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Vermischtes.
Parlamentarische Redeblüten. Heiteres aus dem bayerischen Abgeordnetenhaus« teilt ein Mitarbeiter der ,,M. N. N." mit, der seinen Herrn Volksvertretern stets ein aufmerksames Ohr geliehen. Interessant waren namentlich die Sprüche eines, die Schleusen seiner Beredt- samkeit stets unbedenklich öffnenden Deputatus, der in seinem Katnpfe gegen die Homöopathie zwar eine gute Meinung, aber eine um so schlechtere Dialektik entwickelte.
Wenn Sie dem homöopathischen Prinzip — erklärte er — auf die Fersen gehen, so kommen Sie in Utopien hinein.
Klipp und klar behauptete er: Diejenigen Urtinkturen, die ich bezeichnet habe, sind Trugschlüsse.
Nachdem er Front gegen einen „pharmakognosttschen Unsinn" gemacht, sprang er aus das chirurgische Gebiet über und meinte: So lange man im alten chirurgischen Thun und Treiben sich bewegte, waren die chirurgischen Kranken das vernachlässigte Kind.
Mit Befriedigung konstatierte er, daß es gelungen sei, die Hüftgelenkkranken so zu heilen, daß sie brauchbare Glieder der Menschen werden.
Zum Beweise zog er auch den bekannten Brief an, den Richard Wagner geschrieben habe, nicht der Musikmeister/ sondern ein anoerer Physiologe.
Wir nehmen es ihm nicht übel, daß er glaubte, Behauptungen eines seiner Kollegen „hochgradig" unterstützen zu sollen. Es kann eben nicht jeder, ein „hochgradiges" Talent für seine Muttersprache haben. Nur dagegen müssen wir Verwahrung einlegen, daß nach seinen Worten „der Segen der Bildung noch viel handgreiflicher werden muß", weil wir uns daran erinnern, in welchem (Münchener Kindlkeller) Lichte die Fraktion dieses theoretischen Verwandlungskünstlers' die Bildung zu betrachten gewohnt ist,
Von notleidenden Agrariern haben die Leser dieses Blattes wohl schon bis' zum Überdruß gehört, aber von einer „notleidenden Frequenz einer Universität" die auch ein Mitglied der Kammer entdeckte —, werden sie wohl noch kaum etwas vernommen haben. Wenn halbgebildete Leute mit Fremdworten um sich werfen, wird es immer gefährlich. Dann kommt es vor, daß jemand der Staatsregierung für ihr Entgegenkommen dankt, das zur Realisierung der höchst traurigen Verhältnisse der Heizer beigetragen habe. Aus solch' ein Kompliment kann die Staatsregierung — urtt ein Wort des gleichen Gernegroß zu zitieren — doch unmöglich anders, als mit Lächeln „reaschieren". Oder soll sie, wie man es beklagte, auch diesen Leuten mit Hemmschuhen entgegenkommen?
Einen ganz neuen Ausdruck erfand ein Mitglied der Rechten, dem man sonst nicht nachsagen kann, daß es gerne schlechte Witze verbricht, indem es jene Regierungs- bureaux, in denen man blos hie und da einen Beamten erblicken kann, als „Monoptikum" bezeichnete. Ganz unzweifelhaft recht hatte ein biederer ländlicher Abgeordneter, der behauptete, daß durch den internationalen Eisenbahnverkehr die Bewohner geschädigt werden, die durch Eisenbahnzüge durchzogen werden. Sehr hübsch drückte sich ein radikaler^ Volksvertreter aus, als rr davon sprach, ein Mitglied der Majorität habe einem, von einem Liberalen geborenen Kinde (er meinte damit natürlich! einen Antrag), um es lebensfähig zu erhalten, den Zentrumsstempel aufgedrückt. Daß man sich nicht gerne an Handlungen beteiligt, die mit dem Vergnügen oder der Realität nichts zu thun haben, ist klar. Daß aber ein Führer unserer Kanrmeragrarier erklären konnte: „Wir beteiligen uns nicht an dieser politischen Situation", dürfte entschieden den Reiz der Neuheit für sich beanspruchen können. Die Minister thun nicht immer, was unsere Kammergrößen wollen, und kleiden ihr „non possumus" je nach/der Stimmung in der sie sich befinden, in ein mehr oder minder freundliches Gewand. Merkwürdig aber ist entschieden, was ebenfalls ein Radikaler entdeckte, daß der Herr Minister:
mit formellen Bedenken um seinen Antrag herum-« zu schiff en versuchte.
Manchmal sind übrigens unsere Herren Volksvertreter, 'elbst zu allerhand Ulk aufgelegt. Oder ist es kein solcher, wenn ein recht ernsthafter Redner bei seinen Worten „Als mein Kollege auf der Linken seine Rede hielt, war er in der Hoffnung . . ." durch ein kräftiges Oho! unterbrochen wurde, dem natürlich verständnisvolle stürmische Heiterkeit folgte?!
Litterarisches.
Abstammungslehre und Darwinismus. Von vr. R i ch a r d Hesse, a. o. Professor in Tübingern Mit 31 Figuren im Text. („Aus Natur mtb Geisteswelt/« Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens. 39. Bändchen.) Verlag von B. G. Teubner in Leipzig.
Die große Errungenschaft der biologischen Forschung des vorigen Jahrhunderts, die Abstammungslehre, welch« einen so ungemein befruchtenden Einfluß auf die sog. beschreibenden Naturwissenschaften geübt hat, wird in diesem Schrisichen in kurzer, gemeinverständlicher Weise für weitere Kreise dargelegt. Die Darstellung zerfällt in zwei Hauptabschnitte, deren erster sich mit der Frage beschäftigt: „Was nötigt uns zur Annahme der Abstammungslehre?" oder; „Wie wird die Abstammungslehre bewiesen?", während der zweite die viel schwierigere Frage behandelt: „Wie geschah die Umwandlung der Tier- und Pslanzenarten, welche bte Abstammungslehre fordert?" oder: ,Me wird bte Abstammung erklärt?" Es wird gezeigt, daß die Wstammungslehre zu einem sicheren Besitz der Wissenschaft geworden ist, daß aber unsere Kenntnisse über bte Ursachen der Artum- wandlung noch ungenügende sind. Besonders wird hier die Theorie Darwins vom Ueberleben des' Passendsten tm' Kampfe ums Dasein erörtert und den natürlichen Ursachen für das Wandern der Lebewesen nähere Aufmerksamkert gewidmet. Eine Anzahl von Abbildungen zur Erläuterung des Textes sind beigefügt.
Wir können die interessante und wertvolle, dabei aber sehr preiswerte Schrift warm empfehlen.
39 645 Wörter enthält das soeben im Verlage der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart, Berlin und Leipztg erschienene
Ausführliche Wörterbuch der deutsche« Rechtschreibung.
Bearbeitet von K. Erbe, Rektor des Königl. Gymnasiums in Ludwigsburg. Gebunden.,1.50 Ml. „Erbes Wörterbuch" kommt etwas spät, aber immer noch rechtzeitig, da die Einführung der neuen Orthographie erst 1903 erfolgt. Die längere Bearbeitungsfrist ist dem' Buche! von Vorteil gewesen, denn es enthält außer der oben erwähnten Anzahl von 39 645 Wörtern die neuen Rechtschrelli- reqeln, die Lehre von den Satzzeichen, die Fremdwortverdeutschung und ist zugleich ein Handbüchlein der deutschen Wortkunde, sowie ein Ratgeber für Fälle schwankenden Sprach- und Schreibgebrauchs. Ausstattung und Druck sind sehr gut, die Anordnung des Satzes ist zweckmäßrg und überraschend übersichtlich. „Erbes Wörterbuch" [et deshalb allen denen empfohlen, welche sich mühelos mit der tm Deutschen Reich, in Oesterreich und der Schweiz vorgeschrte- benen deutschen Rechtschreibung vertraut machen und etn ausführliches, zuverlässiges und gut ausgestattetes Wörter-: buch zur Hand haben wollen.
Geheimschrift.
(Nachdruck verboten.) Wnndngrllndzwstmtnindnrnchstnbst Sdnkdssvllchtschnmrgnnth.bnllrrdnsrgn Vrbdslbnstndmtdmlbnchdrzwst.
Vorstehende Buchstabenreiheu sind in Gruppen zu zerteilen, die sich durch Einfügung passender Vokale zu sinngemäßen Wörtern bilden lasten.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Anagramms in vor. Rr.r Karten, Utah, Nagel, Selma, Trave, Abel, Urach, Siam, Sang, Tafel, Erich, Leim, Liebe, Ulanen, Neige, Garten. — Kunstausstellung.
Redaktton: Curt Plato. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerri (Pietsch Erben) in Gießen.


