Ausgabe 
12.11.1902
 
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von Amoretten umgebene Benns vorstellt. Bist Du ein­mal im Kabinett, wirst Tu leicht unsere Stelle wiedersinden. Wir haben ja die Sache zusammen versteckt und vermauert. Tu mußt dann das überklebte Papier zerreißen; die Ziegel, die ich von der Stelle genommen und dann wieder hingelegt habe, liegen ganz offen und lose. Du kannst sie leicht, einen nach dem anderen, entfernen, denn sie sind durch keine Masse festgekittet. Dann wirst Du sofort die Pakete Banknoten bemerken. Tu darfst Dir keinen großen Pack vorstellen; eine Tausenderbanknote ist dünn und leicht. Tu nimmst sie alle aus, legst wieder schön alles an Ort und Stelle, und kehrst dann auf Tein Zimmer zurück. Ten folgenden Tag verläßt Du ganz unbe­fangen das Palais, suchst mich in der Zimmerstraße auf, wo wir, ohne uns zu zeigen, einen günstigen Augenblick abwarten, um ins Ausland durchzubrennen."

Aber der Kämmerer kennt doch Deine Wohnung in der Zimmerstraße", bemerkte sie.

Nun, warum sollte er Dich denn gerade dort suchen? Weshalb sollte man Dich denn in Verdacht haben? Hast Du denn etwas Schlechtes im Palais Doroukoff an­gestellt? Weiß denn die Gräfin, daß sich schon seit mehreren Jahren die Million in ihrem Atelier befunden hat? Tu hast sie ja weder bestohlen noch ihr ein Leids gethau. Worüber sollte sie sich denn aufregen? Ter Dienst bei ihr konveniert Dir nicht, Tu verläßt sie, und das ist eben alles."

Ja, ja, das alles scheint mir ja famos ausgedacht", gab Julie zu,und ich bin glücklich, daß Tu mir diese Rolle durchzuführen übertragen hast. Du bist dann weniger der Gefahr ausgesetzt. Aber, sag tun, was geschieht mit dem andern, der nebenan schläft?"

Thut Dir's etwa leid, ihn zu verlassen?"

Ihn? Geh doch! Er langweilt mich schon lauge genug. Er geht sogar, denke Dir nur, mit dem Gedanken um, mich zu heiraten."

Er hat gar keinen schlechten Geschmack. Wirst eine hübsche Mitgift bekommen. Na, aber jetzt vorwärts. Alles ist schon abgemacht."

Tu meinst, es ist Zeit für mich, wieder nach der anderen Seite zurückzukehren?"

Nein, dahin brauchst Tu überhaupt nicht mehr. Du gehst einfach aus diesem Hause weg, und begiebst Dich direkt in die Zimmerstraße. Der Portier dort ist schon verständigt. Er weiß, daß Tu mit einem der Nachtzüge heute morgen in Berlin ankommen mußt."

Und meine Wäsche, meine Sachen, meine Koffer?"

Dummbart! Glaubst Du, ich habe das alles nicht vorausgesehen? Deinen Koffer hast Du bereits seit zwei Tagen abgeschickt. Mein neuer Portier selbst hat ihn hinaufgetragen. Darin findest Du alles, was Du brauchst, um Dich bei der Gräfin anständig vorzustellen. Du machst Dir von Kopf bis zu Fuß eine neue Haut, meine kleine Viper. Minna ist verschwunden, und Tu nennst Dich Klara."

Für den Untersuchungsrichter aber bin ich nicht verfchr müden. Er wird mich suchen lassen."

Gewiß, überall, nur nicht bei der Gräfin Doroukoff." Und Tu?"

Ich verdufte auch. Es ist gescheiter. Man weiß nie, was geschehen kann. Ich werde mich dann auch in der Zimmerstraße verstecken, von wo ich nur an dem Tage, da Du mich mit dem Schatz aufsuchen kommen wirst, in neuer Verkleidung ausgehen werde; und daß sie, sowie die Deinige, gelungen sein wird, dafür stehe ich Dir."

Aber alle die Möbel hier, alles, was Dir gehört?" Das lasse ich zurück. Man muß auch lernen, Opfer zu bringen. Ich nehme nur mit, was uns noch von den 20 000 Mark übrig bleibt, die Sempach Deiner Sanden gegeben hat. Ah! Tas Geld hat uns- ordentliche und gute Dienste geleistet. Es hat uns gestattet, gut zu leben, uns in der Zimmerstraße vollkommen zu möblieren, und uns die Million geduldig abwarten zu lassen. Nun? Worauf wartest Tu noch? So geh doch! Wenn Du mich reden läßt, weißt Tn doch, daß ich nie aufhören kann."

Ich folge ja ich gehe ja schon. Wer wird mir denn die alte Peters öffnen? Es ist ja noch Nacht."

Wenn sie Dir nicht öffnet, dann machst Du Dir selber stuf. Dtt schleichst Dich dann in ihre Loge. Du weißt ja, wo der Strick hängt, und ziehst an. Erwacht das Ehepaar Peters, und erkennt es Dich, so sagst Du ganz

einfach, Dein Herr wäre krank, und Du gingst, einen Arzt zu holen."

Sie verließen das Schlafzimmer, und traten auf den Zehenspitzen in das Vorzimmer, ohne durch den Salon zu gehen. Plötzlich blieben beide, wie angewurzelt, gleich­zeitig stehen. Sie glaubten nebenan in der Nachbar­wohnung ein Geräusch zu hören. Sie legten ihr Ohr an die Wand des Kabinetts und horchten.

Es war eine Art Knirschen von Eisen wider Eisen.

Er macht das Schloß ab von der Thüre, die vom Salon ins Vorzimmer führt", flüsterte Minna ihrem Ge­liebten ins Ohr.

Ist die Eingangsthür in Dein Zimmer abgeschlossen?" fragte er hastig.

Ja, doppelt abgesperrt."

Na, dann hat er noch lange zu thun, ehe er Dir nachrennen kann. Doch jetzt adieu- Fahr ab!"

Gleichzeitig öffnete er die Thür ohne das geringste Geräusch, und Julie verschwand int Dunkel des Treppen­hauses.

64. Kapitel.

Einige Tage vor der Gerichtsverhandlung hatte Canft- leben folgende Depesche erhalten ....Berlin-Monte- Carlo. System gesprungen, ruiniert. Wenn Sie mich noch brauchen, schicken Sie telegraphische Anweisung 1000 Mark für Reise und Hotelrechnung. Müller."

Ohne einen Augenblick zu überlegen, schickt Sanft­leben sofort die tausend Mark. Er war nicht mehr wie früher der Ansicht, die Hilfe Müllers umgehen zu können, und hielt es auch fiir ein brillantes Geschäft, sich um so einen Spottpreis einen derart tüchtigen, intelligenten und pflichteifrigen Menschen, noch dazu gewesenen Krimi­nalinspektor verschaffen zu können, der seiner Agentur erst zu einer Bedeutung verhelfen und seinen Klienten mehr Vertrauen einflößen würde.

Müller ließ auch nicht lange auf sich warten und trat eines Tages wie vom Himmel gefallen bei Sanft­leben ein, ehe dieser noch seine Kanzlei geöffnet hatte, bedankte sich für die Geldsendung und bot ihm sofort seine Dienste an, um so rasch wie möglich seine Schuld ihm gegenüber abtragen zu können.

Also, mein armer Freund," begann der Agentur- Direktor,Ihr vorzügliches System ist also schließlich doch gesprungen?"

Leider ja, Herr Sanftlcben", antwortete Müller niedergeschlagen.Es giebt, scheint's, keine sicheren Systeme. Es bewährt sich nur das eine länger, das andere kürzer das ist dann alles."

Sie hatten doch, wie mir scheint, eine ganz hübsche Summe gewonnen ehe Sie begonnen haben, zu ver­lieren. Da hätten Sie doch von vorn ansaugen können wie zuerst."

Das wohl, aber man hat dann kein rechtes Ver­trauen mehr. Man vertiert schließlich allen Mut- Man sagt sich endlich:Versuch mal willkürlich, nach Deiner Phantasie zu spielen". Phantasie im Roulette! O Herr Sanftleben, wenn Sie wüßten! Man setzt zweihundertmal auf dieselbe Nummer: sie kommt nicht. Endlich giebt man sie aus: bums! Jetzt kommt sie dreimal hinterein­ander heraus. Ich habe das mit der 32 erlebt, einer Nach­barzahl der Null. Und was hat mir diese elende Nummer für einen Streich gespielt? Mein ganzer Gewinn ging zum Teufel, sie zu mästen. Und welche Undankbarkeit ihrerseits! Sie erschien wohl von Zeit zu Zeit, wenn sie nicht anders konnte aber niemals zweimal nachein­ander. Niemals eine Wiederholung, die mich hätte her­ausreißen können."

Warum spielten Sie denn auch immer die 32?"

Weil das meine Mterszahl und die Nummer meines Hotelzimmers war. Jeder Spieler hat so seinen Aber- glauben. Es sieht zwar jeder ein, daß er grenzenlos dumm ist, aber das hilft nichts. Bald baut man auf einen Talisman, der einem ganz entschieden Gewinn bringen muß, bald ist man wieder von einer Person fest über­zeugt, daß sie einem Pech bvingt. Da waren dort zwei Weiber in Schwarz. So ost ich in den Saal trat und sie bemerkte, da war ich meiner Sache schon sicher: in fünf Minuten war ich böte."

Wenn Sie das so bestimmt wußten, hätten öte eben nicht spielen sollew"