Ausgabe 
12.11.1902
 
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Mittwoch den 12. November.

Nr. 168.

1902.

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(Nachdruck verboten.)

Die Viper.

Nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel-

(Fortsetzung.) 63. Kapitel.

Julie saß, die Ellbogen auf ihre Kniee gestützt, den Körper nach vorn geneigt, mit gespannten, aufmerksamen Blicken und lauschte ihrem Meister.

Tu weißt, ich habe schon seit langem ein Mittel gesucht, mich in das Palais Doroukoff zu schleichen, und dort einige Stunden zuzubringen. Und rch habe keins ge­funden; ich hätte schließlich die Maskerade noch einmal machen können, die ich schon einmal gemacht habe: unter irgend einer Form und einem Namen mich als Gärtner vorstellen. Wer man wäre wieder meinen Schritten gefolgt wie das erste Mal, oder im besten Falle hätte man mich einige Augenblicke allein gelassen; ich aber brauche we­nigstens eine Stunde vollständiger Freiheit, um den Streich zu vollfuhren. Dann dachte ich mir auch: Es giebt nur ein Mittel und das heißt: im Palais selber wohnen. Aber in welcher Eigenschaft? Als Sekretär des Grafen? Diese Stellung hatte ich schon beim Prinzen Tschigorin innegehabt. Ich liebe es nicht, zweimal das­selbe zu thun. Außerdem hat der Graf auch gar keinen Sekretär. Tiefer Grund allein wiegt schon die anderen auf. Als Bedienter? Ach, meine Eitelkeit hätte ich schließlich verleugnet. Aber die in Herrschaftshäusern An­gestellten, seien sie Kammerdiener, Lakaien oder Pferde­wärter, tragen meistens weder Bart noch Schnurrbart. Sie müssen alle rasiert sein. Denk nur: mich rasieren lassen mich! Meine Brillen abnehmen, meine Gestalt aufrichten, mit all.meinen Vorzügen erscheinen, mit denen mich die Natur erschaffen hat, bedeutete gerade so viel, als wollte ich über alle Dächer rufen:Ich bin Paul Ouerzewski, der Sträfling!" Denn meine Verlleidung, mein Alter, meine Schwächen und Mängel, und die dem Keßler entwendeten Papiere sind es allein, die heute meine Stärke ausmachen. Wenn ich diese Maske zum Teufel jage, dann wirft mich der Teufel in Gestalt eines Müller oder sonst eines Spürhundes aufs neue direkt in den Rachen des Zuchthauses."

Erst hatte er seiner Geliebten erklärt, daß die Zeit kostbar sei, daß man kurz und bündig sprechen müsse, und jetzt verlor er sich selber in einen Wust von Worten und breitete sich selbst des langen und breiten aus. Der gewesene Statist kam immer wieder zum Durchbruch. Gr konnte es sich nicht versagen, lauge <Äitze zu drechseln, und empfand eine Art Entzücken dabei, sich selbst reden zu hören. Julie Farkas repräsentierte zwar ganz allein bas Publikum, aber welch ein dankbares Publikum! Wie dies Mädchen, trotz Querzewski's großer Klugheit, im stand« wär, ihn um den Finger zu wickeln!

So war ich denn gezwungen, in meiner Rolle zu bleiben. Und sobald es sich darum handelte, auf länger« Dauer im Palais zu bleiben, blieb mir dies Haus vern schlossen. Aber ich ließ es nicht aus den Augen und spionierte immerfort um dessen Bewohner herum. Bald! hatte ich herausbekommen, daß der Kämmerer des Hauses, ein Mann von etlichen fünfzig Jahren, vermutlich irgend ein alter Diener der Doroukoff, stets zwischen Frühstück und Mittag auf dem Wilhelmplatz einen kleinen Rundgang zu machen pflegte. So lenkte ich denn meine, Schritte nach seinem Lieblingsweg und wählte, um meine rheu­matischen Glieder sich etwas erholen zu lassen, sein« Lieblingsbank; kurz, am Ende einer Woche hatten wir miteinander Bekanntschaft geschlossen. Eines Tages kam! er an, mir zn vertrauen, er habe einen Brief von größter! Wichtigkeit zu schreiben, dessen Abfassung ihn aber in große Verlegenheit setzte: es mangele ihm nämlich an Stil. Na, ich bot ihm meine Dienste an, und führte ihn in meine Wohnung."

Hierher?" rief Julie dazwischen.

Nicht doch in die Zimmerstraße, in die beiden! Zimmer, die ich, um auf alles vorbereitet zu sein, ge­mietet habe. Ich bin kein Freund von diesen möblierten Hotels, diesen Maisons Garnies. Auf die hat die Polizei immer ihr Auge. So bin ich immer innerhalb meiner; eigenen Einrichtung und wohne in einem anständigen Hause. Es kommt ja zwar etwas teuerer; aber, wenn es gilt, den Kopf zu retten, darf man keine Auslagen scheuen. Mein Mann war über meinen Brief begeistert^ und er bat mich gleich um andere. Er hatte einen ganzen Stoß Korrespondenzen zu erledigen, und ich erledigte sie nach und nach. Das gab nun mir das Recht, ihn auch meinerseits um einen Gegendienst zu ersuchen, und ich that es auch unverzüglich. Ich sprach ihm von einer! Person, der ich wohlwollte, die ich gerne in einem guten Hause unterbringeu möchte. Der Zufall war mir günstig. Ich hatte den richtigen Mann getroffen. Die Gräfin hatte eben einer ihrer Kammerfrauen gekündigt, und der Käm­merer, der ihr vollstes Vertrauen genießt, hoffte, daß' er mein Protektionskind, das er nun unter feinen Schutz genommen hatte, unterbringen könnte. Und er hatte, auch guten Erfolg. Die Sache ist jetzt abgemacht- Man wird Dich heute morgen der Gräfin vorstellen, die Dich, wenn ihr Dein Meußeres und Deine Manieren gefallen^ in ihren Dienst nehmen wird."

Also, Du rechnest auf mich"

Um das Versteck zu durchwühlen, und unsere Million herauszuholen? Jawohl! Das ist eine Arbeit, die Dir zukommt. Wenn Tu einmal im Palais angenommen bist, wird es für Dich nichts Leichteres geben als das. Eines Nachts, wenn Herrschaft uno Diener schlafen, wirst Du geräuschlos Dein Zimmer verlassen, Und Dich als wahre Viper, die Du bist, in das.Melier schleichen. Das klein« Kabinett liegt links hinter einem, älten Gobelin, der die!