Ausgabe 
12.2.1902
 
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Aschermittwoch.

Novellette von Edmund Handtke.

(Nachdruck verboten.)

Wagen auf Wagen rollte vor der festlich erleuchteten Villa des Kommerzienrats Holzendorff in der Der gart en- «vor, und eilfertig verschwanden die Insassen derselben m geräuschlos sich öffnenden und schließenden Portal.

Fastnacht! Mit einer prunkvollen Festlichkeit sollte dre Saison geschlossen werden, denn schon am nächsten Tage gedachte der Kommerzienrat mit seiner jungen Gattin nach Nizza abzureisen, um sich dort die Erholung zu gönnen, die er im Laufe des Winters nicht gefunden. Er fühlte sich müde, ruhebedürftig.

Wer für heute war an ein Ausruhen nicht zu denken. Immer mehr Gäste erschienen, und die Pflichten des Haus­herrn nahmen ibn völlig in Anspruch.

Noch einmal gab! sich heute, wie schon so oft im Laufe des nun zu Ende gehenden Winters, die Aristokratie deM. Geburt, des Geistes und des Geldes ein Stelldichein in den gastlichen Räumen, die jahrelang verschlossen gewesen und sich erst nach Einzug der neuen Herrin dem Leben, der Geselligkeit wieder erschlossen hatten.

Der Kommerzienrat, ein noch recht stattlicher Herr, dem es niemand anfah, daß er die Fünfzig bereits über­schritten, war nach fünfjähriger Witwerschaft zum zwecken Male vor den Traualtar getreten. Er hatte feine jetzige Gattin im Sommer gelegentlich eines Badeaufenthaltes in Heringsdorf kennen gelernt und sich von dem heiteren, lebensfrischen jungen Mädchen derart gefesselt gefühlt, daß er schon nach mehrwöchiger Bekanntschaft um ihre Hand anhielt.

Erna von Brunneck war die Tochter einer verarmten adligen Familie, die den vielfachen Millionär natürlich mit offenen Armen aufnahm; brachte diese Verbindung doch für sie die Befreiung von mitunter recht drückenden Sorgen. Die Hauptbeteiligte stimmte jedoch in die Freude ihrer Angehörigen keineswegs ein; erst nach schweren Kümpfen, und von ihren Eltern unablässig gedrängt,, ent­schloß sich Erna, dem alternden Manne ihre Hand zu reichen. Bedeutete dieser Schritt doch für sie die Einsargung ihres Zugendtraumes von Liebe und Glück.

War es auch zwischen Erna von Brunneck und ihrem Vetter Hans zu einer bindenden Aussprache noch nicht ge­kommen, so betrachteten beide es doch nur als Frage der Zeit, die Einwilligung ihrer Eltern zu ihrem Herzensbünd- Nis einzuholen. Vor den Augen der Eltern fanden jedoch die Millionen des kommerzienrätlichen Freiers mehr Gnade, als der adlige Name des- mit irdischen Gütern gleichfalls nur mäßig bedachten Leutnants.

Von der Hochzeitsreise zurückgekehrt, war die junge Frau in den ersten Wochen wie geblendet von dem Glanz Und Reichtum, der ihr überall im Hause ihres Gatten entgegentrat. Mit vollen Zügen genoß sie die bisher un- hekannten Annehmlichkeiten des Reichseins'. Es bereitete ihr großes Vergnügen, in eigenem Wagen, der Hochzeits- aabe ihres Gatten, durch die Straßen der Hauptstadt zu fahren, und in den ersten Geschäftshäusern nach Belieben einkaufen zu können, ohne sich um die Bezahlung irgendwie kümmern zu müssen. Holzendorff verlor kein Wort über diese ost recht kostspieligen Launen. Nach einem kurzen, Aufflammen der Leidenschaft hatte er sich wieder in ferne hergebrachten Gewohnheiten emgelebt, und der nüchterne, trockene Geschäftsmann gewann in ihm die Oberhand.

Ein beschauliches Stillleben war aber keineswegs nach dem Wunsch der vor Lebenslust glühenden jungen Frau. Sie verstand es, ihr Haus in kurzer Zert zum Mittelpunkt eines anregenden geselligen Verkehrs zu machen. War es an­fänglich nur die Freude am Leben und am Genießen, die sie von einem Vergnügen zum andern trieb, so änderte sich dies, als ihr auf einer Festlichkeit im Hause eines Geschäfts­freundes ihres Mannes, welche sie in Gemeinschaft mit diesem besuchte, unvermutet Hans von Schmettow, ihr Zugendgeliebter, begegnete, der zur Dienstleistung bei der Kriegsakademie nach Berlin kommandiert war.

Wohl verrieten beide weder durch Worte noch Gebärden die innigen Beziehungen, die zwischen ihnen obgewaltet, die gegenseitige Begrüßung fand genau in denjenigen Grenzen statt, die das entfernte Berwandtschafitsverhältnis gestattete. Wer das Aufleuchten seiner dunklen Augen, die mit verzehrendem Feuer auf ihr ruhten, klärten Erna

darüber auf, daß die Vergangenheit keineswegs für immer begraben.

Holzendorff hatte von der Jugendthorheit seiner Frau, wie er es nannte, oberflächlich Kenntnis erhalten, derselben aber nicht die geringste Bedeutung beigelegt. War doch nach seinen Lebensanschauungen nichts so hinfällig und leicht zu überwinden, als das, was junge Leute erste Liebe nennen. Gleichsam als Bekräftigung dieser seiner Ansicht kam er dem jungen Manne mit unbefangener Freundlichkeit entgegen und sprach den Wunsch aus, ihn öfters bei sich zu sehen. Seiner leidenschaftslosen Denkweise entsprechend, hielt er das Einst für längst vergessen, kam es ihm gar nicht zum Bewußtsein, daß der Götterfunken erster Liebe unter der Asche noch sortglimmen könne .

Leutnant von Schmettow machte von der Einladung Holzendorffs öfters Gebrauch, und bald war er ständiger Gast im Hause des Kommerzienrats. Erna verstand es, trotz dieser häufigen Begegnungen jedes Alleinsein mit Hans zu vermeiden, das Pflichtgefühl trug über das dem Geliebten entgegen schlagende Herz den Sieg davon. Aber trotzdem es noch nie zu einer die Grenzen guter Sitte überschreiten­den Aussprache gekommen, sagte beiden doch die stumme Sprache der Augen deutlicher als Worte, daß es nur eines Anlasses bedürfe, um die durch Herkommen und Pflicht aufgerichteten Dämme zu durchbrechen. Mit gleicher Deut­lichkeit fühlten beide aber auch, daß sie nicht lange mehr die Kraft besitzen würden, diesen Schrecken ohne Ende zu ertragen.

Seit dem ersten Zusammentreffen mit dem Zugend­geliebten lebte die junge Frau wie in einem Taumel dahin, von Vergnügen zu Vergnügen eilend, um die mahnende Stimme in ihrem Innern zu übertönen, das leidenschaftlich verlangende Herz nicht zur Befinnung auf sich selbst kommen zu lassen. Jedoch vergebens, die einmal angefachte Flamme ließ sich nicht mehr ersticken, die Natur erwies sich stärker als das haltlose Gebäude künstlicher Schranken.

Auch zur heutigen Fastnachtsfeier war Hans von Schmet- §ow mit einer Einladung bedacht worden, und er hatte nicht gezögert, ihr Folge zu leisten.

Nehmen Sie sich meiner Frau ein bischen an, lieber Schmettow!" begrüßte ihn der Hausherr mit jovialer. Freundlichkeit.Wie Sie ja wohl wissen, tanzt sie leiden­schaftlich gern, während mich die zunehmende Bequemlich? keit von diesem Vergnügen der Jugend fernhält."

Ich will versuchen, Ihre Stelle bei meiner Base nach besten Kräften zu vertreten, Herr Kommerzienrat!" eNt- gegnete Hans, aus den scherzenden Ton Holzendorffs ein­gehend.

Bald schwebten die Leiden jugendschönen Gestalten iM Tanze dahin. Wie in seliger Selbstvergessenheit schmiegt« sich Erna an die Brust des Geliebten.

Verwirrt, erschöpft hielt sie endlich inne.

Laß uns für einen Augenblick in den Wintergarten treten, Hans. Er wird gegenwärtig menschenleer sein, und ich bedarf kurze Zeit der Ruhe."

Er bot der jungen Frau den Arm, und geleitete fte hinaus. Müde ließ! sich Erna auf eine Ruhebank gleiten und schloß wie betäubt die Augen. Wie in tiefem Mitleid ruhten die Blicke des jungen Offiziers auf ihr.

Heftig sprang sie empor.

Sieh mich nicht so an, Hans, ich ertrage es nichts rief sie mit bebender Stimme.Ich fühle es wohl, Du verachtest mich, aber bei Gott, Du hast keinen Grund dazu! Nicht die Sucht nach Glanz und Reichtum fetteten mich an den alternden Mann. Nur um dem unaufhörlichen Drängen der Eltern zu entgehen, die mir das Leben zur Hölle machten, entschloß ich mich zu dem verzweifelten Schritt, den ich jetzt schon so oft und so tief bereut habe. Wenn ich jedoch auch ein wärmeres Gefühl für meinen Gatten nicht hegen kann, meine höchste Achtung kann ich ihm nicht versagen, und schon aus diesem Grunde darf und will ich der Welt nicht das Gesicht einer unglücklichen Frau zeigen, muß ich meine Rolle so gut wie möglich spielen. Um so schmerzlicher ist es also, gerade von Dir verkannt zu werden." m .

Heftiges Schluchzen verschlang ihre letzten Worte.

Hans führte die Weinende Mr Bank, ließ sich ,neben ihr nieder und barg ihr Haupt an seiner Brust. Sie heg es widerstandslos geschehen.

Thörichtes Kind!" sagte er leise, glaubst Du wirklich, Hätz sich innige, treue Liebe so schnell in das Gegenteil!