bis sie ihm endlich offen einen griechischen Handels­mann vorzieht, ein fürchterlicher Katzenjammer, und er findet mit allen seinen großen Gedanken, von Gewissensbissen itnb körperlichen Schmerzen gefoltert, offenbar den Folgen einer unglücklichen Veranlagung, weder zum Leben noch zum Sterben den rechten Mut. Später verliebt er sich in ein

vortreffliches Mädchen, Lotte Gmelin, die Tochter eines Professors der Rechte an der Univerfität Tübingen. Sie begeistert ihn zu seinen wundervollenSchilfliedern", ei kann es aber zur Heirat nicht kommen lassen, da seine materiellen Verhältnisse es, wie er glaubt, unmöglich machen. Alsdann läßt er sich zwölf Jahre lang von einer verheirateten Frau regieren und verlobt sich zwischendurch mit einer Schauspielerin. Das Verlöbnis geht aber sehr bald auseinander und endlich findet der Zweiundvierzig- jährige ein liebenswürdiges Mädchen von sanfter Anmut und holder Weiblichkeit, Marie Behrens aus Frankfurt a.M., das er zu seiner Frau zu machen sich entschließt. Er wird trotz seiner Jahre ein überaus feuriger Liebhaber, schreibt aber gleichzeitig an seine verheiratete Freundin:Wenn Sie es nicht wünschen, dann verheirate ich mich nicht", und bald darauf:Meine ganze Seele gehört Ihnen auf ewig."

Fragen wir nach den tiefsten Ursachen von Lenaus wandelbarem Charakter, seinem gärenden turbulenten Temperament, dem unruhig Flackernden in seinem Wesen, der weichlichen Rückgratlosigkeit seines Handelns, nach den Ursachen seiner unsteten und zerfahrenen Lebensweise, seinem unmäßigen Weingenuß u. s. w., so kommen wir von dem kranken Enkel und Sohn zu Großvater und Vater. Beide waren unbezähmbarer Spielwut ergeben, beide erschütterten ihre Gesundheit durch Ausschweifungen. Eine Schwester Lenaus starb früh an einem Gehirnleiden, sein Vater am der Schwindsucht. Nach dem Tode ihres Gatten heiratet die Mutter einen Arzt ohne Praxis und die Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen. Die wunderlichen und zerrüt­teten Verhältnisse im Elternhause waren es, die Henau zu einem tief unglücklichen Menschen machten, darum die Schwermut in seinem Blick, darum der müde Zug im durH- geiftigten Gesicht. Darum enthalten seine Briefe so viele große Veden über weitgehende Pläne, und doch ist er fo willenlos, so ganz ohne Thatkraft und Selbstzucht, daß ihn selbst der Tod seiner über alles geliebten Mutter nicht aufrüttelt.

Wir sehen also, erbliche Belastung, körperliche Ent» ortung, verwahrloste Erziehung tragen Schuld an dem zwie­spältigen Charakter Lenaus-

Von seiner Umgebung unverstanden, sowohl seinem Temperament und Willen uacch wie in seinem späteren geistigen Schaffen, gewinnt er zu Hause nie die notwendige Ruhe, und zeitlebens wird er von übler Unruhe geplagt« Er hat von Kindheit auf ein weiches, Anschluß suchendes! Gemüt und viel Güte, kann aber selbst bei kleinen Anlässen in einen unbegreiflichen Berserkerzorn geraten. In seines Brust hängen durcheinander, ungeordnet, anerzogene Ge­fühle und selbsterworbene Ansichten. Das wirft ihn in die wechselndsten Stimmungen. Bald ist er weichs bald hart, bald nachgiebig, bald unduldsam. Zwei Todfeinde trägt er, wie er selbst einmal sagt, in sich selber herum wie Siem und Stahl; diese Todfeinde sind sein heftiges Gemüt und seine reizbaren Nerven. ,

In seiner Kindheit war Niki, wie er von seiner Mutter genannt wurde, sehr fromm. Er betete nach dem int Hause seiner katholischen Eltern eingeführten Gebrauchs sein Morgen- und Abendgebet recht fleißig, und hatte eine be­sondere Freude daran, vor einem zun: Altar Hergerichtetest Stuhl die Messe zu lesen; späterhin ministrierte er dem Priester die Messe.

Doch früh beginnen die Zweifel, und in peinvollem Seelenzwiste ringt er sich den Glauben der Väter vom Herz­blut ab. Zwischen Glauben und Wissen aber schwankt er sein Lebenlang. So wird er, wie Auerbach sagt, der Dichter der reinen Skepsis.Das Ringen nach absoluter Wahrheit und nach der subjektiven, die aus dem innersten Kern dess eigenen Wesens geboren, nichts Ueberkommenes an sich hat, ist nirgends dichterisch mächtiger hervorgetreteu, als in Lenau." Auf seinem angenommenen Standpunkte aber wird er nicht heimisch Im Alter von 28 Jahren entsteht das GedichtGlauben, Wissen, Haitdeln", das den besten Kom­mentar zu seiner Lebensentwickelung giebt, und noch nach sechs Jahren ist er in seinemFaust" über die ganze Reihe der Daseinsrätselfragen, die er hier aufwirst, mit sich nicht ins Klare gekommen. Erst in denAlbigensern" ist seine Weltanschauung reifer, geschlossener. Ter Verlust seines Glaubens, für den der Unglückliche nirgends Ersatz findet, ist, das sagen uns die meisten seiner Dichtungen, ein Grund seines ständigen seelischen Schwerzes. Dieser Schmerz des