wenn man zur rechten Zeit ein Einsehen gehabt hätte, dazwischen kamen Ausbrüche von Schmerz über den Verlust des Bruders, und zwischen Vorwürfen und Anklagen, herzliche Aeußerungen von Liebe und Mitleid für seine bedauernswerten Kinder.
Armin und Egon bon Lodenstein kamen eben vvn einem Geschäftsweg zurück, und beide Tanten stürzten sich nun auf die jungen Männer, um mit diesen ein „vernünftiges Wort" zu reden, was jedoch so ziemlich in der Wiederholung des eben gesagten bestand und die allgemeine Ratlosigkeit nicht erheblich verbesserte.
Denn auch Egon, obgleich einsichtsvoll genug, um die Lage der. Dinge ziemlich zu übersehen, wußte lernen Ausweg aus der dringenden Not und war am allerwenigsten in der Lage, seiner Braut und deren Familie eine materielle Stütze zu gewähren .
„Hulde", sagte Traute, als die Schwestern allein waren, „wir gehen nicht zu den Verwandten, nicht auf einen Tag! Soll sich Mama alle Tage die drei seidenen Kleider, die französische Bonne und die tägliche Fleischbrühe Vorhalten lassen?"
„Die Tanten meinen es nicht so böse", schluchzte Hulde, die bei dem Gedanken, unter fremde Leute gehen zu müssen, in abhängige Stellung, schauderte.
„Ich für meine Person begebe mich nicht in ihre Abhängigkeit", beharrte Traute, und dann versank sie in dumpfes Brüten. Der Ton der Hausglocke schreckte sie auf. Sie ging selbst zu öffnen. Sollte um diese Abendstunde noch Besuch kommen?
Tie Jugend, der es so schwer wird, zu verzweifeln, glaubt stets an Wunder und hofft auf Wunder. Traute erwartete irgend etwas Ungewöhnliches, als sie die Thür aufmachte. Sie hatte sich! dieslnal nicht getauscht. Paul Lehmigke stand vor ihr, und auf den ersten Blick sagte sie sich: „Da ist Hilfe."
Er sah so ganz anders ausj als sie ihn in den letzten Jahren zu sehen gewohnt war. Das Mitleid stand in feinen Augen und löschte die Härte aus seinem Gesicht-
Sie reichte ihm stumm die Hand und führte ihn in ein Zimmer, wo sie allein mit ihm war. Sie wußte, daß er sie allein sprechen mußte.
Als sie sich im Zimmer gegenüberstanden, sagte ler weich: „Das Maß Ihres Unglücks ist jetzt voll, Sie müssen mir erlauben, von dieser Stunde an wie ein Freund und Kruder für Sie zu handeln."
Und dann fragte er mit herzlicher Teilnahme nach allem, was das Leiden und Sterben ihres Vaters betraf. Er sah dem jungen Mädchen so warm und traurig in das weinte, blasse Gesicht, daß Traute fühlte, ihr Schmerz gehe ihm wirllich, zu Herzen, und das war, als ob sich eine Weiche, beruhigende Hand auf die frische Wunde ihres Herzens legte.
„Sie werden heute nicht im stände sein, Geschäftliches mit mir zu erörtern, ich will morgen vormittag wiederkommen", sagte er, als er sich verabschiedete.
Als Traute ihrer Familie von diesem Besuch Mit- teillmg machte, verursachte die Nachricht große Aufregung. Die Tanten s chöpsten Hoffnung, daß sich nun doch wohl noch etwas arrangieren lasse, und beschäftigten sich den Rest des Abends mit Plänen Und Entwürfen, was' sie Lehmigke sagen und Vorschlägen wollten.
Frau Belten, die ihre rührende Harmlosigkeit nie einbüßte, schien anzunehmen, daß er als deus ex machina erscheinen werde, um all ihrer Not ein Ende zU machen, und sie in dem unumschränkten, schuldenfreien Besitz des Hauses zu belassen. Sie traute jedem Menschen märchenhaften Edelmut zu und hätte mit derselben Unbefangenheit ein großes Opfer angenommen, wie sie es gebracht hätte.
Egon und Armin sahen dem Eingreifen Paul Lehmigkes in ihre Familienverhältnisse mit einigem Unbehagen entgegen. Für sie blieb er der „Schnapsritter!", und es war hnen im höchsten Grade peinlich, sich von irgend einer Großmut von seiner Seite beschämen zu lassen. Wer da ie selbst kerne Hilfe und keinen Rat wußten, mußten sie ich einer bitteren Notwendigkeit fügen.
Traute erhielt noch an demselben Wend einen Brief von Camill, -em sie eine Todesanzeige geschickt hätte. Er kam aus Ungärn, wo sich der Schireiber zum Besuche auf der Herrschaft der kürzlich verheirateten Schwester aufhielt.
Dm KondolativN erging sich in den konventionellen Phrasen ungeübter Briefstilisten und auch das Bedauern,
Traute in den schweren Tagen nicht zur «Seite stechen zu können, war steif ausgedrückt. Der Brief schloß mit der Versicherung, daß er sich nicht wundere, daß Dräute ihn unter den obwaltenden traurigen Umständen nicht bei ihrer Rückreise in Berlin aufgesucht hätte, und mit der Hoffnung, daß sich „alles übrige" zum Besten wenden möge.
Traute wußte nun zwar längst, daß Camill ein schlechter Schriftsteller war und nie int stände sein würde, irgend eine! Gemütsbewegung oder ein Empfinden schwarz auf weißt, natürlich und wahr zum Ausdruck zu bringen, aber so kalt wie dieses Schreiben hatte sie noch nichts aus seiner Feder angemutet. „Das ist also der ganze Trost, den er für mich hat, er, der mir der Nächste auf Erven fein sollte", sagte sie, sich. Zugleich fühlte sie ,daß er längst ausgehört hatte, der Nächste für sie zu sein. Die langjährige Trennung hatte sie^ ohne daß sie es merkte, langsam entnüchtert und das eine! Wort, das eine fatale Wort, das neulich gefallen, „wenn es denn sein muß", hatte die letzte Illusion zerstört.
An diesem Wend fühlte fie deutlich daß sie ihm nte$ angehören könne, ohne sich in ihren eigenen Augen toegk zuwerfen. Sie hatte keine Achtung mehr vor ihm. Sie,' hatte erfahren, daß sein genußsüchtiges Leben keinen sitch lichen Wert in sich barg, nichts, was über das Triviale! hinausging. Da war kein Schutz, kein Halt für sie, nichts für Gemüt, Herz und Geist, nachdem der Rausch verflogen war.
Sie Ivar entschlossen, das Verhältnis sobald als möglich zu lösen, sie wußte nur noch nicht recht, wie sie ihren Angehörigen diesen Entschluß beibringen sollte, ohne ihnen neuen Kummer zu bereiten. Ihre Mutter wütde den Bruch dieses heimlichen Verlöbnisses, an dessen Festigkeit sie glaubte, für ein großes, entsetzliches Unglück halten. Camill Stauffen war in ihren Augen ein tadelloser Kavalier und von seinem glänzenden Aeußeren und seinen aristokratischen Mch, ttieren schloß sie aus die Noblesse feines Charakters.
Zweiundzwanzigstes Kapitel. ; j
Am folgenden Morgen beim Frühstück äußerten die Tanten den lebhaften Wunsch, bei Herrn Lehmigkes Besuch zugegen zu sein.
Traute war damit nicht einverstanden und erklärte! energisch: „Ich muß ihn zuerst allein sprechen."
„Liebes Kind, dürfte das wohl ganz passend sein?" fragte Tante Bertha spitz, indem sie mit der flachen Hand ihren fest angellebten Sanftmutsscheitel glättete. „Ich war schpn gestern abend etwas verwundert über Dein täte-ä-tSte zu so später Stunde mit einem Herren."
Frau Welten zerkrümelte nervös das Weißbrot auf ihrem Teller. „Liebe Bertha, das ist ein Ausnahme^ fall." ■<
Tante Bertha Nahm ihr mit einem strafenden Blich das mißhandelte Weißbrot aus der Hand. „Semmel kostet Geld, Clärchen. Wir essen immer Schwarzbrot zu Hause/ und wenn man täglich betet: „Unser täglich Brot gieb uns heute", dann ist einem jeder Krümel heilig."
Frau Welten sah seit der Anwesenheit der Tauten wie ein geängstetes, gescholtenes Schullind aus.
Taute Emmeliue, deren Interesse mehr auf Rettung ihrer Gelder als auf erzieherische Grundsätze gerichtet war, nahm Trautens Partei.
„Wenn Traute glaubt, mehr unter vier Augen mit Herrn Lehmigke Luszurichten, so laßt sie ja erst mit ihm allein. Er ist doch ein verheirateter Marrn, mau kann wirllich in solcher Lage nicht so penibel sein."
„Ich fürchte, Clärchen hat längst aufgehört, penibef mit ihren Töchtern zu fein", beharrte Tante BeNiha mit einem Blick auf Traute.
Armin sah' aus, als ob er der Dante gern etwas aN den Kopf geworfen hätte, aber er mußte beschneiden sein und schweigen, ihm stand noch, das Geständnis bevor, daß er abermals vom Examen zurückgetreten sei, eine ansehnliche Summe Schulden hatte und gern umsatteln wollte.
Egon räusperte sich unmutig. „Liebe Dante, kannst DN meine Braut irgend eines Verstoßes gegen Takt und Formen zeihen?"
„Nein, lieber Egon, Deine Braut nicht, gewiß nicht", beteuerte Tante Bertha etwas emphatisch, indem sie sich eine Semmel sehr dünn mit Butter bestrich, „Bitte, was kostet das Pfund Butter, liebes Clärchen? Ich will sie nur einmal kosten, denn ich bin es nicht gewöhnt, zu dem teueren Weißbrot auch noch Butter zu essen. Solcher Luxus


