Mittwoch den 13. August.
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1902. — Nr. 119.
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(Nachdruck verboten.)
Miß Cookson aus New-Aork.
Bon Heinrich Lee.
(Fortsetzung.)
Viertes Kapitel.
„Ich werde aus den Beiden nicht mehr klug", sagte im Laufe der nächsten Woche eines Tages der Geheimrat zu Ottilie, als sie ihm in seinem Zelt Gesellschaft leistete, „wenn ich Herwarth nicht so genau kennen würde, so würde ich sagen, er verliebt sich noch in Bell und sie sich in ihn."
Herr Westheim hatte ihnen allen Vier gestern, als man einander begegnete, von einer brillanten Dünenwanderung erzählt, von der er eben zurückkam. Die Tour- War allerdings ziemlich anstrengend und wurde deshalb auch meist nur von Herren ■ unternommen, dafür bot sie aber auch ein ungeahntes Vergnügen.
„Ich wette", sagte Ottilie, „Bell würde gleich Lust dazu haben", und dabei warf sie Herwarth einen von niemand anderm bemerkten Blick zu.
„Gern", erwiderte Bell.
Schließlich wurde die Partie abgemacht. Ottilie selber fand sie nach der Beschreibung, die Herr Westheim davon gab, für sich zu strapaziös, allein konnte sie Bell nach europäischen Begriffen, obwohl Bell kein Hindernis dabei sah, nicht machen, auch mußte jemand von ihnen bei dem Geheimrat bleiben, und so sollte Herwarth Bells Begleitung übernehmen.
„Wenn Sie erlauben, Miß Cookson, dann wird es Mir ein Vergnügen sein", sagte er.
So waren sie Beide heute gleich nach dem Mittagessen zusammen aufgebrochen.
In der That, Herwarth schien seine Abneigung gegen Miß Cookson gänzliche überwunden zu haben, und das war sichtlich das Werk Ottiliens. Hatte sie sich früher so häufig Mit ihm abgesondert, so hielt sie jetzt darauf, daß sie alle Vier immer hübsch zusammenblieden, ja noch mehr. Sie wurde plötzliche eine sehr zärtliche Gattin, sie wurde geradezu auf Bell eifersüchtig und wenn jemand Hermann fit seinem Zelt Gesellschaft zu leisten hätte, so war das — darauf bestand sie — Sache seiner Frau. Bell hatte sich bisher genug geopfert. Bell wollte nicht von ihrem Platze weichen, aber Ottilie verlangte plötzlich ihr Recht. So waren die Rollen getauscht, und wenn Herwarth jetzt Mit einer von den Damen einsame Spaziergänge machte, so war dies nicht mehr Ottilie, sondern Bell. 'Sie streiften am Strande, in den Dünen, in der Heide, in den benachbarten Dörfern umher, er führte sie an interessante Punkte, zum Beispiel in die Vogelkolonie, wo im Herbst die vom Norden kommenden Krickenten gefangen wurden, Und wenn sie zurückkehrten, so hatte man den Eindruck,
daß sie sich miteinander immer sehr gut unterhalten hatten. Das konnte niemanden entgehen, auch wenn je- mand weniger scharfsichtig als der Geheimrat war.
„Und wenn es so wäre!" antwortete Ottilie auf seine Bemerkung, indem sie sich über den Stickrahmen in ihrem Schoße beugte, und den seidenen Faden hindurchstach.
„Otti, jetzt verstehe ich Dich! Und wenn Herwarth sie bekommt, so ist es Dein Werk. Siehst Du, und ich hatte immer gedacht, Du gönnst ihn keiner andern."
Es war ihm doch eine Freude.
„Otti", sagte er nach einer Pause, „hast Du ihr auch Dein Versprechen gehalten?"
„Gewiße, erwiderte sie ganz ruhig.
Es war ein schöner sonniger Tag. Von Norden her' wehte ein kühlender Wind. Zur Linken dehnten sich die Dünen und das Meer. Zur Rechten schimmerte in hellem Lila das jetzt in seine Vlüte schießende Heideland. Kleine vereinzelte Hügel stiegen in der Ferne auf — verstreute Hünengräber. Daun und wann sah man einen einsamen: Hof, um welchen, den Wind abzuwehren, eine runde Steinmauer sich herumzog, und an Pfähle festgebunden weideten im fetten schwarzen Marschland, das den Geest und die Heide unterbrach, kleine Ziegen und Schafe.
So schritten sie Beide, weit und breit die einzigen Menschen, nebeneinander her. Auf dem engen Raine lieh er sie auch manchmal voran und dann sah er ihre schlanke, geschmeidige, und doch von feinster Kraft geschwellte Gestalt vor sich. Sie trug heute ein kurzes, graues Lodenkleid und einen einfachen, an der einen Seite aufgeklappten Chasseurhut, unter dem ihr im Nacken die braunen Löckchen herabquollen. Ihr Gang war wie Musiki ganz Gleichmaß und Grazie. Mit dem linken, knapp von dem Kleid umspannten Arm hielt sie ihren Hut fest, mit der Rechten stützte sie sich leicht auf ihren Sonnenschirm. Er fragte sich, wo er vordem seine Augen gehabt hatte, daß ihm der Retz ihrer Gestalt hatte entgehen: können. Ihr Gesicht — sie wandte sich jetzt von ihm ach und doch sah er es deutlich vor sich. Dtes Gesicht mit seinen klugen, klaren, braunen Augen. Manchmal,'wenn er mit ihr sprach, bekam es einen neuen fremden Ausdruck, der es merkwürdig verschönte — und alles das hatte er vordem nicht an ihr bemerkt. Kaltblütig, mit wohlgelungener Geschicklichkeit hatte er angefängen, seine Netze um sie zu spannen, er betrog sie — und sie wußte, sie ahnte nichts davon. Mer betrog er sie wirMch? Fing sie nicht an, ihm zu gefallen — von Tag zu Tag mehr? Nicht nur in ihrer äußeren Erscheinung, die sich in seinen Augen so überraschend umgewandelt hatte, sondern auch in ihrer selbstbewußten Sicherheit. Was ihn an ihr erst abgestoßen hatte, das zog ihn nun an. Ihr Reichtum hatte sie nicht verdorben, er hatte kein launisches, hochmütiges, kaltes Geschöpf aus ihr gemacht — er hatte ihre edlen Eigenschaften erst hervortreten lassen. Wenn er eine Fran


