Ausgabe 
12.9.1902
 
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mentalen Wanderer Wer das Wschledsweyunb' vor allem Wer das prosaisch-nüchterne Einfließen der Lahn in den Rhein Hinwegtrösten wird. Die Andern werden sich heim Abschied an dem Gedanken erfreuen, daß hier Mar die Anmut und Lieblichkeit des Lahnthals ihr Ende findet, ein neuer Zauber aber Ku wirken beginnt mit der Macht und Größe und Herrlichkeit des Rheinstromes.

Der Dornenweg eines russischen Dichters.

Nischnij-Nowgorvd, im Juli.

Es gießt Leute, deren Leben nach allen äußeren Merk­malen als ein glückliches bezeichnet werden kann. Sie scheinen vom Schicksale begünstigt zu sein und werden sogar von vielen beneidet. Ihr Lebensweg scheint mit Rosen bedeckt. Wer wenn man dieses Leben genauer kennen lernt, findet man statt der Rosen Dornen, nur Dornen.

Zu diesen Glücklich-Unglücklichen, diesen Schein-Günst- lingen des Schicksales gehört auch der russische Dichter Maxim Gorki.*)

Selten, daß ein Schriftsteller mit einer solchenSchnellig- keit zur Anerkennung und Weltberühmtheit denn bei Gorki kann ja die Rede von Weltberühmtheit fein gelangt. Selten, daß ein Mann aus den niedrigsten Schich­ten der Gesellschaft in so kurzer Zeit eine so ungeahnte Höhe in der Litteratur erklimmt, wie es bei Gorki der Fall war. Vor wenigen Jahren noch Bäckerlehrling, bann Kwas- Berkänfer, bann Arbeiter untersten Grades, ist er heute ein Mann, der in der vordersten Reihe der modernen Lttte- ratur steht. Auch die finanzielle Lage dieses einst hun­gernden Proletariers, der selten satt zu essen bekam, hat sich geändert. Gorki hat in weniger als zwei Jahren 80000 Rubel für die Buchausgabe feiner Novellen und Romane erhalten. Wfo, dieses Leben scheint recht glücklich zu sein. Wer es scheint eben nur; in Wirklichkeit ist es ganz anders.

Einige Mitteilungen über Gorkis Leben seit einem Jahre bis auf den letzten Dag dürften diese Wirk­lichkeit zeigen.

Seit etwa zwei Jahren wird Gortt unter der Be­schuldigung, einpolitischer Verbrecher" zu fein, verfolgt. Es kann nichts Thatsächliches' gegen ihn Vorgebracht werden. Trotzdem wurde die Bestimmung der Petersburger Aka­demie, die ihn zu ihrem Ehrenmitgliede ernannte, von der russischen Regierung auf Grund irgend eines Paragraphen als ungiftig erklärt. Wer das ist nicht so schlimm. Gorki wird auch ohne den Akademikertttel leben können. Viel schlimmer ist es, daß Gorki ein ganz unfreies Leben führen muß und ihm das Recht nie zusteht, dort zu leben, wo feine Gesundheit es erfordert. Er wird auf Schritt und Drttt verfolgt und fühlt sich gegenwärtig ganz unglücklich.

Hören wir.

Gorki ist lungenkrank, und fein physischer Zustand ver­langt ein anderes Klima als das von Nischnij-Nowgorvd. Mit unsäglicher Mühe gelang es ihm im vorigen Jähre, die ErlaWnis zu erhalten, wach der Krim gehen zu dürfen, und zwar nach dem Flecken Korehis, freilich nur unter der Bedingung, daß ersich nicht in Jalta zeigen soll". Diese Erlaubnis war nicht für lange Zeit gütig; sie währte nur bis zum 15. April b. I. Und die russische Polizei nahm es mit Gorki sehr genau. Am 15. April wurde er auf Grund' eines telegraphischen Befehls aus Petersburg im Verlaufe von zwei Stunden in der angenehmen Begleitung von Gen­darmen nach dem Bahnhof gebracht und wieder nach Mschnij-Nowgorvd Wergeführt. Wohl versuchte er sich bei einem Bekannten zu verstecken, denn es war ihm unmöglich, so rasch seine Familie zu verlassen, weil fein Sohn Maxim gefährlich erkrankt war. Es half aber nichts; nachdem die Polizei Wind von seinem Versteck bekommen hatte, wurde er ausfindig gemacht und' ckuSgewiefen. Nun ging die Ueberführung nach; Mschnij-Nowgorvd von statten. Auf allen größeren Stationen bildeten die Gendarmen zwei Spaliere, durch die Gorki hindurchgehen mußte, wenn er uach dem Buffet kommen wollte. Es waren auch höhere Beamte anwesend, so z. B. in Kursk, wo der Wice-Gouver- neur sich auf dem Bahnhof einfanb und auf die Frage des mit dem Zuge reisenden russischen Millionärs £)., ob etwa

*) Eine deutsche Gesamtausgabe der Werke Gorkis er­scheint z. Z. int Verlage von Eng. Tiederichs in Leipzig. Jeder Band ist $um| Mette von 2 Mk, einzeln käuflich.

der Minister v. Plehwe der gerade zu dieser Zeit die Krim besuchte reise, zur Antwort gab:Q nein! Nur der Schriftsteller Gorki reift." Auf die erstaunte Frage des Herrn O., warum denn alles so feierlich zugehe, antwortete der Vice-GoWerneur:Um Demonstrationen und Ovationen für Gorki vorzubeugen."

Auf solche Weise kam der gebemütigte Maxim Gorki ganz beunruhigt über das Befinden feiner Familie, beson­ders über das seines ernst erkrankten Sohnes Maxim, in Nischnij-Nowgorvd an, wo er Unterkunft in einem Hotel suchen mußte. Wer hier zu bleiben, war es unmöglich; beim bekanntlich ist Mschnij-Nowgcwod zu allen Jahres­zeiten, besonders aber im April, für Lungenkranke sehr gefährlich. Außerdem war es auch der Regierung unbequem, Gorki in einer großen Stadt wie Mschnij zu sehen.

So wurde nun Gorki Ende April nach Arsamas ver­setzt, wo er gegenwärtig lebt. Es ist ein gottvergessenes, staubiges Nest bei Nischnij-Nowgorvd. Ich betone besonders das Wortstaubiges", weil der lungenkranke Gorki durch häufig eintretende Hustenaufälle es klar und deutlich genug auch betont .... In Arsamas steht er unter polizeilicher Aufsicht, und derJsprawnik" hat das Recht, ihn zu jeder Tages- und Nachtstunde anfzusuchen und Antworten auf alle feine Fragen zu verlangen. Es kam auch gleich in den ersten Tagen zu einem Zusammenstoß, der für Gorki sehr schlechte Folgen hatte. Als einmal der Jsprawnik bei ihm erschien und, auf einen Herrn, der bei Gorki zu Besuch war, hinweisend, fragte:Wer ist dieser Herr?" und die Antwort: Fragen Sie im Hotel", erhielt, da geriet der Jsprawnik im Zorn und sagte:Wenn Sie so sprechen, so werde ich Ihnen schon zeigen, was Sie zu thun haben." Und nun zeigte" undzeigt" er ihm noch gegenwärtig so viel, daß Gorki es nicht mehr nötig hat, Schopenhauer und andere pessimistische Philosophen zu lesen, umVon der Nichtig­keit und dem Leiden des Lebens", zu erfahren.

Erzeigte" ihm folgendes: Er verordnete, daß neben der Gorkischen Wohnung ein Schutzmann stehen und daraus Acht geben soll, wer ihn besucht, und was Gorki selbst treibt. Für das letztere sind ja allerdings die Fenster vor­handen. Gorki, der jetzt ein Drama und einen Roman schreiben will, muß es vorläufig beim Wollen bewenden lassen. Tie allzu oft sichtbar werdende Kokarde am Fenster macht ihn ganz nervös. Wenn er mit feiner Frau, die unterdessen zu ihm gekommen ist, ausgeht, geht ihm immer ganz zufällig natürlich der Jsprawnik nach.

So lebt der Dichter Maxim Gorki, der das ungeheure Glück hatte, in kurzer Zeit berühmt zu werden und viel Geld zu verdienen. Lungenkrank, heimatlos, überwacht, kann er feine schöpferischen Pläne nicht ausführen. Er verkommt in einem staubigen Städtchen, ohne sich selbst anzugehören, ohne zu wissen, wohin er am nächsten Tage gebracht werden kann, und welche Liebenswürdigkeiten ihm nvchgezeigt" werden können.

Da gegen Gorki, wie wir bereits erwähnten, nichts Thatsächliches vorgebracht werden kann, so hat es den An­schein, daß er eben nur als Schriftsteller, der einen großen Einfluß auf die moderne russische Gesellschaft, teuf die russische Jugend ausübt, verfolgt wird.

Jene große Freiheitssehnsucht, die in den Gorkischen Dichtungen lebt, ist also in Anbettacht all dieser Wider­wärtigkeiten nur wenig eigentlicheLitteratur". ES ist viel­mehr der Schrei einer gequälten, unterjochten Seele, die in Frieden leben will, in einer Welt, die frei und schon ist, in der er aber auf Schritt und Tritt von Willkür und Recht­losigkeit gepeinigt 'wird.

Wie das Leben aller großen Geister Rußlands, des Mütterchen Rußland", das ihnen einStiefmütterchen" war, ist auch das Leben Gorkis finster und freudlos. Viel­leicht ist in der rohen und rauhen Wirklichkeit, die den Dichter umgiebt, auch der Grund seiner Romantik zu suchen, jener anderen Wirklichkeit, zu der er seine Zuflucht nimmt.

Das große, unermeßliche und grenzenlose Rußland mit seinen so vielen und schönen, licht- und sonnenvollem Gegenden hat für einen seiner größten Söhne derGegenwart, für den lungenttanken Dichter Maxim Gorki, nichts mehr als Staub und die Obhut eines Jsprawnik übrig! Ter Dichter Gorki findet in dem weiten russischen Reiche fein ruhiges Heim, wo er ungestört wachen, schlafen und arbeiten darf! Furioso.