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Als den der weiblichen Dienerschaft; denn seinen Diener Dimitri hatte er vorher schon nach Rußland gesandt, um zuverlässige Nachrichten über seine Familie zu erhalten, da unsere Vermählung noch immer ein Geheimnis war — wegen des wenig freundlichen Verhältnisses, in dem Alexis zu seinem Vater und dessen Gattin stand. Herr von Ornatoff war zum zweiten Male verheiratet, und zwar hatte er seinen beiden Söhnen aus erster Ehe die junge Stiefmutter erst gegeben, als beide erwachsen waren. And dem elterlichen Hause fern standen. Dessen neue Herrin machte es ihnen völlig fremd und verleidet. Weder Alexis, noch sein älterer Bruder liebten die Frau, welche ihrer Mutter Stelle eingenommen.
Letztere war eine Polin gewesen, und etwas von ihrem heißblütigen, raschen Temperamente mochte auf ihre Söhne übergegangen sein. Keiner derselben wußte sich in die heimatlichen Verhältnisse zu schicken, ihr Sinn strebte nach der Ferne. Sie gingen beide in die Fremde, ins Ausland, dort ein völliges Nomadenleben beginnend, wozu ihnen Europa allein nicht groß genug war. So kam Alexis nach Teneriffa. Er war am liebsten von seiner Heimat entfernt, und verspürte auch nicht die geringste Lu'st. dorthin zurückzukehreu. Gelegentlich seines letzten Besuches dort hatte er sich eben unbehaglicher denn je gefühlt, und herausgefunden, daß seines Vaters vierjähriger Sohn diesem vollständig die Liebe der andern Söhne entbehrlich machte. Der alte Herr von Ornatoff konnte deren Gegenwart sehr wohl missen; denn er liebte es nicht, an seine vorgeschrittenen Jahre erinnert zu werde«. Er lebte der Gegenwart, und hatte selbst keine Erinnerung mehr für die Gattin seiner Jugend, die er doch einst so heftig geliebt, daß er von ihrer Nationalität absah, und sie, der russischen Gesellschaft sehr zum Mißvergnügen, zur Herrin des reichen Hauses der Ornatoff's machte. Nachträglich mochte ihm dies als ein toller Jugendstreich erscheinen, den seine zweite Ehe mit einer vornehmen, in den höchsten Kreisen beliebten Russin geeignet war, wieder auszugleichen. Deren Sohn, seinem Benjamin widmete er daher alle väterlichen Gefühle, und die beiden andern, die das rasche unruhige polnische Blut nicht verleugneten — die wußte er am liebsten im Ausland. Er gab ihnen Geld genug, mäkelte dabei aber fortwährend an ihnen, förmlich darauf bedacht, Fehler zu finden, Mißverständnisse herbeizuführen. Dies bildete auch den Grund, der Alexis veranlaßte, unsere Ehe geheim zu halten; er fürchtete, des Vaters Einwilligung niemals zu derselben zu erhalten, weshalb er es vorzog, ihn mit einer Thatsache zu überraschen, dazu aber den geeignetsten Moment abzuwarten. Diesen zu finden erwies sich immer schwieriger, je länger er die dazu nötigen Schritte hinausschob, und wir endlich in unserm sorglosen Sinn ziemlich der Gefahr vergaßen, welche jene Verheimlichung in sich schloß. Eine Entdeckung schien uns nicht zu befürchten, dafür lebten wir zu fern von Rußland. Zur Vorsorge hatte übrigens Alexis den Dimitri nach dort gesanR, dessen Nachrichten uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel trafen. Alexis mußte zu seinem sterbenden Vater, der nach ihm begehrte. Ich bestand darauf, daß er gehe, eile — mich verlangte für mein Kind und mich nach dem Segen seines Vaters, nach dessen Anerkennung unserer Ehe." O Weh! rief Clarita, jetzt begreife ich erst, welch' trübe Vorahnung Alexis zögern lieh! Nur mit Gewalt riß er sich von uns los, nachdem er uns unter der Obhut freundlicher Landleute wohl ,geborgen sah.
Ich war mutiger als mein Gatt? — O, Götter, ich kannte russische Verhältnisse nicht! Ich hoffte nur darauf: eine Sterbestunde müsse mild und versöhnlich stimmen! ich zähle die Tage, bis mir ein Brief die Nachricht der erlangten Verzeihung bringe. Während der Reise schrieb Mle^is häufig; Briefe voll Zärtlichkeit und tröstlicher Versprechungen, der letzte enthielt jedoch nur wenig flüchtig hingcworfene Zeilen, worin mein Gatte in erkennbarer Aufregung nur meldete, daß er eben das elterliche Gut im Innern des Landes erreicht, seinen Vater aber nicht mehr unter den Lebenden gefunden habe. Er selbst sei völlig erschöpft, behalte sich daher für andern Tages einen ausführlichen Bericht vor.
Jener Bericht hat mich jedoch nie erreicht. Winter And Frühling hindurch wartete ich darauf, ratlos, fast verzweifelnd in innerer Angst. Mein schwaches Kind bannte
mich an die Scbolle, ich konnte nichts thun als warten. Bei der weiten Entfernung, und meiner gänzlichen Unkenntnis europäischer Verhältnisse wußte ich keine Erkundigung einzuziehen, ich wagte selber nicht zu schreiben aus Furcht, vorzeitig unser Geheimnis zu verraten, und Alexis zu schaden.
Ueberdies kannte ich nicht einmal seine genaue Adresse. Das wurde mir erst klar, als es zu spät war. In unserer! grenzenlosen Achtlosigkeit, und auf den fortgesetzten Briefwechsel vertrauend, bei dem in jedem Schreiben Alexis die folgende Adresse vermerkte, war mir ein klarer Begriff, wohin ich etwa nach Rußland zu adressieren habe, vorenthalten geblieben — wir hatten in den letzten stürmischaufgeregten Tagen eben einander noch so viel zu sagen gehabt, daß wir das Wichtigste vergaßen. Es blieb mir nun nichts, als auf meines Gatten Rückkehr zu vertrauen; täglich erhoffte ich dieselbe, und an dieser Hoffnung fristete ich mein Leben von Tag zu Tag. Du magst Dir denken, wie! teuerste Stefanie! Allmählich gewann in meiner Seelennot die Vorstellung, Alexis sei Unheil begegnet, immer mehr Raum. Dies allein konnte sein Schweigen erklären, und doch blieb selbst in diesem schrecklichen Falle immer noch Dimitri, der Zeuge unserer Trauung, welcher mir Mitteilung machen konnte. Seiner Ergebenheit war ich gewiß; ich täuschte mich darin nicht; er war es, durch den endlich eine Nachricht zu mir gelangte, aber was sie enthielt, erwies, sich schlimmer —i als die schlimmste Befürchtung. O Freundin! es war ein Schlag so furchtbar, daß er mir nahezu den Verstand' raubte."
Völlig von der Erinnerung überwältigt, bedurfte Clarita einiger Ruhe, ehe sie fortfahren, und von jener Zeit sprechen konnte, in welcher ihr der verhängnisvolle Brief zugegangen, und die Erkrankung und der Tod ihres Kindes erfolgt war.
„Erst der stechende Schmerz um meinen Heimgegangenen Liebling", gestand sie ihrer teilnehmenden Zuhörerin, „riß mich aus meiner starren Verzweiflung, und ließ mich den Weg erkennen, den ich zu gehen hatte".
So schnell wie thunlich Breslau erreichen, um Dimitri aufzufinden — das war der treibende Gedanke. Freilich schien der Brief schon vor langer Zeit geschrieben zu sein, war aber erst vor wenigen Wochen in Breslau aufgegeben worden, wonach er sich mit seiner eigentümlich stilisierten Adresse Gott weiß wo in der Welt umher getrieben, bis er mich endlich erreichte. Dazu bildet sein Inhalt ein entsetzliches Dunkel; doch höre selbst, Stefanie, ich will Dir Dimitris verworrenen Bericht übersetzen."
Clarita zog den unglückseligen Brief hervor, dessen Stil und Sprache halb in Russisch, halb in schlechtem Französisch, allerdings wenig geeignet war, eine klare Vorstellung zu geben, um so weniger, da offenbar ein Kranker mühsam die Zeilen geschrieben, und noch mühsamer ge-i strebt, einigen Sinn in seinen Bericht zu bringen. Nur eine. Thatsache ging klar daraus hervor: Alexis Iwanowitsch Ornatoff war nach Sibirien verbannt; plötzlich eines schweren Verbrechens angeklagt, hatte er die Flucht ergriffen, war aber von den Häschern ereilt worden. Er hatte eben nur vermocht, auf einem Blatte seines Notizbuches die wenigen spanischen Worte niederzuschreiben s Vertraue mir, guerida, und glaube an mich, was immer Du hören magst — ich werde zu Dir ^urückkehren, einzig der Tod kann uns trennen. An dem nnr zur Last gelegten schrecklichen Verbrechen bin ich unschuldig — so wahr ein Gott im Himmel ist! Ich bin nur schuldig in strafbarem Leichtsinn Dich, meine geliebte Gattin, solcher Verlassenheit durch die Verheimlichung unserer Ehe ausgesetzt zu haben. — Noch weiß niemand darum — verzeih'mir! Ich konnte sie nicht in dem Momente bekennen, da man mich zum Verbrecher stempelt! Ich strebte der Untersuchung zu ent- flieheu, um zu Dir zu kommen — vergeblich! O, meine Strafe ist hart! Mein Schicksal ereilt mich — Dimitri muß mich verlassen — er allein mag die Grenze gewinnen — er wird Dir alles erklären, bis —"
Jäh war hier abgebrochen, offenbar war dem Schreiber nur noch die Möglichkeit vor seiner Verhaftung geblieben, dem treuen Diener das losgerissene Blatt zuzustecken. Dimitri hatte denn auch nach unsagbarer Mühe die Grenze gewonnen. Seine Befürchtung, daß man ihn daheim vermissen, und ihm nachsvüren werde, hieß ih!n den direkten Weg vermeiden; viel Zeit und viel Kraft ging ihm


