Nr. 102
1902.
Samstag den 12. Juli.
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(Nachdruck verboten.)
Manneswert.
Roman von Marie Stahl.
(Fortsetzung.)
Einundzwanzigstes Kapitel.
Das Unglück, das über die Familie Belten hereingebrochen war, wirkte in seiner Größe betäubend und lähmend.
Herr Velten war an einer Herzlähmung gestorben. Er hatte in seinem Leben so viel mit eingebildeten Krankheiten zu khun gehabt, daß man nicht recht an die wirkliche, ein angeborenes Herzleiden, geglaubt hatte. Und nun war es plötzlich schrecklicher Ernst geworden. Der Tod raffte ihn Unerwartet hin, ehe seine Frau Zeit sand, den homöopathischen Leitfaden zu Rate zu ziehen.
Seine Schwestern, Tante Emmeline und Tante Bertha, kamen zur Beerdigung und außer ihnen Egon, Huldens Verlobter. Onkel Lothar war in Karlsbad und durfte seine Kur nicht unterbrechen.
Die Anwesenheit der Tanten erwies sich jedoch, als kein Trost für die unglückliche Familie, sondern als eine neue, schwere Prüfung. Sie hatten sich die Verhältnisse ihres Bruders nicht so schlimm gedacht, wie sie in Wirklichkeit waren, denn Herr Belten hatte es verstanden, sie darüber im unklaren zu erhalten. Der völlige Zusammenbruch seiner Existenz überraschte sie darum und versetzte sie in namenlose Bestürzung, da sie ihm große Opfer gebracht hatten.
Nachdem man die traurige Pflicht erfüllt hatte, den Toten zur Ruhe zu bestatten und in die verödete Wohnung zurückgekehrt war, hätte Frau Velten dringend völliger Ruhe bedurft.
Aber dazu hatten die Tanten keine Mußen. Tante Emmeline setzte sich zu der unglücklichen Frau, die erschövft in einem Sopha zusammensank, und sagte, es sei besser, sich auszusprechen und ,das Herz zu erleichtern, als sich den traurigen Gedanke:: zu überlassen.
Ihre HerzenserlÄchterung bestand aber darin, daß sie Rechenschaft forderte von ihrer Schwägerin über Dinge, von denen diese wenig wußte und noch weniger verstand, und daß sie dieselbe über das Thun und Lassen ihres Leipziger Lebens ins Verhör nahm.
Ebenso »rächte es Tante Bertha, die Pastorin, mit ihren beiden Nichten. Traute hatte sich nach der Beerdigung in den entlegensten Winkel der Wohnung zurückgezogen. Dort lag sie, den Kopf in den Händen vergraben, zermalmt von dem Gefühl menschlicher Hilflosigkeit gegenüber der geheim- nrsvollen Macht des Todes.
Aber auch hier wußte sie Tante Bertha auszustöbern und setzte sich mit einem großen, grauwollenen Strickzeug bei
„Mein liebes Kind, überlaß Dich nicht einem hoffnungK» losen Schmerz, er entnervt und schwächt, niemand aber hat seine Arbeitskräfte nötiger als Ihr", sagte sie, lebhaft mit den Nadeln klappernd. „Bedenke, was Gott thut, das ist wohlgethan. — Sag mal, weißt Du denn, daß Emma Neubert stiehlt? Seitdenl ich hier bin, hat sie ein viertel Pfund Zucker, den Rest des gestrigen Bratenschmalz und eine Menge Kartoffeln gestohlen. Ist das Wohl erhört? Und davon; wißt Ihr nichts? Kinder, Kinder, da kann man sich nicht wundern, daß unser armer Bruder an den Bettelstab gekommen ist. Ist es Wohl glaublich, sich zwei Dienstboten; in einer Stadtwirtschaft zu halten? Ich fragte eben Auguste, was Ihr die Woche an Kohlen gebraucht. IHv braucht ja mehr, als wir in unserm großen Landhaus. Wie mag das erst im Winter gewesen sein! Und sag' mal, eßt Ihr denn alle Tage Fleischsuppe und ein Fleischgericht? Was muß das monatlich für eine Rechnung geben! Und da hat man es sich ani Leibe abgespart, um Deinem Vater zu helfen, und Deine Mutter hat's leichtsinnig vergeudet. Mein Gott, Kinder, Ihr dauert mich, aber unverdient ist ein solches Schicksal nie. Ich habe oft genug gewarnt und mir die Zunge verbrannt. Als Deine Eltern noch ein großes Haus machten in Brantikow, da hat man die Landpastorin belächelt, wenn sie den Kopf s chüttelte und Unglück ahnte. Drei feibene, Kleider hat sich Deine Mutter einmal zu Weihnachten schenken lassen, drei seidene Kleider ans einmal! Und für Euch wurde eine französische Bonne gehalten, als Ihr kaum deutsch sprechen konntet."
Tante Emmeline und Hulde traten ein. „Mein Gott, Bertha, mit Clärchen ist nichts anzufangen. Sie weiß über nichts Bescheid und bekommt Weinkrämpfe, wenn man ein Wort sagt", jammerte Tante Emmeline.
„Mama muß heute Ruhe haben, sonst wird sie ttanE", sagte Hulde mit Thräuen in der Stimme.
„Aber ich muß morgen abreisen und doch kann ich nicht fort, ehe ich nicht genau weiß, tote es hier steht, ob wirklich alles verloren ist. Es ist schrecklich, ich wage es meinem Manne gar nicht zu sagen, was bevorsteht! Herr Gott, hätte ich geahnt, welch ein Faß ohne Boden dieses Leipziger Mietshaus ist, ich hätte nicht mein schönes Geld hier hineingeworfeit!"
Tante Emmeline sank händeringend auf einen Stuhl, der unter ihrer Last ächzte, sie war eine große, dicke Dame, und ihre schwarze Krepphaube war in ihrer Aufregung schief auf ein Ohr gerückt.
„Und ich meinen Sparpfennig!" seufzte Tante Bertha, die ebenso dünn wie lang war und an der stets mit peinlicher Akkuratesse alles gerade saß.
Hulde und Trattte standen blaß und wortlos neben den Tanten.
„Das schöne Gut und das schöne Vermögen —- alles hin!" schluchzte Tante Emmeline, und dann erging sie sich in einer langen, weinerlichen Tirade über das, was geschehen war und über das, was hätte geschehen können«


