Ausgabe 
12.12.1902
 
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etwas speziell für ihn passendes bieten dürfte. Den Schlanken bringt sie lose, schmiegsame Empiregewänder, den Starken schwarze Tüll-, Chiffon- und Pailettenkleider, den Jungen bieten die duftigen Seidenmousseline, Spitzen­garnituren, bunten Wnder usw. die denkbar reichste Aus­wahl und für reifere Damen giebt es wundervolle neue Seidenstoffe, welche im weichen Fall des modernen, leicht- geschweiften Schlepprockes prächtig zur Geltung kommen.

An Schnitt und Bearbeitung werden dabei natürlich die denkbar größten Ansprüche gestellt, und oft will es uns beim Anblick der kunstvoll zusammengesetzten Gesell­schaftskleider scheinen, als ob nicht Menschen-, sondern Feenhände sie angefertigt Hütten. Besonders gilt dies von den immer mehr in Ausnahme kommenden Spitzen­inkrustationen. Dieselben werden oft in so reichem Maße angewandt, daß die ganze Toilette aus Spitzen zusammen­gesetzt erscheint. Wirkungsvoller jedoch als diese, oft ein recht krauses Bild, ohne feste Konstruktionslinien darstellen­den Toiletten, sind solche mit eingearbeiteten Spitzen­teilen. Einzelne Spitzenmedaillons, einzelne Serpentine­volants am Rock mit nach oben auslaufenden, die Rock- nähee markierenden Spitzen oder Streifen, eingearbeitcte Passen an Taillen und Röcken, all das ist von höchster Eleganz und vornehmster Wirkung. Besonders die Hüft- vassen aus Spitzen für Röcke sind eine reizende Neuheit dieser Saison; denn sie ermöglichen die Anwendung dichter Falten für dünne Stoffe, ohne die Hüften zu verbreitern.

Auch die fertig käuflichen, gestickten Spitzen- ober Tüll- kle^der werden gern in dieser Form verarbeitet, welche am besten das Leichte und Duftige des Materials zur Geltung bringt. Im übrig.n kann man in diesem Jahre eine ganz besondere Vorliebe für Faltenvolants konsta­tieren und zwar in der größten Verschiedenheit. Für schwerere Stoffe dominieren die gelegten Falten, für leichtere die plissierten, von denen nicht selten mehrere übereinander fallen. Tie Serpenlincvolants dagegen bleiben nur den dichteren Stoffen reserviert, wie Seiden- und Wollstoffen. Auch bei diesen zeigt sich deutlich das Be­streben, möglichst leicht und locker zu erscheinen, wes­halb man an Stelle des einen Volants lieber mehrere übereinander fallen läßt. Zwei sehr hübsche derartige Arrangements zeigen die beiden Modelle 247 und 255. An leyrerem ist der untere Nockrand mit drei kleinen Serpentinen besetzt, welche vorn unter einer doppelten Quetschfalte verschwinden. Diese übrigens hochmoderne Quetschfalte, mit der eine gleiche Falte auf der Blusen­taille harmoniert, ist besonders vorteilhaft für die Figur; denn die geraden Längslinien lassen die Figur bekannt­lich länger und schlanker erscheinen. Eine gleiche Wirkung hat das jetzt so sehr beliebte Längsarrangement von Bandbesatz. Die buntfarbigen Bänder werden auf Rock und Taille in vollkommen tothrechter Richtung angebracht, wodurch auf dem Rock eine strahlenförmige Anordnung entsteht. Den unteren Rand eines derartig besetzten Rockes

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Modell 248.

V 4

X X

da die Stoffhülle erst unterhalb der Passe beginnt. Reih­falten, Quetschfalten, Plisseefalten, vor allem aber bte so hochmodernen Sonnenvlissöes, alles dies wird in Ver­bindung mit den Hüftpassen gearbeitet, unter denen es auch die verschiedensten Variationen giebt. So sieht man z. B. sehr häufig die Hüftpasse in Verbindung mit dem Vorderblatt des Rockes geschnitten, was die Figur stets schlanker erscheinen läßt und daher stärkeren Damen zu empfehlen ist. Auch die Form der Hüftpassen an sich bieten die größte Verschiedenheit, indem dieselben rund, spitz, nach hinten aufsteigend oder ganz schmal ringsum er­scheinen. Natürlich rst auch außer Spitze jede andere Gar­nitur dafür angängig, sodaß man bequem die Hüftpasse im Einklang mit der übrigen Toilette garnieren kann.

Außer der Form mit Hüftpasse existieren noch eme große Anzahl anderer Nvckformen, speziell für Gesell­schaftskleider, welche aber alle in ausgeprägtem Matz­stabe, wie schon seit Jahren, die untere Verbreiterung anstreben. Die obere, prall anschließende, Enge ist daber endlich immer mehr im Schwinden begriffen und man hört schon hie und da von hinteren, eingereihten Falten reden. Der ringsum leicht eingereihte Rock ist schon Mode, wenn auch vorerst nur in leichten anschmiegenden Stoffen, wie Crepe de chine, Chiffon oder bergt Unser Modell 251 zeigt einen derartigen Rock aus schwarzem Chiffon, zu welchem eine ausgeschnittene Jäckchen-Taille aus schwarzem Sammet mit Creme-Spitzen reich garniert, vorzüglich paßt.

Mvvell 255.

251.

umgiebt dann irgend ein Volant, auf welchen die Wnder als Schluppen fallen. Bandbcsatz in jeder Form ist über­haupt in diesem Winter sehr beliebt, merkwürdigerweise aber weniger in seiner ursprünglichen Bestimmung als Schleife, sondern mehr als flacher Besatz, wie die oben erwähnten Längsbesätze, ebenso Querbefätze; auch ganze Volantgarnituren aus Band sieht man häufig und nehmen sich dieselben in den schönen, modernen Bändern, welche die Industrie jetzt bietet, äußerst elegant und reich aus.

Für die Taillen zu Gesellschaftskleidern ist und bleibt die Blusenform unverändert modern. Dieselbe ist nicht ohne Einfluß aus den Ausschnitt, welcher infolgedessen mehr breit, als tief gehalten wird. Er wird immer noch gern mit Volants aus Spitze oder plissiertem Chiffon umrandet. Auch ganze Ranken von Blumen sieht man häufig den Ausschnitt umgeben, was besonders für junge Mädchen recht kleidsam ist

Die Aermel für Ballkleider haben jetzt die ganz be­sondere Neigung, den Oberarm ein kleines Stück frei­zulassen, um dann nach dem Ellenbogen zu als voller Bausch auszuladen. Ueberhaupt wird der halblange Aermel, allerdings stets aus durchsichtigen Stoffen be­stehend, jetzt mehr und mehr dem ganz bloßen Arm vorgezogen, was entschieden kleidsamer und auch dezen­ter ist.

Redaktion: Curt Plato. Rotationsdruck und ä-erlag der Drübl'schen UniversitLtS-Bucb. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.