Ausgabe 
12.9.1902
 
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Freitag den 12. September.

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Mit dem Abdruck des Romans

Die Viper

nach dem Französischen bearbeitet von H. Revel beginnen wir am 15. September d. Js.

Die Redaktion

derGießener Familienbliitter".

Aus dem Leinpfad lahnabwärts.

Von 91 P.

(Nachdruck verboten.)

Nicht auf den Kriegspfad des Wilden, sondern auf den Leinpfad friedlicher Wanderung soll der Leser folgen. Beide Wege haben nur das gemein, daß sie in ein von Vielen, nicht gekanntes, von den Meisten nicht begangenes Gebiet führen. Alle Leser zu Leinpfadfindern im Lahnthal zu machen, ist die Absicht dieser Touristenskizze. Es ist über­flüssig, Lahnanwohnern den Leinpfad vorzustellen als den schmalen, dicht neben dem Fluß herführeirüen Wegstreifen, auf dem man noch jetzt Schiffer ihre Kühne lahnaufwärts, ziehen sieht. Der Leinpfad ist unsere Marschlinie, soweit nicht aus andern Gründen die streckenweise parallel der Lahn laufende Landstraße vorzuziehen ist. Er ist der beste Führer durch's Lahnthal, ohne gerade den trefflichen, bei Emil Roth in Gießen erschienenen überflüssig zu machen.

Wie man in allen Wirtshäusern nachfragen und in allen Fremdenbüchern nachsehen kann, sind die Lahnthal­besucher in der Regel Besucher der Lahnthalstädte; das Lahnth al aber sehen sie nur vom Eisenbahncoupä aus, oder besser;: sie sehen es nicht wegen der berüchtigt vielen Tunnels der Lahnthalbahn. Gerade dort, wo die Felsenberge die Lahn in ein enges Bett zwängen, liegen die Reize der Landschaft und naturgemäß die Tunnels. Auf, laßt uns wandern!

Abmarschiert wird von Weilburg, der Perle des Lahn­thals, aber nicht der einzigen. Man lasse die dreiseitige inter­essante Historie der Stadt in dem Rothschen Führer nicht ungelesen und die Altstadt und Schloß nicht unbeftchtigt. Frischen Muts und benagelten Schuhwerks betrete man dann den streckenweise steinigen, stets aber gut gangbaren Lein­pfad am linken Ufer zum dreistündigen Marsch nach Aumenau eine Einführung für Auge und Stiefel ins Wesen der Leinpfadgänge. Schon hier beginnt der Zauber des Lahnthales zu wirken. Nur schmale Wiesenstreifen haben Neben der Lahn Raum in dem tiefen, von Bergwäldern und Kalkfelsen flankierten Thale. Munter fließt die Lahn in ihrem, von den Reflexbildern der Höhen seltsam be­malten Bett. Die Dörfer, die drunten keinen Platz zum Laben haben': OderMachIirschbosen und vor allem, GrL>enÄk, Ragen verstreut auf den Anhöhen, die Weltabgeschiedenhett

des Thales' hier und da unterbrechend. Bald werden auch solche Zeugen des Lebens den Wanderer nicht mehr grüßen.' Von Aumenau, das rechts der Lahn liegt, geht's nach kurzer Rast über die Brücke aufs linke Ufer zurück und weiter auf guter Chaussee nach Villmar ein einstündiger Er­holung sw eg für den Leinpfadgänger. Der Blick, bisher in der Thalenge gefangen, kann sich nach allen Seiten hin wreder weiten und über reiches Fruchtgelände schweifens In Villmar mag jeder, insbesondere wer von den Wander-, freuden allein nicht leben kann, sondern allerorts etwas Positives zulernen muß, in den zugänglichen Villmarer Marmorwerken von Dyckerhoff und Neumann die Gewalt bewundern, mit der eiserne Sägen mächtige MarinorblöL von dort und überall in Platten zerschneiden und die Eleganz bestaunen, mit der diese Platten poliert und für die ver- schiedensten Zwecke hergerichtet werden. Hat so der Wissen^.; durstige der Göttin der Weisheit sein tägliches Opfer ge­bracht, dann kann auch er beruhigt dem Gott des Schlafes; srch in die Arme legen und zwar thut er das am besten rmWirtshaus zum Lahnthal", wo hübsche, nach der Lahn und den jenseits gelegenen Marmorbrüchen zuliegende Zimmer zu billigem Preis erhältlich sind.

Am nächsten Morgen in aller .Frühe geht's in der Richtung auf Runkel weiter auf der links' der Lahn sich hinziehenden Straße. Im Vorbeigehen an der Boden-, steiner Ley grüße man Konrad I.911918 deutscher König und Graf des Lahngaues", dessen Standbild sich auf dem Felsen erhebt und vergesse nicht, von hier aus die hübsche Mrssicht vor- und rückwärts zu genießen. Nach halbstttn- digem Marsch in Runkel, einem altertümlich-anheimelnden Städtchen, wird Ahnensaal, Terrassengärtchen und Turm, und Schloß zu Runkel besichtigt. Leider sind nur die Namen und nicht die Lebenszeiten der 80, in Oel erhaltenen Ahnen der Nachwelt überliefert, sodaß für die interessanten Kostüm- studien die sicheren Grundlagen fehlen. Wer mehr für die Lebenden als für die Toten schwärmt, sehe nach betttl Mittelbau des Schlosses, der einer ländlichen Haushaltungs­schule eingeräumt ist und aus dessen altem Gemäuer hie und da ein hübscher Mädchenkopf herausschaut ein für sentimentale Leser gewiß unvergeßlicher Anblick, ließet eine steinalte Brücke geht der Weitermarsch 'rechts, des Ufers! nach Steeten und Dehrn in dem sich weitenden Lahnthal. In Steeten wird der Lernbegierige von einer Fülle des Sehenswerten überrascht. Als Führer fei der junge August Gramb (2. Haus links am Dorf eingangs empfohlen und' hiermit 'offiziell in die Liste der Tvuristenführer eingereiht.. Steeten haben sich unsere Vorfahren aus der Mammutzeit' aus nicht mehr ersichtlichen Gritnden zur ersten Ansiedlung erwählt. IN einem steilen Kalkfelsev im Hochparterre haben sie sich in zwei Höhlen einlogrert, in die dem jungen! Gramb uach'znklettern Pietät und' Wißbegierde treibt. In Miden H die kleiner« heißt Mldhans, die größere MG- scheuer = weit sich Merzchenknochen, Waffen und! HanK