Ausgabe 
12.9.1902
 
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gerät; man lese den interessanten Bericht in Roths Führer. Vom jungen Grarnb lasse man sich auch die ausgedehnten Kalksteinbrüche und Hochöfen zeigen und erklären. Nach diesem Anschauungsunterricht aus Urzeit und Neuzeit be­gleiten wir die Lahn weiter bis Dehrn. Um mit ihr noch vertrauter zu werden und sie Ms nächster Nähe kennen; zu lernen, fahre man die kurze Strecke bis Limburg lauf de,m niedlichen Dampfbootchen (1.15 Uhr nachm- a6 in Dehrn); man genießt auf diesem Wasserwege von weitem ab die beste Ansicht des Limburger Doms, dieses aus den Felsenmassen emporwachsenden, himmelanstrebenden Wahr­zeichens der ecclesia militans. Der nach der Mittagsrast in Limburg eingeschlagene Weg entfernt sich auf kurze Zeit von der Lahn; die Landstraße von Limburg nach Diez führt durch die weite fruchttragende Ebene und gießt dem Ange wieder die Fernsicht als genußreiche Wwechslung nach der Thalwanderung. Diez selbst bietet nichts Sehens­wertes als das Aeußere von Shloß Oranienstein in der ruhigen und doch prächtigen architektonischen .Gliederung feiner auf der Zugangsstraße von weither heraufgrüßenden Frontseite; den Schmuck des Innern bilden 175 Kadetten. Im übrigen ist Diez ein sauberes, aber kein adrettes Städtchen, einfach ohne Zierlichkeit, von merklich preußisch- militärischem Zuschnitt. Den Wanderer interessiert nur noch die Kunde, daß die Badeanstalt Sonntagnachmittag von 5 Uhr ab geschlossen ist. Für die Diezer scheint das Baden kein Sonntagsvergnügen zu sein. Wenn auch nicht in die Lahn, so geht's doch wieder an die Lahn. Jenseits her Brücke, am rechten User entlang läuft der Leinpfad und führt in zwei Stunden nach Balduinstein, dem Ziele der Tageswanderung. Bald wiederum umfängt den Leinpfad­wanderer der Lahnthalzauber. Von Huben und drüben nahen sich die Felsen, das Thal einzuengen. Groteske Felsbil­dungen, die ein romantischer Wanderer für Burgtrümmer halten mag, treten ans den Bergwäldern heraus und fügen der friedlichen Harmonie von Wald und Fluß ein phan­tastisches Motiv hinzu. Auch der.unwilligste Wanderer lernt hier das Sinnen und Träumen. Ruhig fließt die Lahn des Wegs nebenher bis Fachingen, wo man sich von einem! Fährmann aufs linke User übersetzen lassen mag zum Zweck einer Bootsfahrt auf der Zahn und eines Trunkes «ms der Fachinger Mineralquelle. Aufs.rechte Ufer zurück­gebracht, geht's auf ausgezeichnetem Wege his Balduin­stein. Der Leinpfad von Fachingen bis Balduinstein er­schließt das Eldorado des Lahnthals. Nichts stört mehr die Stille!; nur ein junger Fink, um bei der Wahrheit zu bleiben, versucht im fernen Busch die Vogelsprache zu er­lernen. Zur Linken steigen dichtbewaldete Höhen hinan, während den Wiesenstreifen zur Rechten reicher Feld­blumenflor, vor allem Ginster und Farren, bedeckt. Der Reiz der Anhöhe, der in dem Emporstrebenden und in der Linie zum Horizont liegt, wirkt hier umsomehr, als in einem herrlichen Ebenmaß die Bergwälder emporsteigen UNÄ :acks in klassischer Linienführung die Höhen sich vom Horizont abheben. Berge zur Linken, rechts sanfte Anhöhen, Wasser und ein blaues Himmelsstück bilden die Umrahmung der Welt, in der man wandert einer sich auf kurzen Wegstrecken stets erneuernden Welt. In immer neuen an­mutigen Windungen schlängelt sich die Lahn durchs Thal an den Felsen vorbei, die ihr den Weg versperren. Jedes solche Felsenthvr ist die mächtige Coulisse eines Land­schaftsbildes, die durchwanderte Thalwelt abschließend und leine neue eröffnend. Stillen Laufs begleitet die Lahn den Wanderer, geschmückt mit dem Baum grün des Waldes, das ans ihren Wassern herauf leuchtet, und auf beiden Ufern bekränzt von Schilf und Erlen und Seerosen. Wem es ver­gönnt ist, im Sonntagsfrieden durch dieses Thal der Stille zu wandern, der wird sich von der Sehnsucht nach diesem weltverlorenen Erdenwinkel nicht mehr freimachen können.

Am Ziele der Wanderung erhebt sich der Blick, der eben noch verträumt im Thule sich erging, hinauf zur nächsten Bergspitze, die Schloß Schaumburg trägt. In diesem Kontrast erscheint das aus dem .Bergwald schlank empor- steigende, von blauer Himmelsfarbe umflossene .Schloß wie ein duftiges Luftgebilde, wie die jn Erfüllung gegangene Verheißung, die in seinem Namen Hegt

In Balduinstein wird nach dem mühen- mtß freuden­reichen Tag gerastet. Frühmorgens geht's Mf die Schaume bürg, von der nur der Turm dem Besucher offen steht. Die Aussicht, die er bietet, entschädigt für den Verlust der Schloßbesichtigung: in der Nähe das Lahnthgl und die sich

um das Schloß lagernden fürstlichen Wäldüngen, in die Ferne hinaus die im Morgensonnenschein herauflachende weite Ebene, von der am Horizont sich hinziehenden dunklen Linie der Gebirgskämme umschlossen. Von der Schaum­burg führt der Weg durchs Ruppachthal über Wasenbach in zwei Stunden wieder der Lahn zu. Die prächtige, den zierlichen Windungen der Ruppach folgende, rechts und links von Feld und Wald begleitete Landstraße führt an dem Nassauischen Diabaswerke vorbei, in welchem be­sichtigenswert gewaltige Basaltsteine durch den mittels! Dampfkraft bewirkten Zusammenprall zweier gewellter Stahlgußplatten faift mühelos zu Steinen, Kies und Staub zermalmt werden. Kurz vor Lauternbürg feiern wir Wieder­sehen mit der Lahn, überschreiten die Lautemburger Brücke und betreten den Leinpfad des rechten Ufers. Mn einem besichtbaren Silber- und Bleierzwerke vorbei wird in zwei Stunden ü®er Kalkofen nach Obernhof marschiert auf einer Thalstrecke, die mit den Reizen der übrigen eine erhöhte Großartigkeit der Felsbildung verbindet. Trotz des vierstündigen Weges besteige man noch den bei Obernhof gelegenen Aussichtspunkt. Goethe soll ihn auf einer seiner Lahntouren als den schönsten des Lahnthales bezeichnet haben; die dankbaren Obernhofer Haben ihn den Goethe- Punkt genannt. Der Goetheverehrer wird auch diesem Urteil feines Meisters beipflichten können. Die Mühen und Um­wege, die der Aufstieg zu Goethes Standpunkt Notwendig mit sich bringt, lasse man sich nicht verdrießen.

Die reichlich verdiente Mittagsruhe bietet in vorzüg­lichster Weise das jenseits Obernhofs gelegene, im Dürs­t'ach th al lieblich eingebettete Gasthaus zur Arnsteiner Mühle. Von hier am Kloster Arnstein vorbei äußere Besich­tigung genügend, innere jedoch gestattet führt ein am Bergabhang sich chinziehender Weg, meist längs der Lahn, deren sonnenbeschienenes Wasser durch Birken und Bucheu- griin heraufschimmert, in einer Stunde nach Nassau. Hier in Schloß Kielmannsegge sind manche Erinnerungen an den in ihm geborenen Freiherrn von Stein vorhanden und besichtigenswert. Der Fahrweg der Eisenbahn von Nassau nach Ems läuft wie der Fußweg stets nahe der Lahn, weshalb! es nicht pflichtvergessen ist, den Leinpfadgang auf dieser Strecke durch die Bahnfahrt zu ersetzen. In Ems wird letztmalig im Lahnthal übernachtet. Der Wanderer wird trotz der Vorzüge der Sage und Umgebung von Ems nicht lange in ihm verweilen können. Wer ans Glanz und Wonne wechselreicher Formen und Farben einer lieblichen, an­mutigen Natur herkommt, wird den Anblick der selten ge­schmackvoll, meist geschmacklos aufgeputzten Häuser und Menschen, der gezierten Gärtchen und der noch gezierteren Kurgäste, der Künstelei und Unnatur eines Luxus bad es nicht lange ertragen. Er flieht auf hinaus ins weite Land, d. h. hier in unferm Fall: er betritt den Leinpfad, der ihn von Ems nach Fachbach bringt; bis Fachbach führt er links der Lahn, von Fachbach aus (Fähre!) rechts der Lahn bis zur Mündung. Doppelt freudig nach der Emser Kur ist die Wanderstimmung; der Abschied von der Lahn liegt noch in zweistündiger Ferne. Hurtig fließt der Fluß, als eile er, das Ziel zu erreichen; dem Wanderer aber ist die Bewegung alles, das Endziel nichts. Noch einmal freut er sich feiner treuen Weggefährtin, die der Wanderung die Frische und Mannigfaltigkeit verlieh. Er denkt zurück an den Wechsel der Launen und Stimmungen, in denen er den Fluß sich ergehen sah. Wenn man von einer Pflanzenseele spricht, so darf man billigerweise auch dem Fluß seine Seele nicht vor enthalten. Wie sahen wir ihn bald mißmutig und träge dahinfließen, bald fröhlich in Strudeln sich über­stürzen, bald im Sonnenglitzern über ein Wehr eilen, im Spiel der Wellen Schaum und Perlen emporwirbelnd. Wie wir ihn aber auch "sahen, ob ruhig, munter, eilig, toll, ob! still oder laut, ob heiter oder zornig, stets war es flutende Bewegung, strömendes Leben, das neben uns dahinfloß, Und diese stetig bewegte, lebendige Nachbar­schaft ist vielleicht von allen Reizen einer Lahnthalwande- rung der reizvollste. Schon um seinetwillen lohnt sich der Leinpfadgang flußabwärts. Wem die Lahn ein Ruhe- und Freudebringer gewesen ist, der wird ihr auch über; Niederlahnstein hinaus pietätvoll das Geleite geben bis zu der Stätte, wo der Vater Rhein sie in seine Arme nimmt. Hier an der Grabstätte der Lahn steht einsam die Johannis- Arche mit ihrem alten, verfallenden Gemäuer, neben ihr ein vom Blitz getroffener toter Baumstamm zwei Wahr­zeichen des Vergehens, deren Anblick den romantisch-senti-