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Ms dann gegen zehn Uhr der Dampfer in Rinteln eintraf, nahm Loßberg von seiner Reisegefährtin auf einige Tage Abschied mit den leise gemurmelten Worten: „Auf Wiedersehen in drei Tagen!"
Für kurze Zeit war er in Versuchung gewesen, seine Fußtour aufzugeben, den Dampfer nicht zu verlassen und mit Hella die Reise bis nach Minden fortzusetzen. Doch bald besann er sich eines andern. Nein, es war besser, bei der Verabredung zu bleiben. Die Tage, die bis zu der verabredeten Begegnung dazwischen lagen, dienten zu ruhiger Sammlung, und die spannende Erwartung des Kommenden bedeutete für ihn auch ein Glück.
Die nächsten Stunden verflossen Hella wie im Traum. Ein sonniger Strahl war in ihre Seele gefallen. Loßberg hatte vergeben. Die Schuld war ausgetilgt, die so lange und schwer auf ihr gelastet. Wie segnete sie jetzt diese Begegnung, welche ihr anfänglich so unsagbar peinlich gewesen und die alten Wunden aufs neue bluten gemacht. Hatte sie bisher die Frage noch zweifelnd bei 'sich erwogen, ob es auch rötlich sei, das Loßberg gegebene Versprechen des Zusammentreffens aus der Paschenburg zu halten, so sagte sie sich nun: Warum nicht? Zwei so alte, gereifte Menschen können sich das wohl um der alten Freundschaft willen erlauben. Was ist denn auch weiter dabei? Ein paar Stunden gemeinsamen Schauens und Ge- nießens — und unsere Wege trennen sich wieder, vielleicht auf Nimmerwiedersehen. Warum also durch kleinliche Philisterei sich um ein paar gliickliche Stunden bringen, die wahrscheinlich nie im Leben wicderkehrten. Und als sie dann am dritten Tage nach ihrer Trennung an dem verabredeten Ziel anlangte, da trat Loßberg ihr am Schlag ihres Wagens entgegen, und half ihr beim Aussteigen.
Keine Verlegenheit auf beiden Seiten, nur ein großes, unbeschreibliches Frohgefühl leuchtete aus beider Blicken.
Dann führte sie Loßberg zu einem längst reservierten Platz, der einen köstlichen Rundblick gestattete, und wo ein sorgsam gedeckter Tisch ihrer harrte.
„Nun schauen Sie um sich, gnädiges Fräulein, und sagen Sie, ob ich zu viel versprochen, als ich Sie auf diesen Bergesgipfel hinwies?"
Hella stand lange stumm, ihre Hände hatten sich unwillkürlich gefaltet, sie konnte sich nicht losreißen von dem wunderbar lieblichen Bilde, das Herz und Sinne gefangen nahm. In Paradiesesschöne, ein Eden friedlichen Gedeihens, in dessen blühenden Gefilden nur glückliche Menschen wohnen konnten, so sonnenverklärt, so traumhaft schön lag die Gegend vor ihren entzückten Blicken.
„Hier möchte man Hütten bauen und glücklich sein", sagte Hella.
Loßberg, der sie unablässig beobachtet hatte und mit freudiger Genugthuung den Zauber bemerkte, in welchem oiese herrliche Naturschönheit Hella gefesselt hielt, hatte die Worte verstanden.
„Ja, glücklich sein", wiederholte er, „in schöner, friedvoller Umgebung, das erscheint auch mir als das höchste Ziel menschlicher Wünsche. Aber vergessen wir über den: Idealen nicht das Prosaische, unserem Körper Notwendige."
Er entkorkte eine Flasche und goß den perlenden Wein in die bereitstehenden Gläser, hob sein Glas empor, und Hella tief in die seelenvollen Augen blickend, sagte er bedeutsam: „Auf ein großes, unendliches Glück!" trank sein Glas leer bis auf die Neige und warf es gegen einen Baumstamm, wo es zerschellend niederfiel.
Für einen Augenblick schloß Hella die Augen. Nebel umwehten ihre Sinne. Was sollte das heißen — war es möglich, daß Loßberg — ?"
Doch weg mit allen grüblerischen Gedanken, und genießen, was die Stunde bot — wie bald würde sie verrauscht sein. —
„Herr von Loßberg", hob sie nun gehaltenen Dones an, „Sie sind mir noch Bericht über Ihr bisheriges Schicksal schuldig, wie ist es Ihnen in all den verflossenen Jahren ergangen?"
Einen Augenblick war es, als male sich leichte Enttäuschung aus seinem Gesicht, dann aber, als er Hella nochk- mals zu Speise und Trank genötigt, entgegnete er offen und frei: „Gut und schlecht, wie das ja wohl in jedem Menschenleben vorkommt, nur daß bei dem einen das, Gute,
sich. „Hellch en?"
konnte.
(Schluß folgt.)
Sie neigte stumm das Haupt.
Er faßte ihre Hände und zog sie an sich „Hellch wollen wir es neu und schöner erstehen lassen?
Sie war noch immer keines Wortes mächtig, nicht int stände, ihre Gefühle zu sondern. Was stürmte nicht alles auf sie ein. All die Schmerzen vergangener Tage wuroen aufgewühlt unter feinen Worten, ihr schwankender Glaube an ihn, den sie sich selber nie vergeben und der ihn so vollständig alle Brücken abbrechen ließ, daß kein ®ebim$e eines sich Wiederfindens und Vergebens je auskommen
bei dem andern das Böse das Uebergewicht hat. Nachdem ich nach unserer damaligen Trennung über ein Jahr ruhe- und friedlos dahingelebt, bald in völliger Zurückgezogenheit von allen weltlichen Freuden und Genüssen, dann wieder mich hineinstürzend in die Welt des Genusses, mich zu betäuben — zu vergessen, heiratete ich, hoffend, daß durch die stete Gegenwart eines lieblichen Wesens den ruhelosen Wanderer ein Heimatgefühl überkommen würde. Es sollte nicht sein. Nur ein großer Fel war es und eine neue Schuld, die ich damit auf mich h...
„Das junge Weib sah in mir ihren Abgott, sie war ein Kind an Unschuld und Reinheit. Aber das Kind konnte dem geprüften, nnd in Schmerzen gereiften Manne, der ein anderes Ideal in seinem Herzen getragen, nicht bte sein innerstes Wesen verstehende Gefährtin sein. Ich hatte mir das anders gedacht, geglaubt, gerade in ihrer Jugend eine Gewähr künftigen Glückes zu besitzen. Das war eine falsche Rechnung; ich hatte vergessen, daß Jahre darüber vergehen müssen, ehe das Kind zum selbstbewußten Weibe reift.
„Sie aber konnte aus der Kindheit nicht heraus, und da, wo ich ein mich verstehendes, mir gleichdenkendes Wesen suchte, fand ich ein Kind mit kindlichen Ansichten nnb manchmal auch kindlichem Trotz.
„Die arme, junge Frau, sie hat ihre fteudlose Ehefessel nicht lange zu tragen gebraucht. Kaum em Jahr nach unserer Verheiratung wurde unsere Ehe durch, ihren frühzeitigen Tod wieder gelöst und das Kind, das sie nnr geschenkt, in einem Sarg mit ihr zu Grabe getragen."
Eine lange Pause war nach dieser Schilderung einer so traurigen Vergangenheit eingetreten. Keiner der beiden Menscyen wagte die Pause zu unterbrechen.
Hellas Blicke schweiften in die Weite, als suchten sie in der Ferne etwas Verlorenes, während Loßbergs Augen nicht von ihr ließen und ihre innersten Gedanken zu er-, forschen fucyten.
Endlich ward Hella die Pause zu drückend, und indem sie den verlorenen Blick wieder ihrem Gegenüber zuwandte^ fragte sie mit leiser Stimme: „Haben Sie nie versucht, die Lücke wieder auszufüllen, kein anderes Werb m Ihr verödetes Heim geführt?"
Loßbergs Blick ruhte mit einem Ausdruck auf ihr, der! Hella erbeben machte. Sie bereute die ungeschrckte Frage, die sie in eine peinvolle Lage gebracht hatte. Nun war ihr einziges Sinnen, rasch einen unverfänglrchen Gesprächsstoff herbeizuführen, um dieser ein Ende zu bereiten.
Wer wie das meist geht. Je peinvoller solch eine Verlegenheitspause empfunden wird, und je rastloser man sucht, dieser durch eine vassende Redewendung em Ende zu machen, je weniger ist das Hirn im stände, eswa^ Passendes zu finden, das diese peinliche Situation verkürzt. Entweder wird etwas recht Dummes gesagt, oder man schweigt sich eben aus. Auch Hella marterte vergebens! ilr Hirn um eine passende Gespräch sw endung. Da weckte Loßbergs Stimme sie aus ihrem qualvolleir Suchen. „Hella!"
Es waren nur die beiden Silben, nur ihr Name. Doch noch nie so von seinen Lippen gesprochen, und sie wirkten auf sie mit unwiderstehlicher Gewalt, Aus den Augen der Einsamen brachen Thränen. Loßberg sah das zuerst mit Erschrecken, gleich daraus aber ging em Leuchten,durch seine Züge. Er faßte ihre Hand. „Hella, trauern Sie um verlorenes Glück?"


