Ausgabe 
12.12.1902
 
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Kind, bist Tu krank?" fragte die Mutter, der das sonderbare Benehmen nicht entgangen war.

Stein, Mama", gab sie nut möglichster Ruhe zurück.

Andrei Pawlowitsch Steinbrech!, der Prokurist von I. A. Sinowjew & Co. in Moskau, will mich sprechen", sagte Jesim.

Tatiana mußte tief aufatmen, als ob ihre Brust von einer Zentnerlast befreit sei.

Zwischen den Eltern entstand ein kurzer Streit, vb der Besuch anzunehmen oder abzulchnen sei.

Jefim befahl, ihn einzulassen.

Steinbrecht? Tatiana dachte nach: So hieß ja der Herr, der zu ihrem Moskauer Bekanntenkreise gehört und Timitry stets mit spitzen Redensarten ironisiert hatte. Am Liebsten Hütte sie em Zusammentreffen mit ihm vermieden, aber sich zurückzuziehen ging nicht mehr an, denn er trat bereits ins Zimmer.

Alexandra Michailowna konnte kaum einen Ausruf des Staunens unterdrücken, denn ein Hüne stand vor ihr, zu dem sie wie ein Kind aufschaute. Ehrerbietig küßte er ihr die Hand, und auch den jungen Damen nahte er sich mit solcher ruhigen Bescheidenheit, daß sie sofort für ihn ein­genommen waren.

Ich habe bereits die Ehre gehabt, gnädige Fran, Ihren Fräulein Töchtern in Moskau im vergangenen Jahre vorgestellt zu werden", sagte er,und vielleicht werden sich die Tamen meiner Person noch erinnern."

Gewiß", gab Wera zur Antwort,es war bei Prak- sins. Sie sind wiederholt dorthin gekommen ich er­innere mich noch sehr genau an den Riesen unter den Zwergen. Wir haben angenehme Abende dort verlebt."

Ja, bei Praksins. Leider ifft! nach der Abreise der Tamen in dem angenehmen Kreise eine merkliche Lücke entstanden."

Tie Sie natürlich schmerzlich empfunden haben", warf Tatiana ironisch ein.

Schmerzlich nicht, aber unliebsam", meinte er trocknen Tones, während sein Blick die Gestalt Weras streifte. Tie vielen geschäftlichen Schmerzen lassen andere gar nicht aufkommen.

Jefim gefiel die Antwort außerordentlich.So ist es recht", rief er gut gelaunt,das Geschäft muß immer die Hauptsache bleiben. Nun, Andrei Pawlowitsch, um was handelt es sich?"

Um etwas angenehmes. Unser ständiger Vertreter in Hankow telegraphierte unter sofortiger Rückantwort, daß er zufällig fünftausend Pikul Galgant kaufen könne; wir haben in der Erwartung, in Ihnen einen bereitwilligen Abnehmer zu finden, zustimmende Ordre gegeben. Ter Posten steht, wenn Sie wünschen, via Odessa zu Ihrer Ver­fügung."

Jefim hätte vor Freude laut aufjubeln mögen, aber er bezwang sich und gab seinem Gesicht den Ausdruck aufrichtigen Bedauerns.Leider kann ich von Ihrem An­erbieten keinen Gebrauch machen", sagte er gleichmütig, ich bin noch überreich versorgt nicht ein Pud kann ich unterbringen, mein Lager ist voll bis oben!"

Um den Mund des Prokuristen legte sich ein kaum merklicher Zug des Spottes.Tann sind Sie beneidens­wert", erwiderte er ruhig,denn alle Ihre Konkurrenten jammern über den Mangel an Galgant. Daß wir, ob- wohl unser Hauptgeschäft Thee ist, Ordre gegeben haben, geschah lediglich in der Absicht, Ihnen, unserem ältesten Kunden, eine Gefälligkeit zu erweisen. Sie wissen doch, Galgant gehört sonst nicht zu unseren Artikeln. Wir werden also den Posten Alapm & Co. in Moskau an­bieten, der froh sein wird, wenn er unter den gegenwärtigen schwierigen Verhältnissen ein Quantum erlangen kann. "

Jefim zuckte leicht zusammen, denn der Name seines schärfsten Konkurrenten pflegte auf ihn zu wirken wie das rote Tuch auf den Stier. Gr fühlte, daß er zu weit ge­gangen war und suchte so gut als möglich einzulenken. Nun ja", warf er möglichst nachlässig hin,wenn Sie den Preis billig stellen, will ich auf das Geschäft eingehen, ob­gleich mir eigentlich nichts an ihm gelegen ist."

'Nein, Jefim Aedorowitsch", lachte der Prokurist,auf­drängen wollen wir Ihnen die Ware nicht. Wie gesagt, Abnehmer sind genug vorhanden. Ihnen eine Unbequem­lichkeit auch nur der leisesten Art zu bereiten, liegt unserer Firma durchaus fern."

Ach was, Unbequemlichkeit", rief Jefim.Man ist sich

ja gern gefällig, nur müssen Sie mäßig rechnen. Also, wie stellt fiel) ein Pikul?"

Aus sieben Stubel frei Odessa!"

Jefim that, als ob der Himmel einstürze. Er fand den Preis fürchterlich hoch während ihn Anorei Pawlowitsch für sehr gering erklärte. Ern langes Handeln begann, ohne daß der Prokurist auch nur eine einzige Kopeke ab- gelassen hätte.Sie wissen", sagte er bestimmt,daß wir die Preise gleich von Anfang an so stellen, um sie mit unseren eigenen Interessen und beiten unserer Kunden ver­einigen zu können." Und Jefim sah sich schließlich ge­zwungen, die sieben Rubel zu bewilligen. Im Stillen war er über den Abschluß sehr vergnügt, während er laut das Geschäft als eins der schlechtesten bezeichnete, das er je gemacht habe. Aber als ihn Andrei Pawlowitsch kalt lächelnd ansah, merkte er, daß seine Klagen ihren Zweck verfehlten. Er hatte, das fühlte er, in dem Prokuristen einen geschäftskundigen Mann gesunden, der ihm ebenbürtig war; aber mit dem Aerger über die kleine Mederlags verband sich eine gewisse Bewunderung der kaufmännischen Tüchtigkeit des Gastes. Tie Gerechtigkeit zwang ihn, diesen Vorzug anzuerkennen. Einen Moment schloß er, wie ab­wesend, die Augen. Wie schön wäre es gewesen, wenn das Schicksal ihm einen solchen energischen, festen und sach­kundigen Mann als Sohn zugewiesen hätte. Aber sein Sohn--nein, er hatte keinen Sohn! Fluch über diesen

Menschen, der einst sein Sohn gewesen war. Es. stahl sich etwas Feuchtes in seinen Blick, daß er schnell mit der Hand nach oben fahren mußte. Nur gut, daß keiner die Bewegung bemerkt hatte. Sie waren ja alle in lebhafter Unterhaltung mit Andrei Pawlowitsch begriffen, und be­sonders konnte sich Wera nicht genug thun, die alten Mos­kauer Erinnerungen aufzufrischen.

Sagen Sie, was macht Timitry K'alussoff?" fragte sie neugierig.Spricht er noch immer so romantisch- wie früher?"

Ich bin selten mit ihm zusammen gekommen", lächelte der Gast,denn zu den hohen Regionen, in denen er sich stets belegt, vermag ich nickst zu folgen. Nun, Sie kennen ihn ja zur Genüge; jeder Satz ist bei ihm eine Phrase."

Tas begreife ich nicht", mischte sich Tatiana lebhaft ins Gefpräch.Auf mich hat er stets den Eindruck eines kenntnisreichen Mannes gemacht, der leider nicht das Glück hatte, überall das rechte Verständnis zu finden." Ihre Augen blitzten bei diesen Worten so feurig, und ihrs ganze Haltung verriet eine solche Leidenschaftlichkeit, daß Wera stutzte und Andrei Pawlowitsch' begütigend sagte: Verzeihung, ich wollte nur sagen, daß er kein Geschäftsmann ist, obwohl es besser wäre, wenn er sich dieses Vorzuges rühmen könnte."

Ter Geschäftsmann macht doch nicht den Menschen", entgegnete sie mit unverminderter Heftigkeit.Es wär« traurig in der Welt bestellt, wenn jeder nur nach feiner kaufmännischen Veranlagung beurteilt würde. Tas weiß ich jedenfalls, daß Timitry Kalussoff in unserem Kreise stets ein belebendes Element gewesen ist und manche anderen Herren völlig in den Schatten gestellt hat."

Sie empfand es als eine Wohlthat, mit diesen Worten für Timitry eintreten zu können. Ihn bei solchen An­griffen unverteidigt lassen nein, das sollte nie und nimmer geschehen, mochte auch ihr Geheimnis an den Tag kommen und ihr das größte Unglück widerfahren.

Ueber das Gesicht des Prokuristen flog ein Schimmer von Unmut, aber er behielt seine kühle Ruhe bei.Einem Abwesenden übles nachzureden, Tatiana Jefimowna", sagte er höflicheist nicht meine Art. Aber ein Urteil über Timitry Kalussoff darf ich wohl ohne Bedenken abgeben, nachdem ich in Gegenwart des Herrn nie mit meinen Ansichten über seine phantastischen Redensarten zurückgehalten habe. Ich tadle sein Bestreben, sich für einen ausgezeichneten, kennt­nisreichen und erfahrenen Kaufmann auszugeben, wäh­rend er selbst sehr genau weiß, daß er in seinem Berufe eine Null ist. Das Talent eines Schauspielers mag auf der Bühne sehr erfreulich sein, aber im gewöhnlichen bürger­lichen und noch dazu im kaufmännischen Leben begegnet man ihm nicht gern. Wie wenig Erfolg Timitry Kalussoff mit seinem hohen Gedankenfluge hat, geht am besten daraus hervor, daß seine geschäftlichen Verlegenheiten von Tag zu Tag wachsen."