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eingetauscht, und dafür 50 Pfennig Aufgeld bezahlt. Ecklich ließ die Sache vorläufig fallen, aber noch am selben Abend ging er in den „Anker", sich zu erkundigen, und stellte dort zur Evidenz die Unwahrheit der Behauptung Hallwebers fest.
, Als er am nächsten Morgen seine Leute über ihre verschiedenen Missionen informierte, teilte ihm der Lehrung mit, Hallweber wollte sich heute abend nach erfolgter Lohnauszahlung davonmachen. Er habe geäußert, er brauche sich nicht zum Diebe machen zu lassen, und da eS gerade Lohntag sei, wolle er den Staub der Stadt von den Stiefeln schütteln. Ecklich sah Gefahr im Verzüge, allerhand sonderbare Ideen waren während der Nacht in ihm aufgestiegen, er begab sich zum Polizei- Jnspektor und teilte ihm seine Wahrnehmungen mit. Haltweber, erklärte er, sei ein boshafter Mensch, dem eine niedrige Handlung wohl zuzutrauen sei, und der auch seinen Kollegen schon mehrere niederträchtige Streiche gespielt habe, weshalb er ihn längst entlassen hätte, wenn die Arbeit nicht so drängend gewesen wäre. Der Bursche habe sich nun anfangs eifrig um Paulines Gunst beworben, sie habe ihn jedoch bös abfallen lassen, und es fet durchaus nicht ausgeschlossen, daß er sich durch eine Schurkerei an ihr gerächt, und das Geld in ihrer Kammer versteckt habe. Wie er sich freilich in dessen Besitz zu setzen in der Lage gewesen, begreife er nicht.
Ter Inspektor ließ sofort den Gehilfen holen. Anfangs stellte dieser trotzig jede Schuld seinerseits in Abrede, als er jedoch aufgefordert wurde, über die Herkunft der Kaiser Friedrich-Münze authentischen Aufschluß zu geben, verwickelte er sich in Widersprüche, und zuletzt gestand er kleinlaut ein, daß er wirklich der Dieb der ..Geldrolle fet. Er war an jenem Tage nach Hause ge- um den Meister wegen der Vollendung einer Arbeit zu fragen. Um den Weg abzukürzen, ging er durch oen Garten, dessen hintere Pforte nur eingeklinkt war, und trat an das offene Kontorfenster, um von diesem aus den Meister, den er in seinem Bureau glaubte, zu fragen. Da sah er denn, daß Ecklich nicht anwesend sei, er 1 ah das viele Geld liegen, und Pauline, die eben im Kuntor gewesen, dasselbe gerade verlassen. Eine teuflisch« Gedankenverbindung wurda dnrch ihren Anblick hervor- gernfen. Der nichtswürdige Hallunke gedachte der „dummen Trine" etwas einznbrocken. Sie sollte aus dem Hause gejagt werden, auf weitere Folgen seiner Schurkerei rechnete er nicht. Er hielt sorgfältig Umschau — niemand bemerkte ihn. Gewandt kletterte er in das Zimmer, nahm die ihm zunächst liegende Geldrolle an sich, dann retirierte er eiligst, schlich zur hinteren Gartenpforte wieder hinaus, betrat das Haus des Meisters durch den vorderen, den gewöhnlichen Eingang, schlich die zwei Treppen zu Paulines Kammer hinauf, und versteckte das Geld in dem an der Wand hängenden Hute. Das obenauf liegende Kaiser Friedrich-Zweimarkstück, das ihm in die Augen stach, behielt er, und setzte ein anderes altes an seine Stelle, da er nicht glaubte, daß der Meister um das Vorhandensein des Zweimarkstücks wisse. Ebenso vorsichtig tvie er gekommen, schlich er wieder hinunter und kehrte zu seiner Arbeit zurück. Hätte ihn jemand gesehen, so konnte immer noch kein Verdacht auf ihn fallen, da sich dre Kammer, welche er mit seinem Kollegen bewohnte, ebenfalls oben befand. Als er bald daraus von der Kaiser Friedrich-Münze hörte, ivagte er nicht die {einige auszugeben; erst an jenem Abend, als das genossene Getränk ihn die Dinge leichter ansehen ließ, und die lauge Zeit die Gefahr ausgelöscht zu haben schien, tonnte er, der gern trinken wollte, und kein anderes Geld mehr besaß, der Versuchung, das Geldstück einzuwechseln, nicht widerstehen. An der Thür erst, sodaß der Meister das Stuck nacht sehen konnte, drückte er es dem Lehrling in dre.Hand, der würde es gar nicht anschauen, und ihm eaufach den Ueberfchuß zurückbringen.
Ein Zufall — oder war es mehr als Zufall? — fügte es, daß der Lehrling das Geldstück zurückbrachte, und auf daese seltsame Weise die Unschuld der armen Pauline fi1!_ den Tag kam. Das unglückliche Mädchen hatte nur aus Furcht vor der Polizei, und weil man sie eingeschüchtert, ihr falsches Geständnis abgelegt; ihre Vorstrafe ängstigte sie, sie wollte nicht, daß jemand davon erführe, und fürchtete, wenn man sie zur Polizei bringe, werde
drese ihr wegen des früher verübten Eigentumsvergehens keinen Glauben schenken. Natürlich erhielt sie sofort ihre Freiheit zurück, und von dem Meister Ecklich eine reichliche Entschädigung, den frivolen Gehilfen aber verurteilte das Gericht zu der exemplarischen Strafe von 1 Jahr Gefängnis!
Sinn sagen Sie selbst, meine Herren: wie hätte nach Lage dieses Falles die Wahrheit an den Tag kommen können, wenn sich nicht der merkwürdige Zufall mit der Kaiser Friedrich-Münze ereignet hätte?"
Der Einfluß des Willens.
(Nachdruck verboten.)
In einem Klub stritten sich zwei Herren über Willens-, kraft. Der eilte, der alle Welt mit seinem gehaltlosen Geschichten langweilte, behauptete,-sein Wille sei stärker, als der seiner Freunde.
„Ta sind Sie im Irrtum", erwiderte ein phlegmatischer Rentier, „und ich will es Ihnen beweisen. Sie stellen sich in eine Ecke und ich will, daß Sie auf meinen Befehl wieder hervorkommen. Sie wollen mir nicht gehorchen, aber ich wette, daß Sie ans der Ecke kommen, bevor ich es Ihnen znm zweiten Male befehle."
Ter andere nahm die Wette an und stellt« sich in die Ecke.
Ter Ruhige rief nun mit befehlender Stimme: „Kommen Sie wieder hervor!"
Ter andere lachte und schüttelte den Kopf. Der Rentier setzte sich und sah ihn ununterbrochen an. Fünf Minuten vergingen, und dann sagte der Manu mit dem starken Willen mit höhnischem Lächeln:
„Mollen Sie es nicht lieber anfgeben? Ich fühl« noch nicht den geringsten Einfluß, und ich kann doch nicht den ganzen Ilbend hier stehen."
„Ich habe durchaus keine Eile", sagte der Phlegmatiker, „und ich sitze hier ganz bequem. Unsere Zeit ist unbegrenzt; aber ich glaube, Sie werden es borziehen, aus Ihrer Eck« herauszukommen, bevor ich Sie zum zweiten Male auffordere. Und da ich nicht die Absicht habe, dies vor Verlauf von acht Tagen zu thun, werden Sie meinen Einfluß auf Ihre Willenskraft inzwischen schon verspüren."
Ter Eingebildete kam aus seiner Ecke heraus und machte ein sehr wenig schlaues Gesicht.
S ch a ch a n f g a b e.
Bon F. Beckers, Demmin.
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abcdef g h
(Nachdruck verboten.) abcdef g h
Weiß. (8 + 3)
Weiß zieht an und setzt mit dem vierten Zuge matt. (Auflösung in nächster Nummer.)
Atlflösung der Geheimschrift in vor, Nr.: Am besten machst du gleich Dein Ding im Anfang recht. Nachbefferung macht oft
Halbgutcs völlig schlecht. (Rückert.)
W wohlfeiles Schachspiel "W für 20 Pfennige
zu haben in der Geschäftsstelle der Gießener Familienblätter,
Redaktion: I. V.: R. Dittmann. — Rotationsdruck und Bcrlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch.und Cttindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


