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„Wer ist das?"
„Ein Heiliger! Bei seinen Fußwanderungen durch das ganze heilige Rußland hat er Dimitri in der fernen Garnison gesehen und ihm versprochen, mir seine Mitteilung zu überbringen — mir allein: Der Heilige spricht nicht mit jedermann, und fragen darf man so einen Jnrodiwyh*) nicht- Mich, die er seit langem kannte, da der Sohn des Dorfältesten aus meinem Geburtsdorfe ist, mich hielt er feiner Rede würdig, mir überbrachte er deshalb aus freien Stücken genau Dimitris Worte und der Nina nur viel« Grüße. Sie und das Dorf erfuhren dadurch erst, daß sie eine Soldatka geworden; denn wir wußten bis dahin nicht einmal, daß Dimitri rekrutiert worden- Gr war nur mit dem Bärin verschollen!"
„Und Alexis Ornatoff schmachtet nun wirklich in Sibirien schuldlos verbannt? Wie i*ft| solches nur auf einen Verdacht hin möglich? Warum rettet man ihn nicht? Warum sucht man nicht den wirklichen Mörder? O, Eudotja! Sie wissen mehr darüber!"
„Vielleicht weiß ich's", versetzte die Greisin abbrechend, „doch was könnten meine Worte nutzen, glauben würde man mir doch nicht!"
„Warum nicht?"
„Vielleicht weil man den Schuldigen nicht finden will!"
Clarita wandte die Augen nicht von der Alten- „O, Eudotja — so schlecht kann hier doch — niemand fein?"
„Es ist schon mancher schlecht geworden, sobald sein eigenes Interesse in die Wagschale fiel-"
„Wer könnte denn ein Interesse daran haben, den Schuldigen zu schützen?"
Diesmal blieb eine orakelhafte Antwort aus; di« Greisin starrte stillschweigend vor sich nieder-
„Wie!" — wiederholte Clarita, sich über die heiße Stirn fahrend; denn in ihrem Gedanken leuchtete jäh ein grelles Licht auf. Die alte Eudotja half ihr auf eine Spur, vor der sie doch noch zurückbebte. — „Wer könnte ein Interesse an Alexis Verbannung haben-"
„Die, denen sie Nutzen, Vorteil brachte!"
„Und wem brachte sie Nutzen?"
„Feodor Iwanowitsch ! Er ist dadurch der einzige Erbe seines Väterchens — der Bärin von Ornatoffsko!"
„Feodor! Der Knabe!" rief Clarita außer sich- „O, sein Herz, seine Seele kennt keinen Falsch!"
„Sie haben Recht, Barischni, seine Seele ist unschuldig, sein Herz arglos,, er denkt nicht an seinen Vorteil- Ander« aber mögen es für ihn thun und gethan haben — indes! schweigen wir davon, Barischni! — Ich könnte mich noch Um den Hals sprechen; kein Wort kommt nun mehr über meine Lippen."
Dabei blieb die Alte. Kein Versuch, die Unterhaltung weiter zu spinnen, glückte, und Clarita mußte vorläufig davon abstehen- Tie Greisin sah ermüdet, von der tiefen Aufregung erschüttert aus- In ihren Augen leuchtete ein eigenes Licht, sie mochte sich bei dem langersehnten Genuß i— leidenschaftlichen Aussprechens — weiter haben fortreißen lassen, als sie selber gewollt, und es ihr nun lieb lein, daß ihr Besuch aufbrach, welches aber nicht hinderte, daß die beiden als Freundinnen schieden. Am liebsten hätte Clarita die Greisin umarmt, mit solcher Wonne hatte deren felsenfestes Vertrauen an Alexis' Unschuld sie erfüllt- Eine unsagbare Wohlthat, stille Seligkeit lag für die junge, vereinsamte, angsterfüllte Frau darin, sich sagen und wiederholen zu dürfen: So ist auf seiner Heimstätte Alexis doch eine Seele treu geblieben, eine, die fein Andenken unbefleckt hält- Ter alten Matuschkä Vertrauen und Treue rührte sie tief, ebenso befremdete es sie aber, wie verhältnismäßig obenhin die Alte von ihrem eigenen, verlorenen Sohne sprach. Höchstens nannte sie ihn den „armen Dimitri" und hatte sich damit völlig genug gethan, während sie nicht Schmeichelnamen genug zu finden wußte für das fremde Kind, dessen Pflegerin sie gewesen in längst vergangener Zeit, und das chr ungleich teurer schien, wie das eigene-! An dem jungen Bärin hing eben ihr ganzes Herz.
*) Ein durchs Land ziehender, bei dem russischen Volke hochan gesehener Fanatikers
XIX.
Das alle Stammhaus.
Klage nicht
den Himmel an, wenn er zu strafen zögert; Tem Ungewitter gleich, das auf sich türmt, Wird sein Gericht nur um so-strenger sein-
Webster.
Tie Nacht hatte ihr Reich begonnen; wieder umfing, tiefe Ruhe die Erde und ihre müden Bewohner. In demj alten Herrenhaus von Ornatoffsko lagen bereits alle in tiefem Schlafe. Nur eine wachte. Mlein in ihrer Stube! sah Clarita noch auf, di« Nacht lag noch lange vor ihr- schlafen konnte sie ja doch nicht; denn alles, was sie gestern und heute vernommen, lieh ihre Gedanken nicht zur Ruhe! kommen. Dabei war ihr das Herz so voll und schwer, daß sie zuweilen sich aufrichten mußte, um nur wieder einmal frei und tief . atmen zu können- Sie wußte es selbst kaum, wie sie all die Qual und Aufregung der! letzten Tage überstanden, ohne ihr Geheimnis zu verraten,; Mas hatte man ihr nicht alles von Wexis erzählt — ihr, seiner Gattin! Und sie hatte dabei gesessen und zugehört, als ob es sich um einen Fremden handele, dessen trostloses Geschick jedes mitfühlende Herz ergreifen mußte-; Aber die Gewalt, die sie sich angethan, brach in dem Momente zusammen, wo sie sich allein fand mit ihrem Schmerz, jetzt war sie nichts als ein verlassenes, hilfloses! Weib — die trostlose Gattin eines Verbannten- — Alexis! lebte, er siechte hin in den sibirischen Minen- Die alt« Eudotja hatte die Wahrheit gesprochen; davon fühlte Clarita sich überzeugt, fajst jedes Wort der Greisin erweiterte« ihren Blick in die Vergangenheit. Wie richtig und bedeutungsvoll war insbesondere nicht deren Ausspruch gewesen r „Ein Kind glaubt leicht, und Feodor ist ein Kind!" Offenbar! hatte man den Knaben getäuscht und gestrebt, dem ganzen; traurigen Vorgang ein möglichst schnelles Berges,en zu sichern. Aber gerade dieses Streben, sprach eS nicht für etwas/ was verborgen bleiben sollte? Fürchtete man den Verbannten, daß man es sicherer fand, ihn zu den Toten zu zählen, statt die Untersuchung nach dem Schuldigen frei; ehren Weg nehmen zu lassen? Warum schützte man diesen und ließ einen Schuldlosen büßen? Wer endlich konnte« den Mord verübt haben?
Ein grelles Streiflicht warf in diese Gedankenrichtung Eudotjas zweite rücksichtslose Andeutung, deren Sinn nicht geheimnisvoll genug war, um — doch vor der notwendigen Folgerung schauderte Clarita zurück. War es möglich? Wales denkbar? Nein, nein, die kleine zarte, juwelengeschmuckte Hand, die so manchesmal beim vierhändigen Spiele dicht neben der ihren graziös über die Tasten geglitten war —i die hätte nimmer die Kraft gehabt, einen Dolch zu führen/ mit einem sicheren Todesstoß ein blühendes Leben zu enden.; Und doch — verstanden in ihrer fernen eigenen Heimat nicht spanische Frauen sehr wohl ein Stilet zu gebrauchen- wenn sie haßten? Der Haß führt eben zu Unglaublichem.; Und Wera Sergewnasie hatte Wladimir Ornatoff gehaßt-; Sie, Clarita, wußte dies recht gut aus gelegentlichen Er-, zählungen ihres Gatten, der mehr als einmal erwähnt hatte, wie- wenig hold seines Vaters zweite Frau ihm selber fei, wie geradezu feindselig sie und Wladimir sich jedoch gegenüber ständen- , al
Gerade jener Wladimir war aber nun durch seines Vaters Tod Familienoberhaupt, Barm auf Ornatoffsko ge-i worden, vor dem selbst Wera Sergewna sich beugen mußt--; Beugen! Nein, das verstand jene stolze, ehr- und herrsch-, süchtige Frau nicht, nein, eher, viel eher —
„O Himmel!" stöhnte die in solches Sinnen Verloren« leise, „zu welchem Argwohn komme ich? jene Frau für die Schuldige zu halten!" •
Tie Schuldige — ja sie ist's, flüsterten die jagenden! Gedanken — wenn auch vielleicht nicht der That nach-— so doch deren intellektuelle Urheberin. Was sie gewünscht/ mag ein anderer ausgeführt haben und diesen andern -h — den schützt sie durch ihren Einfluß- Deshalb all das! Dunkel! Deshalb auch ihre Abneigung gegen Alexis, ihr Widerwille, nur seinen Namen zu hören!
Ter Argwohn, der in Maritas Seele geschlichen, zeitigt« schnell Frucht; die erregte Frau zog rasche Schlüsse, und bald bäuchte es ihr unzweifelhaft, daß Wera Sergewna die Hand im Spiele gehabt. Wer aber, hatte ihr Hilfs geleistet?/ ’ „
. ■ ■ 1 (Fortsetzung folgt.).


