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Er ergriff ihre Hand.
„Ich danke Ihnen ,daß Sie mir geschrieben und mir alles ohne Umschweif gesagt haben! Wie Sie sehen, machte ich mich augenblicklich auf, und merkwürdigerweise begegnete ich ihr gleich in der Stadt."
„Bitte, nehmen Sie doch Platz", bat sie atemlos.
„Danke, ich bin wirklich em wenig müde."
Als er sich gesetzt, seine Handschuhe zierlich auf den Rand seines Hutes gelegt und die Rockschöße mit einem kleinen Ruck heruntergezogen hatte, ganz so, wie sie es sich aus ihrer Kindheit erinnerte, — erzählte er, daß er lange mit seiner Tochter in der Stadt geredet habe, und daß sie sich dahin geeinigt hätten, daß sie mit ihm nach Hause reisen solle .
„Wie mich das freut! Gott sei Lob und Dank!" Ihr Herz lief ihr über. „Herr Pastor, Sie ahnen wohl nicht, daß ich Sie sehr gut kenne?"
„Sie meinen durch Sophie?"
„Nein, Sie sind mein Lehrer gewesen. Erinnern Sie sich nicht, in Mamsell Karlsens Schule?"
Sie dachte, er werde sich zu ihr wenden, ihr die Hände reichen oder dergleichen; er blieb aber steif und ernsthaft sitzen.
„Ich kann mich Ihrer nicht entsinnen."
„Helene Rabe!"
Er schüttelte den Kopf; im selben Augenblick aber zuckte es hinter den Brillengläsern auf. „Rabe! Sind Sie eine Tochter des Redakteurs Rabe?"
„Allerdings."
„Dann entsinne ich mich Ihrer doch, das heißt ich entsinne mich Ihrer voll einer Missionsversammlung, die ich draußen im Walde mitmachte, es ivar mehrere Jahre später. Ich erilinere mich, daß Sie so schön sangen. Wenn ich mich mcht irre, waren Sie mit Ihrem Vetter dort."
„Ja, jetzt erinnere ich mich dessen."
Sie war ganz blaß geworden, endlich sprang sie aus und fragte, ob sie ihm nicht ein Glas Bier anbieten dürfe.
„Nein, ich danke, lieber eilt Glas Wasser."
Eie blieb lange draußen. Als sie wieder mit dem Glase eintrat, lenkte sie das Gespräch auf seine Tochter.
„Ja", sagte er, „ich wiederhole meinen Dank für alles, was Sie an ihr gethan haben."
Es war ein eigenartig trockener Klang in seinem Dank, als wollte er sagen: „Sie habrn ihr gegenüber gehandelt, wie es Ihre Pflicht war."
„Lassen Sie mich Ihnen sagen, Frau Böse, wie sehr es mich freut, daß Sie sich mit dem Herzen das angeeignet haben, was ich Ihnen in Ihrer Kindheit einschärfte."
Sie nahm eine Zeitung und legte sie in lange, schmale Falten zusanrmen. Sie dachte daran, daß er in seiner Jugend mit einem freundlicheren Klang in der Stimme „einschärfte", als wie er ihn jetzt in die Worte legte.
„Es geschieht so selten, daß man die Früchte des Segens aus den Beeten emporsprossen sieht, an denen man gearbeitet hat. Die moderne Jugend läuft lieber hinter der Astartc oder dem lockenden Mondscheinbilde der Wollust her, als daß s ie vor dem Erlöser kniet."
Sie glättete die Papierfalten mit dem Nagel des Daumens. Ein leises Beben ging durch ihren Körper.
„Hätte meine Tochter den Ermahnungen ihres Vaters gelauscht und ihrer Mutter gehorcht, statt sich in den Schltngen des Satans fangen zu lassen, so hätte sie den Herzensfrieden besessen, den Sie haben, während jetzt der Zorn des Herrn schwer auf ihr ruht. "
Die Zeitung entfiel ihren Händen. Sie beugte sich herab, nahm sie auf und fächelte sich damit.
„Ja, ich sehe, daß meine Worte Ihr Mitleid erregen. Das macht Ihrem guten Herzen noch mehr Ehre."
„Ach, die arme, arme Frau Eck, wie ich sie be- daure!"
Er wandte sich verwundert nach ihr um .
„Ich meine Ihre Tochter."
„Sie heißt nicht Frau Eck, liebe Frau Böje, sie ist niemals verheiratet gewesen."
„Das ist doch nicht möglich!"
„Ja, leider ist es möglich. Und ihr Verführer lebt jetzt mit einer andern in Paris."
In einer finsteren Novembernacht fand man einenMann und einen Kutschenbock auf der Landstraße zwischen Ost-
yolmstrup und Kirchholmstrup liegen. Man sah bald, daß es Thomas Rabe wa^ Er war gegen einen Steinhaufen gefahren und hatte sich tm Fall einen spitzen Stein in den Kopf geschlagen.
Dre lange Krankheit, die nun folgte, hatte Elend und Ruckschrrtt tn mehr als einer Beziehung im Gefolge. Der Bau, der schon feit längerer Zeit nicht mehr recht fortae- schrltten war, weil die Handwerker kein Geld bekommen konnten, ruhte jetzt ganz. Die Gesellen in der Mühle und m der Bäckerei rauften sich und thaten, was sie wollten.
Im Bette aber lag ein Mann, der mit Zauberern und Unholden kämpfte.
„Sieh, jetzt kommen sie herangeschlichen mit großen Messern und fetzen sich in die Ecken. Nimm meinen Sabel, Helene — nein, bist Du verrückt! Mir das heiße Plätteisen auf den Kopf zu setzen! Ihr verbrennt mich ja! Ihr martert mich zu Tode. Liebe, liebe Helene, wie kannst Du nur so hart gegen mich sein? Sieh, da ist er mit dem schwarzen Haar! Er faßt sich nach dem Rücken und schlängelt sich heran wie eine Natter. Gieb mir meinen Säbel, ich will ihm jedes Glied in seinem sündigen Körper zerschlagen!"
Am besten wußte seine alte Mutter mit ihm fertig zu werden, sie strich so eigenartig weich über seine Stirn und dämpfte die wildesten Mächte in ihm.
Mit unermüdlicher Seelenstärke saß die alte Frau Tag und Nacht an seinem Lager, sich leise hin und her wiegend und an irgend einer alten Kruste mit demselben Wohlbehagen kauend, müdem ein Hinduweib ihre kalküberstreuten Blätter kaut.
„So, so, lieber Thomas! Sei ein guter Junge und leg Dich hübsch nieder. So, so!"
Es war, als breite ihre Nähe ein mildes Friedenslicht über sein Lager unb scheuche die Nebel, die sein Gehirn verdüsterten.
Das Schlimmste war, daß sie nicht hören konnte, was er sagte. Wenn er um Wasser bat, reichte sie ihm ein Taschentuch, und wenn er seine Kissen ein wenig zurecht- gelegt haben wollte, kam sie mit einem nassen Tuch. Dann wurde er ungeduldig, fing an zu schelten und warf mit den Kissen oder was ihm gerade in den Wurf kam, um sich. Still setzte sie sich hin und sah ihn mit hilflosem Blick an, während eine Thräne nach der airdern in die hohlen Mundwinkel fiel. Dann war er gleich wieder weich. „Die gute alte Mutter!"
Oft, wenn er in der Stille der Nacht die Augen öffnete und ihrem Hellen Blick begegnete, nickte er ihr zu imb drückte ihr die Hand. Lange konnte er mit geschlossenen: Augen daliegen und ihren Atemzügen lauschen, die ihm wie ferne Ruderschläge über einem Wasser her klangen, bis wunderbare Träume seine Gedanken umschleierten und ihn selbst über die breiten Wasser trugen.
Die Krankheit hatte lange in ihm gegärt, der Fall auf den Kopf war nur die äußere Urfache gewesen, die das ließet entfesselte .
Unter der Gewalt des Fiebers verzehrte sich sein Fleisch und seine Kräfte. Eines Tages nahm er einen Spiegeh zur Hand, warf ihn aber gleich wieder hin, um nicht sein Zerrbild zu sehen.
Grau und abgemagert lag er da und starrte in den Herbstnebel hinaus. Er hatte fortwährend eine Vision, als läge der Hof und die Mühle zerstört um ihn her, als ertönten klagende Winde über den Trümmern.
Wer das war nicht das Schlimmste — er war zusammengebrochen, erlegen unter feinem eigenen Schicksal.
Zuweilen konnten die wechselnden Eindrücke sich zu einer Stimmung von Hoffnungslosigkeit sammeln, wie man sie empfindet, wenn man nach einem bilderreichen Traum erwacht, der uns alles das vorgegaukelt hat, wonach sich das Herz sehnt, und was man doch nie erreicht.
Ewig umkreisten seine Gedanken Helene. Anfänglich hatte er geglaubt, daß er wohl die Kraft besitzen würde, seinen Weg allein zu gehen — oder auch, er würde eine andere Frau finden; aber je mehr Zeit verging, desto klarer! wurde es ihm, ioie teuer sie ihm gewesen.
Ruhig und liebevoll stand sie in der Erinnerung vor ihm iüie ein fernes Traumbild. Die Einbildungskraft schmückte sie mit einer Vollkommenheit aus, wie sie sie nie besessen, alles, was in ihm an Sehnsucht nach Gluck war, zog ihn zu ihr hin; sie aber zog sich immer weiter zurück, winkte mit der Hand und schüttelte den Kopf.


