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suchte, die allein schon durch ihre Persönlichkeit ganz dazu paßte, vor der anspruchsvollen Welt, in der er lebte, die Stelle als seine Gattin auszufüllen — welche bessere konnte er siuden? Und dennoch - er betrog sie wie Ottilie, ihren Freundin, sie betrog. Auch zu Ottilie war sein inneres Verhältnis jetzt ein anderes geworden. Er machte sie für den schmählichen Betrug, mit dem er sich belud, verantwortlich. Sie hatte ihn dazu gedrängt. Je mehr Bell in seinen Äugen gewann, um so mehr be- gann Ottilie sür ihn zu verlieren. Er hatte schon im Begriff gestanden, plötzlich abzureisen, mit einem Schlage dieiem schnöden Lügenspiel ein Ende zu bereiten und sein Los zu tragen, lote es gefallen war. Aber er vermochte es nicht mehr. Dieses Mädchen hielt ihn jetzt fest. Sie hätte ihn auch festgehalten, wenn er noch reich gewesen — und sie arm. Oder er stand im Begriffe, ihr die Wahrheit zu sagen, die ganze rückhaltlose Wahrheit. Aber im entscheidenden Moment wollte sie ihm nicht über die Lippen — nicht aus Furcht, daß sein Spiel dann verloren sein würde, sondern aus Scham — — vor ihr. Dann vergaß er, ob er es gewinnen würde oder nicht, und er überließ sich nur dem Genuß des Augenblicks, allein mit ihr zu sein, allerhand Gedanken mit ihr auszutauschen, den Wohlklaitg ihrer Stimme zu hören, den besänftigenden Frieden auszukosten, den er in ihrer Nähe fühlte und alles, was er wünschte, war nur noch, daß diese Zeit des Zusammenseins nie ein Ende nehmen, daß es so bleiben möchte, wie es war.
Noch immer wollte der Weg nicht breiter werden. Er führte jetzt an Teichen und feuchten Wiesen vorüber. Manchmal flog ein Kiebitz oder eine zierlich Seeschwalbe vor ihnen auf. Von fern her schimmerten aus grünem Untergründe kleine rote Häuschen. Das war das Dorf Rantum.
Auch Bell schwieg.
War es der Zauber der Einsamkeit, der sie umfing, die tiefe Stille umher, das Sinnbild des Friedens, den sie gesucht hatte? War sie, seit sie hier auf dem abgelegenen Eiland weilte, ihrer goldenen Hölle entronnen, umgeben von Menschen, die nichts von ihr verlangten, eine andere geworden? Vielleicht. Ihr Herz hatte sich gegen Welt und Menschen verschlossen. Nun öffnete es sich — und mit jedem neuen Tage ein Stück mehr. Sie dachte an Fred Bennet. Wie an einen treuen Bruder dachte sie an ihn. Er sollte seine Liebe zu ihr vergessen. Denn nun fühlte sie es genau — daß sie ihn niemals wieder lieben würde. Niemals!
Ueber die Heide summten die Bienen, und es war, als summten sie ihr etwas zu, unvergeßbare Worte, daß sie zu keiner Ausnahme geboren sei, daß auch sie einmal die Liebe kennen würde. Nun war es, als hätten ie Gewalt über sie gewonnen, als hätten sie in ihr tun geöffnetes Herz etwas hineingetragen, ein Saatkorn, >as über Nacht, unbewußt ihr selbst, zu keinem angefangen 'satte, und vom friedvollen blauen Himmel strahlte erwärmend die Sonne darauf. Wie ein jungfräulicher Mer war ihr Herz gewesen und nun wuchs daraus die Saat mit doppelter Kraft.
Keine Rechenschaft wollte sie sich geben — nicht wissen, was es war. Nicht denken!
Wer wenn sie allein mit sich war, so kamen ihr die Gedanken ungerufen, ungewollt — und sie dachte an ihn. Ueber sein verändertes Wesen dachte sie nach. Achtlos war er in den ersten Tagen an ihr vorübergegangen und nun war er ihr täglicher einsamer Begleiter. Wie war das gekommen? Als gäbe es nicht eine ganz einfache Frage daraus. Weil er Gefallen an ihr gefunden hatte. Warum durfte sie sich das nicht gestehen? Wie er selber von Tag zu Tag sein inneres Wesen ihr immer mehr enthüllte, das von dem ersten Eindruck, den sie von ihm empfangen hatte, sich ihr immer mehr entfernte, so erging es ihm wohl auch mit ihr. Sie hatte es nicht glauben wollen, daß sie ohne ihr Geld — Fred ausgenommen — einem Mann gefallen konnte. Nun durfte sie es glauben — und ein ruhiger wonnevoller Stolz kam über sie. Fing sie nicht sogar an, heimlich in den Spiegel zu sehen? Ottilie hatte ihr gesagt, daß der glatte Scheitel, den sie wie die Bostoner Studentinnen immer trug, sie alt mache, und hätte sie sich nicht vor sich selber schhmen müssen, so hätte sie vielleicht schon dieselbe Frisur angenommen wie Ottilte. Was ge
fiel ihm au ihr? Aber dann mußte sie sich auch fragen, was gefiel ihr an ihm? Jetzt hörte sie seine leisen Schritte hinter sich und es war ihr, als müßte er in diesem Augenblick erraten, was in ihr vorging. Vielleicht hatte er es schon erraten, vielleicht wußte eres schon? Nein — nur das nicht! Und wie sollte das alles enden? Er wußte nichts von ihrem Reichtum — und bei seinem Stande konnte ein armes Mädchen nicht in Betracht kommen. Das hätte sie vergessen. Sie wollte wieder sie selbst sein — keine Träumerin.
„Noch zehn Minuten", sagte er, indem er jetzt wieder neben ihr ging, „dann sind wir da. Sind Sie nicht müde, Miß Bell?"
Er nannte sie bei ihrem Vornamen. Seit wann — er wußte es nicht mehr. Er hatte ihn Ottilien und ihrem Manne nachgesprochen. Bell aber wußte es. Als sie enies Abends vom Strande aus beide der untergehenden Sonne zusahen, da war er zum ersten Male über seine Lippen gekommen. . .
Ohne ihre Antwort abzuwarten, reichte er ihr feilten Arm und unwillkürlich legte sie den ihren hinein. So kamen sie ins Dorf. In einem Gasthausgarten, in einer Bohneiilanbe tranken sie Kaffee und unter heiterem Geplauder füllte Bell die Tassen. Er stellte sich vor, diese Laube wäre ein hübsches Frühstückszimmer und gehörte zu seinem Heim und diese seinen, weichen, kräftigen Hände wären die seiner jungen Frau.
„Wie viel Stück Zucker?" fragte sie.
„Sonst nehme ich gar keinen. Aber wenn Sie nur, Miß Bell, die' Stücke mit Ihren Fingern hineinzählen wollen, dann je mehr, je lieber."
Er scherzte, und doch war es ihm dabet ernst. Sie wurde rot und antwortete: „So dürfen Sie nicht mit mir sprechen."
Er faßte nach ihrer Hand und küßte fie.
„Bell!" kam es mit Gewalt über seine Lippen.
Und fühlend, daß die Gelegenheit da war, entflammt von einer Empfindung, die von ihr auf ihn herüberströmte, und doch sich dabei bewußt, daß er die Komödie, die er vor ihr zu spielen hatte, wenigstens einigermaßen glaubhaft machen mußte und so, daß auch für sein Gewissen eine Hinterpsorte ossen blieb, slüsterte er:
„Bell, warum sind Sie ein armes Mädchen! Warum kann ich Sie nicht bitten, meine Frau zu werden."
Die Sinne wollten ihr vergehen.
Er zog sie zu sich nieder auf die Bank, er legte den Arm um sie, er flüsterte ihren Namen. Er dachte nicht mehr daran, daß er sie betrog. Aus feiner Mimme klang eine weiche, warme Zärtlichkeit und so tauchte fie berauschend in ihr Ohr.
Plötzlich riß sie sich los.
Schrecken und Grauen stand auf ihrem Geficht.
„Lassen Sie mich! Lassen Sie miet) W streß sie hervor.
(Fortsetzung folgt.)
Reich als Dichter - arm als Mensch Ist (Ein Gedenkblatt an Nikolaus Lenau, geb. am 13. August 1802.)
Von Paul W i t t k o.
(Nachdruck verboten.)
's ist eitel Nichts, wohin mein Äug' ich hefte! Das Leben ist ein vielbesagtes Wandern;
Ein wüstes Jagen ist's von dem zum andern, Und unterwegs verlieren wir die Kräfte.
Große Dichter sind in einem gewissen Grade auch immer Darsteller ihres eigenen Lebens. Ihre Dichtungen ^sind Lebenszeichen, abgcl.gt vor dem Beichtstühle der Welt. Bersenkeii wir uns in die Blätter der Weltlitteratur, so machen wir immer und immer wieder diese Beobachtung. Jeder echte Dichter dichtet sich selber, er giebt sein Innerstes der Welt, die sich von dieser inneren Wahrheit der Dichf- tnng ergreifen und c: schlittern läßt. Seeleneindrücke, aber
*) Wir möchten unsere Leser ans das Erscheinen zweier Schriften ans Anlaß des 100. Geburtstages des großen Lyrikers aufmerksam machen. Bei O. Gracklauer in Leipzig kam eine Broschüre von Theod. Gesky unter dem Titel „Lenau als Naturdichter» zum Preise von Mk. 1.50 heraus, und im Berlage von Max Hesse in Leipzig erschien zu dem« selben Preike eine umfangreichere Gedenkschrift von E. Cast e.


