Ftrttag den 12. Dezember.
1902. — Nr. 184
(Nachdruck verboten.)
Kinder des Ostens.
Original-Roman von Georg Buß.
(Fortsetzung.)
„Mer jetzt", wagte Tatiaua einzuwenden, „spricht jedermann von Elektrizität und Elektrotechnik. Tas Telephon, die elektrische Beleuchtung, die elektrischen Straßenbahnen regen zu solchen Gesprächen an. Warum soll ich in wichtigen Dingen unwissend bleiben, zu deren Studium mtr die beste Gelegenheit geboten ist."
„Ach was", grollte Jesim, „Du hast über solche Dinge nicht mitzureden. Das ist eben das Unvernünftige in der heutigen Welt, daß jeder über dem ihm zugemessenen Kreis hinaustritt und sich mit Sachen beschäftigt, die ihn nichts angehen. Man soll keine Seitensprünge nach rechts oder links machen, sondern unverrückt ein Ziel verfolgen, das Einem nahe liegt. Dir ist das Ziel gesetzt, eine Hausfrau zu werden, und dementsprechend hast Tu Dich zur Führung eines Haushalts vorzuberciten."
„Das thue ich auch, Papa", sagte sie begütigend, „und wenn ich noch etwas mehr weiß, so gereicht mir das sicherlich nicht zum Schaden. Man kann sich dem Fortschritt nicht ganz verschließen."
„Fortschritt!" fuhr Jefim aus. „Ich kann das Wort nicht hören! Iwan Sarkissow hat jüngst sehr treffend gesagt, daß der Fortschritt, von dem Du und Deine Schwester so viel reden, kein Fortschritt, sondern nur der Hochmutsteufel sei, der die Menschen ungläubiger, schlechter, boshafter und unglücklicher mache. Wer immer mehr zu wissen suche, merke schließlich, daß er im Grunde genommen gar nichts wisse und nie etwas wissen werde. Tas aber erzeuge eine pessimistische Stimmung. Fortschritt sei, wenn die Menschen immer mehr das Gebot der Schrift beachten: Liebet Euch unter einander!"
Aergerlich griff er zur Zeitung. Aber nach einer Weile klärten sich seine Mienen auf. „Die Schisfahrt auf dem Dnjepr ist wieder eröffnet", sagte er vergnügt zu ferner Frau, die eben ins Zimmer getreten war und sich zu ihm gesetzt hatte. „Natürlich ist der erste Dampfer, der von Odessa den Strom heraufgekommen ist, der Rurik. Die Rhederei von Boris Lyschnin ist die beste, die wir haben."
Tatiana horchte auf.
„Tie Fahrt soll wegen des Eisganges sehr gefährlich gewesen sein", fuhr Jefim fort, „aber Lyschnin ist eben nichts unmöglich. Du weißt, er hatte vor einigen Jahren das Menteuer im Kaukasus, von dem damals so viel gesprochen wurde."
„Was für ein Abenteuer?" fragte Alexandra Michai- lowna. „Ich entsinne mich nicht mehr."
„Nun, er rettete bei einer Besteigung des Elbrus zwei Begleitern, die mit ibm am Seil angebunden waren und
abstürzten, durch ferne Energie das Leben. Er ließ das straff gespannte Seil nicht fahren, sondern hielt es mit Aufwendung aller Kraft fest, obwohl ihm dabei die Fingev der einen Hand fast abgeschnitten wurden."
„Schrecklich!" riefen Alexandra Michailowna und Wera.
„Die Geschichte erregte damals großes Aussehen und erwarb Lyschnin in allen Kreisen die höchste Anerkennung"« betonte Jefim.
Lautlos hatte Tatiana zugehört. Sie hielt ihr Haupt gesenkt, sodaß niemand die Bewegung in ihren Zügen wahr- nchmen konnte. Also darum die verstümmelte Hand! Nun wußte sie es. Er stand im Geiste wieder vor ihr, diese» hohe, feste Mann mit den durchdringenden Augen und der Eigenart seines Wesens. Sie fühlte wieder seinen Blick, der sie geradezu niedergezwungen hatte, und den Druck seiner großen Hand, in der die ihre wie eine Kinderhand verschwunden war. Eine That wie die auf dem Elbrus konnte er nur vollbringen — gewiß, kein anderer, auch nicht Di- mitry, nein, nur Boris Mitrofanowitsch!
„Stehst Du mit ihm in Geschäftsverbindung?" fragte Alexandra Michailowna ihren Gatten.
„Schon seit einigen Jahren. Seine Frachten sind zwar teurer als die der Konkurrenz, aber seine Dampfer fahren schneller und pünktlicher. Er ist ein Mann, auf den man sich unter ällen Umständen verlassen kann."
Jefim vertiefte sich von neuem in die Zeitung. Eine Notiz fiel ihm ins Auge, die so wichtig erschien, daß er sie zur Warnung laut mitteilte; sie betraf den Ueberfall einer Dame durch einen Jswostschik am Ufer des Dnjepr.
Alle hörten gespannt zu.
„Abscheulich!" rief Alexandra Michailowna. „Immer zahlreicher werden die Fälle. Man scheint gegen die Bande völlig machtlos zu sein. Der Thäter, der im vergangenen Jahre das junge Mädchen beraubt und ins Wasser geworfen hat, ist noch immer nicht entdeckt!"
„Entsetzlich!" pflichtete Wera bei.
Tatiana beugte sich noch tiefer auf das Buch; ihr Gesicht war bleich geworden, und ihre Gestalt durchs schauerte ein Frösteln. Tie Gefahr, in der sie geschwebt, trat mit voller Gewalt vor ihre Seele, und zugleich regte sich die namenlose Angst, daß man ihr Abenteuer erfahren werde. Wie ein Keulenschlag hatte sie die Mitteilung getroffen, daß Boris Mitrofanowitsch Lyschnin ihrem Vater kein Fremder war. Wie leicht konnte es geschehen, daß sich beide in ihrer Gegenwart treffen würden. Sie bedurfte ihrer ganzen Kraft, um den Anschein der Gleichgiltigkeit zu bewahren. Aber höhnisch und unablässig zauberte ihr die wühlende Furcht Schreckgespenster vor Augen. .Lyschnin steht draußen und begehrt Einlaß", summte ihr sogar schadenfroh eine innere Stimme zu, als eine Visitenkarte ins Zimmer gebracht wurde. Zitternd blickte sie mit angstvollen Augen nach Jefim, der die Karte mit freundlicher Miene überflog.


