Ausgabe 
12.7.1902
 
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kommt Bei Uns nicht vor. WaA? siebzig Pfennig das Stück? K>as ist ja horrend!"

Das laute Schellen der Häusthürglocke war für Traute »ine Erlösung.Das ist Herr Lehmigke", sagte sie und ver­ließ, ohne weiter zu fragen, den FrüMlckstisch.

Lehmigke begegnete ihr heute mit ruhigem, freund­lichem Ernst, aber das weiche Gefühl von gestern abend war wieder aus seinen Augen verschwunden. Heute im Kellen Tageslicht hatte Traute den vollen Eindruck seiner Persönlichkeit. Sie wunderte sich was aus dem un­scheinbaren, fast linkischen, jungen Mann von früher ge­worden war.

Eine ruhige, bewußte Würde zeichnete ihn aus und Machte den Eindruck kraftvoller Männlichkeit und über­legener Intelligenz. Seine Gesichtszüge hatten sich macht- poll herausgearbeitet und fast etwas Wüchsiges, Imponieren­des bekommen. Ein Mann wie er brauchte nicht elegant Ku sein, um seinen Platz überall im Leben voll und ganz Ku behaupten .

Ich komme, Ihnen heute einen Vorschlag zu machen, Fräulein Velten, und ich bitte, denselben ruhig mit Ihrer Mutter und Ihren Geschwistern zu überlegen, ehe Sie mir eine entscheidende Antwort geben. Die Hinterlassenschaft Ihres Vaters ist gleich Null. Denn selbst, wenn ich meine Forderungen stunde, und Ihnen Zeit lasse, das Haus zu verkaufen und mit den Gläubigern zu akkordieren, bleibt -Ihnen nichts. Ich werde Ihrer Mutter Vorschläge machen in Betreff meiner sofortigen Uebernahme des Besitzes und Verhandlung mit den übrigen Gläubigern, um die Last von Ihren Schultern zu nehmen. Doch davon später. Es «gilt jetzt, eine neue Existenz für Sie zu begründen. Oder Haben Ihre Verwandten oder oder näheren Freunde Ihnen vielleicht bereits Mittel und Wege geöffnet haben Sie schon einen Plan oder sind Sie irgendwie ge­bunden?"

Nein in keiner Beziehung." Traute wollte Paul Lehmiakes Blick ruhig und fest begegnen, schlug jedoch in plötzlicher Verwirrung die Augen zu Boden.

Ehe ich in irgend welche geschäftliche Verbindung mit Ihnen trete, müh ich Ihnen die Frage vorlegen, ob Sie noch Beziehungen aufrecht halten, die ich Ihnen früher schon «einmal als Unheilvoll bezeichnete. Ich hätte in diesem Fall nicht das nötige Vertrauen in Ihre Zuverlässigkeit." Lehmigke sah sie hei diesen Worten durchdringend an.

Nein" stammelte Traute,ich habe eingesehen, daß Sie recht hatten, ich habe diese Beziehungen abge­brochen."

Der Abschiedsbries an Camill lag angefangen in ihrem Schreibtisch.

(Fortsetzung folgt.)

Die Simulanten.

Von A n t o n Tschechow.

Deutsch von Stefania Goldenring.

(Nachdruck verboten.)

Die Generalin Martha Pjetrowna Pjetschonkina, von den Bauern Pjetschontschtcha genannt, praktiziert nunmehr feit zehn Jahren auf dem Gebiete der Homöopathie und empfängt an einem Dienstag im Monat Mai die Patienten in ihrem Sprechzimmer. Auf dem Tisch vor ihr steht dine homöopathische Apotheke, ein Rezeptenbuch und das Preisverzeichnis der Apotheke. An der Wand hängen neben dem Fenster, in goldene Rahmen gefaßt, die Briefe eines Petersburger Homöopathen, der nach Martha Pjetrownas Ansicht sehr berühmt und bedeutend gewesen ist. Daneben hängt das Porträt des Vaters Aristarch, dem die Generalin ihr Heil verdankt: er war es, der sie von der schädlichen Allopathie befreite und zur Erkenntnis der Wahrheit führte. Jin Vorzimmer warten die Patienten, meistens Bauern. Bis auf zwei! oöer drei sind sie alle barfuß, weil die Generalin wünscht, daß sie die übelriechenden Stiefel auf denr Hofe lassen.

- Martha Pjetrowna hat bereits zehn Leute empfangen, KrusdA"^ nUTt ^CTt elften Patienten herein:Gawrilä , Die Thür öffnet sich, aber anstatt Gawrila Grusdj tritt Samuchrischin herein, ein Nachbar der Generalin, em verarmter Gutsbesitzer, ein altes, kleines Männchen mrt traurig blickenden Äugen und einer Edelmannsmütze unter dem Arm. Er stellt den Stock in den Winkel, tritt zur Generalin herbei, und kniet schweigend vor ihr nieder.

Was ist Ihnen! Mrs thun Sie, Kusma Kusmitschi sagt die Generalin erschreckt und ganz erregt.Um Gottes Willen!"

So lange ich Leben in mir verspüre, stehe ich nicht auf!" erwiderte Samuchrischin, ohne ihre Hand loszu­lassen. Möge das ganze Volk sehen, daß ich vor unserem Schutzengel, der Wohlthäterin des menschlichen Geschlechts kniee! Sie sollen es sehen! Vor der guten Fee, welche mir das Leben geschenkt, den wahren Weg gezeigt, meine skeptischen Zweifel beseitigt hat, will ich nicht nur nieder- knieen, sondern ins Feuer ginge ich für sie, unsere wunder­begabte Ratgeberin, Mutter der Waisen und Witwen! Ich bin gesund geworden! Neugeboren, eine Zauberin!"

Ich . . . freue mich sehr . . ." stammelt die Gene­ralin, und wird vor Freude ganz rot.Es ist so angenehm, so etwas zu hören. Bitte, nehmen Sie Platz! Sie waren aber doch am Dienstag so schwer krank!"

Ja, sehr krank! Es ist schrecklich, ivenn ich daran denke!" sagt Samuchrischin, inoem er sich setzt.In allen Organen steckte der Rheumatismus. Ächt Jahre habe ich mich gequält und kannte keine Ruhe. Weder bei Tag noch bei Nacht, meine Wohlthäterin! Ich war bei Aerzten in Behandlung, bin nach Kasan zu den Professoren gereist, nahm verschiedenes Zeug ein, trank Brunnen und habe alles Mögliche versucht! Mein ganzes Vermögen ist da­bei draufgegangen, schöne Frau. Die Aerzte haben mir nur Schaden verursacht. Sie haben mir die Krankheit nach innen getrieben, Hineinzutreiben vermochten sie dieselbe, nicht aber wieder hinaus soweit sind sie in ihrer Wissen­schaft nicht gekommen. Nur Geld nehmen sie gern, die Spitzbuben, ob sie der Menschheit einen Nutzen bringen, das "rührt sie wenig. Da wird eine Tinktur verschrieben, die du trinken magst. Seelenmörder mit einem Wort. Wären nicht Sie, unser Engel, so wäre ich schon längst im Grabe! Vorigen Dienstag kam ich von Ihnen nach Hause, betrachtete die Graupen, die Sie mir damals mit­gegeben hatten, und dachte:Was liegt darin für ein Sinn? Können diese kleinen, kaum sichtbaren Körnchen mein langjähriges, schweres Uebel heilen?" Ich lächelte mit starkem Zweifel, kaum hatte ich aber das Körnchen verschluckt, so war alles wie weggezaubert, als wäre ich niemals krank gewesen. Meine Frau sah mich mit großen Augen an, und konnte nicht glauben:Bist Du es denn, Kölja?" Ja, sage ich. Und wir knieten zusammen vor der Mutter Gottes nieder und beteten für unseren Engel: Gott send ihr alles, was wir ihr wünschen!"

Samuchrischin wischt sich die Augen mit dem Aermel, steht vom Stuhl auf, und will wieder niederknieen, aber die Generalin läßt es nicht zu.

Nicht mir danken Sie!" sagte sie, ganz rot vor Er­regung, und betrachtet mit Begeisterung das Porträt des Vaters Aristarch.Nicht mir! Ich bin hier nur ein ge­horsames Werkzeug. . . Ein Wunder, fürwahr! Veralte­ter, achtjähriger Rheumatismus mit einem Körnchen fort- gebracht!"

Sie waren so freundlich, mir drei Graupenkörner zu geben. Eins davon nahm ich zu Mittag und es wirkte momentan! das zweite am Abend, das dritte am nächsten Tag, und seit jenem Tage spüre ich nichts mehr! Nicht einen Stich! Und ich glaubte schon sterben zu müssen. Hatte meinem Sohn nach Moskau geschrieben, er möchte kommen! Gott gab Ihnen Verstand, Beschützerin! Jetzt gehe ich umher, und fühle mich wie im Paradiese . . 4 Vorigen Dienstag hinkte ich, als ich herkam, jetzt könnte ich es mit einem Hasen aufnehmen. . . Hundert Jahre möchte ich noch leben. Eins macht uns nur Kummer die schlechten Zeiten. Was fange ich mit der Gesundheit an, wenn ich nicht zu leben habe? Das Glend hat mich noch mehr heruntergebracht, als die Krankheit . .. Nehmen wir beispielsweise folgendes: Jetzt ist Zeit, Hafer zu säen, wie soll man aber säen, wenn man keine Saat hat? Man müßte welche kaufen, aber das Geld . . . man weiß, wie es mit dem Geld bei uns bestellt ist. . ."

Ich werde Ihnen Hafer geben, Küsma Kusmitsch Bleiben Sie nur sitzen! Sie haben mir so viel Freude und Befriedigung bereitet, daß nicht Sie, sondern ich Ihnen zu danken habe!"

Sie, unsere Freude! Welch großes Glück hat Gott geschaffen! Freuen ©ie sich, wenn Sie auf Ihre guten Thaten schauen! Wir, Sünder, haben keine Veranlassung dazu. Wir sind unbedeutende, kleinmütige, mutlose Deen-