Nr. 7.
1902.
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| ei' Adlci' fliegt allein, der Rabe scharenweise;
? Gesellschaft braucht der Thor, und Einsamkeit der Weise.
Rückert.
(Nachdruck verboten.)
Verschollen.
Or-uinabErzählung von M. Ludolfs.
(Fortsetzung.)
V.
Eiu langes Bekenntnis.
Gib Deinen Schmerzen Worte! Harm, der nicht spricht, Erstickt das volle Herz Und macht es brechen.
Schiller.
Stefanie faß neben dem Lager der leidenden Freundin, och geistig und körperlich durch die herzliche Gastlichkeit, mit der man sie in dem Kloster ausgenommen, gestärkt, nur des geeigneten Momentes wartete, wo sie das trostlose Geheimnis, das ihr junges Leben verdunkelte, der treuen Stefanie offenbaren könne. Volles Vertrauen war Ne derselben schuldig, und wollte ihre Güte und Hilfe mcht in Anspruch nehmen, ohne ihr den sträflichen Leichtsinn zu bekennen, mit dem sie eine Verbindung geschlossen, ste ।o verhängnisvoll für das Glück und den Frieden ihres Herzens geworden war. Stefanie hatte die unglückliche Freundin liebreich aufgenommen, ohne Frage, voll rücksichtsvoller Teilnahme, ganz mit dem alten Vertrauen.
Dies wollte auch Clarita ihr beweisen, gleichviel, wie demütigend das Geständnis des Undanks und des Leichtsinns für sie blieb.
So, Stefanie's treue Hand fest in der ihrigen, ringsumher die ungetrübte friedliche Stille der kleinen, gast- lichen Klosterzelle deuchte es ihr am leichtesten dem guälen- oen Rätsel, das ihren Geist marterte, Worte zu leihen.
„Stefanie", sagte sie leise, die reinen, klaren Züge tljrer selbstlosen Pflegerin betrachtend, „Du mit Deinem friedvollen Herzen ahnst nicht — wie heiß, mit welch' glühender Leidenschaft ich meinen Alexis liebe! Wie glücklich wir bei mit einander waren, und wie furchtbar das Geschick ist, das uns trennt. Ich sagte Dir's schon, es ist schlimmer als der Tod; denn" — Clarita's Lippen oebten, ihre Augen wurden unnatürlich groß; sie blickten unt einem glanzlosen Blick wie in weite, unabsehbare Ferne —- „denn lebend haben sie mir meinen Gatten begraben, begraben in Sibiriens Eisregionen. Verbannt nach Sibirien!" schluchzte sie plötzlich auf. — „Weißt Du, Stefanie, toctg das heißt! Er wird nie, nie wiederkehren zu seiner verlassenen Gattin! Nie soll ich ihn Wiedersehen! Nie
seine liebe Stimme mehr hören! Erstarren, hinsiechen wird! seine Kraft unter den Qualen eines schrecklichen Loses; in trostloser Verlassenheit wird sein Auge brechen — doch «ein! tausendmal nein, ich werde, ich muß ihn finden! Ich muß zu ihm gelangen, wenn auch nur, um mit ihm zu sterben. Ich habe alles geplant und erwogen, ich werde — doch, o mein Gott! mein Kopf brennt um mich her! Ich weiß so wenig, so entsetzlich wenig — selbst an Alexis Verbannung knüpfte sich ein dunkles Rätsel. — Man beschuldigt ihn eines Verbrechens; ich weiß nicht einmal, was er begangen haben soll! — Ich weiß nur, daß er unschuldig ist, unfähig einer verbrecherischen Handlung. Leichtherzig, lebensfroh stand er auch allen politischen Umtrieben fern, kein darauf bezügliches Ver- gehen läßt sich ihm zur Last legen, einzig unsere heimliche Vermählung könnte die Veranlassung zu dem ihm bereiteten Verderben bilden. Doch ich vergesse immer aufs neue, wie wenig Du meine jüngste Vergangenheit Eennft. Um Dir die ganze Größe meines Unglücks verständlich zu machen, muß ich mit dem Anfang beginnen, mit jener seligen Zeit, da Alexis zu uns kam, und wir einander lieben lernten."
Während Clarita dies sagte, löste sich die Spannung itt ihren Zügen. Die Erinnerung an jene berauschende Zeit jugendlichen Glückes, übte selbst jetzt noch eine Macht, die ihren Schmerz milderte, ihre Sprache sanfter, ruhiger und allmählich auch sachlicher werden ließ Nun das Eis der Zurückhaltung gebrochen, wurde es ihr zur Wohl- that es ihr erzählen zu können.
Schwester Stefanie erkannte dieses sehr gut; sie sah jetzt den Moment gekommen, wo sie der bedrückten Freundin keinen besseren Trost gewähren könne, als achtsam zuzuhören. Und so lauschte sie denn mit warmer Teilnahme, wachsender Spannung, und vollkommener Selbstbeherrschung, welche kein vorwurfsvolles Staunen, keine anklagende Aeußerung gestattete, auf Claritas Erzählung von der heimlichen Trauung, ihrer Flucht aus Donna Frasquitta's mütterlichem Schutze, ihrer Undankbarkeit gegen jene, wie gegen Don Jose, ihrem grenzenlosen Leichtsinn, mit dem sie einem unbekannten Leben in einer fremden Welt entgegengegangen — von dem sorglosen Glück, das jenes zuerst für sie in sich geschlossen habe, von dem Höhepunkte irdischer Seligkeit, als ihre kleine, liebliche Dolores . das Licht der Welt erblickte, von der berauschenden Liebe ihres Alexis, der nur für sie und das Kind gelebt bis zu dem bittern Moment, wo des Lebens rauhe Hand störend in ihr Idyll ein griff, und! gebieterisch den Sohn des Adelsmarschalls Ornatoff an das Sterbebett seines Vaters rief.
„Es war eine erschütternde Botschaft!" sagte Clarita noch in der Erinnerung erschauernd, um erst nach einer kleinen Pause in ihrem Berichte fortzufahren: „Ja, eine trostlose Botschaft! Alexis fürchtete, mich und das Kind allein in fremdem Lande zu lassen ohne andern Schutz


