Ausgabe 
12.5.1902
 
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Zeit gegeben doch die lag nun so ck wo er mit dem Interesse eines

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altern könne.

Es hatte eine

Unendlich weit zurm

Kindes durchs Schlüsselloch geguckt hatte nach allen Herr­lichkeiten des Sommers, wo er beim Anblick eines Stars im Februar vor Unruhe gezittert hatte. Und jetzt? Jetzt kannte er den Sommer und den Winter auswendig und

Die Witwe.

Kulturgeschichtliche Studien von Oskar Wiener.

(Nachdruck verboten.)

Eines der ansprechendsten Kapitel in der Menschheits­geschichte, lehrreich durch den Schicksalswandel seiner Heldin, ist das Kapitel von der Witwe; die sittliche Höhe eines Volkes spiegelt sich darin und dessen Glaube. Allüberall reißt der Tod des Eheherrn sein Weib aus den gewohnten Lebens­kreisen und überantwortet es einer dunklen Zukunft. Aber diese Zukunft ist nicht überall gleich furchtbar, denn welch eine Kluft in der Auffassung ihrer Witwenpflicht trennt beispielsweise das deutsche Weib von der Inderin. Beide zeigen ja einen edlen Opfermut, doch während die eine in Not und Entbehrung ausharrt, um ihren Kindern den Heim­gegangenen Vater zu ersetzen, überantwortet sich die andere jauchzend den Flammen, um die Seele dem Heimgegangenen Gatten zu einen.

Seltsam und barock ist oft die Art, in der die Witwen- trauer zum Ausdruck kommt. Auf Neu-Caledonien Schwärzen sich die Witwen (wie Dr. Ploß in seinerGeschichte des Weibes" erzählt) den ganzen Körper zum Zeichen eines tiefen Leides mit Ruß, uud malen faustgroß mit Kalk weihe Thränen darauf. Bei manchen Jndianerstänimen jammert das Weib, dem der Gatte starb, einen Monat lang an dessen Grabe und darf ihr Haar nicht kämmen diese Zeit und sich .pEst schmücken. Wenn ein Siuxkrieger starb, versammelte srch noch in den sechziger Jahren der ganze Stamm im

Kreise, und die Witwe, die sich Arm und Beine mit einem scharfen Flintstein verschnitt, lief blutüberströmt und laut jammernd umher. Der Reisende Mc. Kennay berichtet: Ich habe bei den Chippeway-Jndianern mehrmals Frauen mit einer Rolle von Zeug herumgehen sehen. Auf meine Frage, was dies zu bedeuten habe, ward mir mitgeteilt, daß es Witwen wären, die so etwas trügen und daß dieses das Zeichen ihres Schmerzes sei. Es ist für solch eine Frau unumgänglich nötig, ihr bestes Kleid zu nehmen, dasselbe zusammengerollt und mit dem Leibgurt des seligen Herren umwunden, stets mit sich zu führen. Dieses Bündel wird ihr Ehegatte" genannt und man erwartet, daß sie ihm alle Ehren, die der Verstorbene beanspruchen durfte, er­weisen werde."

Ein wahres Matirium haben die Jndianerwitwen in Britisch Columbien zu erleiden. Sie gelten als unrein, und kein Jäger darf sich ihnen nahen; ihr Schatten darf auf niemanden fallen, denn sie bringen Unglück. Die Trauernde darf auch aus keinem fremden Gefäß trinken uud als Kopfkissen und als Lager dienen ihr Dornbüsche. Am Oregon sammelt die Witwe nach der Verbrennung ihres Gatten dessen größere Knochen in einem Behältnis von Birkenrinde, und ist verpflichtet, diesen Korb ein Jahr lang auf dem Rücken zu tragen. Noch merkwürdiger ist das Er­innerungszeichen an den Toten,.das die Mincopie-Witwen aus den Andamanen-Jnseln mit sich Herumtragen müssen. Ter Schädel des Verstorbenen, mit roter Faftbe bemalt und mit Fransen von Holzfasern verziert, wird dort der Witwe auf die rechte Schulter sestgebunden, und sie darf dies Erinnerungszeichen erst ablegen, wenn sie eine neue Ehe eingeht.

Schauerlich war das Schicksal der Hinduwitwen, bevor die indische Regierung mit strenger Hand diese dem Feuer­tode geweihten Geschöpfe zu schützen begann, und noch heute kommen in abgelegenen Gegenden Witwenverbrennungen vor, trotz des englischen Strafgesetzes, das alle Mitwirken- deuwegen Anreizung zum Morde" mit schwerem Ge­fängnis bis zu zehn Jahren züchtigt.

Auch in der nordischen Sage spielt das Witwenopfer schon eine Rolle. Heißt es doch in der Edda:

Schicklicher stiege

Unsere Schwester Gudrun Heut auf den Holzstoß Mit dem Herrn und Gemahl Gäben ihre gute

Geister den Rat Oder besäße sie Unseren Sinn."

Daß bei den Wilden Weiber und Sklaven dem abge­schiedenen Krieger oft mit ins Jenseits solgen müssen, ist bekannt. Bei den Basutho werden beispielsweise, nachdem die Leiche des verstorbenen Gatten verscharrt ist, dessen Witwen mit Knütteln aus dem Grabe totgeschlagen und wenn aus den Salomo-Inseln ein .Häuptling stirbt, so werden seine Frauen während des Schlafes erwürgt, denn es würde für sie und das Gedächtnis des Verblichenen eine Schande sein, eckwa später Männer aus niederen Ständen zu hei- reiten.

Die männliche Selbstsucht, die noch über das Grab hinaus ihre Rechte nicht lassen will, hat das Heiratsverbot für die Witwe eingeführt. So ist es in Indien der Witwe, welche dem Gatten nicht freiwillig in den Tod gefolgt ist, auf das Strengste verboten, eine neue Ehe einzugehen. In Bombay mußten die Engländer die Schließung einer Mädchenschule gestatten, weil die Hauptlehrerin eine wieder- . verheiratete Witwe war. (Dr. H. PloßDas Weib".) 'wer Hindu Mädhowdas erklärt es sehr begreiflich, daß eine Witwe deni Tode und sogar dem durch eigene Hand den Vor­zug giebt, vor dem öden und verachteten Witwenstande: Weder Bäcker noch Schlächter will ihr etwas liefern, kein Grundbesitzer will ihr eine Wohnung überlassen, kein Kutscher will sie fahren; wird sie krank, so will ihr kein Arzt b er­stehen; wenn sie stirbt, so nimmt keiner ihren unreinen Leichnam, um ihn zu verbrennen. Niemand will mit ihr reden, niemand blickt sie an nnd ihre Verfolgung hat nie­mals ein Ende."

Das Gesetz der Menschlichkeit hat aber manchen Vol­kern den Heiratszwang für die Witwen eingegeben. So soll die ihres Beschützers beraubte Frau für sich und ihde Kinder im Bruder des Verstorbenen einen neuen Berater

Eines Sonntagsnachmittags kam der Förster, um nach ihm zu sehen.

Still und hohläugig mit erloschenem Blick lag er da.

Nun, wie sieht es hier aus?"

Thomas machte eine schwache Bewegung mit der Hand und erwiderte nur ein Wort:Abgehackt!"

Es war ein milder Wintertag, und er war zum ersten Male außer Bett. .

In das Sofa zurückgelehnt, ein Kissen im Nacken, saß er da und betrachtete die neuen Möbel, die Erhöhung im Fenster, den Nähtisch.

Er wand sich g,uf seinem Sitze, als wolle er sich einem Fangnetz entziehen, der Kopf fiel ihm aber matt auf die Seite.

Im Laufe des Winters gewann er seine Kräfte einiger­maßen wieder und nahm seine gewohnte Arbeit wieder auf.

Der Frühling kam, er aber sah nicht sein keimendes Leben. Er mußte oft denken, wie früh doch ein Mensch

sehnte sich nur danach, daß es Schlafenszeit werde.

Sein Mut war gebrochen. Nie im Leben würde er den Schmerz verwinden, der in ihm nagte bet dem Gedanken, daß sie nun im Arm eines andern liege, und daß er nie aus dem Sumpf herauskommen würde, jn den ihn der Mangel an Geld hineingetrieben hatte.

Die Schulden hatten sich während seiner Krankheit um mehrere tausend Kronen vermehrt, die holländische Mühle, sein vieljähriger stolzer Traum, würde nie zu etwas anderem werden, als was sie jetzt war ein nacktes Gerippe, das auf dem Hügel stand und aller Welt seine Untauglichkeit verkündete. Die Gebäude auf dem Hofe verfielen, und die Pferde tobten vor Hunger in ihren Ständen. Und dabei wußte er, daß sein Gläubiger den Hof und die Mühle um­schlich, und spürte, um zu wittern, ob die Beute bald schuß­gerecht sei.

Hin und wieder konnte etwas in ihm erwachen, das der alten Freudigkeit glich, gleich den grünen Knospen, die in­folge der ernährenden Fähigkeiten alter Säfte aus einem gefällten Baumstamm zu kurzer Entfaltung hervorsprossen. Dann griff er die Arbeit mit neuem Mut an und konnte eine Ausdauer entwickeln, Ivie in alten Tagen. Wenn er nur Geld hätte, dann sollte das Ganze, weiß Gott, noch einmal gehen!

(Fortsetzung folgt.)