1902. — Ur. 28.
'tiffLöntn drcißigmal man Gutes thät, Unit eine Misscihat begeht:
Xl» Des Guten wird vergessen,
Das Böse voll gemessen. Freibank.
(Nachdruck verboten.)
Verschollen.
Original-Erzählung' von M. Ludolfs.
(Fortsetzung.)
„Aber Mütterchen — man sagt; Alexis sei gar heftig gewesen — vielleicht übermannte ihn ein Augenblick des Zorns?"
„Nein, nein — wehrte die Erregte bebend — nein, es ist nicht wahr. — Wohl war mein Goldknabe aufbrausend und heftig, aber die Hitze verflog rasch, und selbst int höchsten Zorne würde er kein Messer gegen einen kranken, wehrlosen Menschen gezückt haben. Dafür kenne ich ihn! Er war edel und gut allezeit. Nicht seine — eine falsche Hand hat des armen, verdüsterten Wladimir Leben geendet." ;
„Mütterchen! Ihr sprecht, als wenn Ihr den Mörder kanntet!"
„Thue ich das? Wirklich, ich glaube, der alten Endotja Zunge läuft heute zu schnell. Ich weiß kaum, tote ich dazu komme, mit Ihnen, Barischni — einer Fremden — von den Dingen zu retten,; deren nur zu erwähnen, hier in diesem ganzen Hause streng verboten ist." ?
„Laßt Euch's nicht gereuen, Mütterchen, scheine ich Euch auch noch fremd, so dürft Ihr mir doch vertrauen."
„Tas weiß ich; ich las es bereits gestern ist Ihren Augen, Barischni. Sie kennen Kummer und Weh; es hat Sie teilnehmend für das Leid anderer gemacht. Ast dem meinen fürchte ich manchmal zu ersticken; denn die alte Matuschka weiß zu schweigen. Doch zu Ihnen, liebe Barischni will ich reiten, Uno wenn ich will — kann selbst Mera Sergewna es mir nicht verbieten. 'Mein Alter schützt mich vor Strafen, und übrigens — was wollten sie nur auch mehr thnn, als sie bereits gethan! Mit meinem Seelenkind, meinem Augapfel, meinem Bärin Alexis Iwanowitsch ist mein Glück untergegangen."
„Mütterchen, sprecht, o erzählt mir von dem armen, unschuldigen Bavin."
„Ihr glaubt also fest an seine Schuldlosigkeit?"
„Ich glaube daran", lautete die feierliche Antwort, >,Alexis Iwanowitsch ist kein Kain!"
„Aber warum floh er?"
„Ich weiß das nicht; er wird's schon gewußt haben, warum! Etwas Geheimnisvolles zog ihn in die Ferne zurück. Sein altes Mütterchen forschte nicht neugierig nach
Mittwoch den 12. Februar.
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dem, was er . nicht offenbaren wollte, und auch Dimitri sagte mir nicht, was es wär ; er hatte seinem Bärin treu zu jein."
„lind er war treu!" ließ Clarita sich entschlüpfen, ergänzte aber rasch: „er begleitete seinen Herrn auf dev Flucht?"
„Ja; in kopfloser Eile giug's fort, doch Dimitri haben sie in Moskau aufgegriffen und ins Militär gesteckt."
„War sein Herr zu der Zeit schon tot?"
Endotja lachte bitter; „Tot! Ich sagte Ihnen, Barischni, Alexis Iwanowitsch Ornatoff ist nicht tot Sie haben ihn nur lebendig begraben. Nach Sibirien ist er verbannt, dort in den schrecklichen Minen schwindet sein junges, blühendes Leben hin, während sein Name, wie sein Andenken in der Welt verschollen ist!"
Ein Thränenstrom aus den alten Augen machten die letzten Worte kaum verständlich. Endotja schluchzte bitterlich, ihre Zuhörerin war ohne Thränen, starr und stumm blickte sie vor sich. Endlich sagte sie mühsam: „Weshalb glaubt Ihr das, Endotja?"
„Ich glaube das nicht nur, — ich weiß es!" versicherte die Gefragte in zornigem Schmerz, „ich weiß es von Dimitri !"
„Hattet Ihr Nachricht von ihm?"
„Ja: aber Barischni, Sie dürfen mich nicht verraten. Tann will ich Ihnen erzählen. Es muß mir von der Seele, ehe ich sterbe und — ich bin alt. So Höven Sie: Timitri war nahe bet dem Bärin, als dieser verhaftet wurde- Alexis Iwanowitsch hat klug die drohende Gefahr erkannt und hieß Dimitri ; rechtzeitig verschwinden, damit er wenigstens über die Grenze komme, wo im Ausland ein wichtiger Auftrag zu besorgen war- Dimitris Kräfte reichten dazu aber .nicht mehr aus, er hatte kaum die Grenze überschritten, als er in einem wildfremden Ort zusammenbrach, wo er dann in ein Krankenhaus gebracht wurde. Tort schrieb er in Todesangst den Auftrag seines Herrn in einem Brief nieder, versichert, daß ein solcher im Ausland richtig seinen Weg. finden werde, sobald er von der nächsten großen Stadt aus befördert würde. Dorthin nahm einer seiner Leidensgefährten das Schreiben mit, der genesen das Krankenhaus verließ, Dimitri glaubte zu sterben, er starb jedoch nicht- Sobald er sich etwas erholt. Peinigte ihn die Angst um den Bärin mehr als alles andere. CH« er int Ausland weiter reiste, wollte er nochmals nach seinem Herrn ausspähen, dessen Geschick ausknndschaften. Sv schlich er sich über die Grenze zurück — wurde erwischt, nach Moskau transportiert und dort unter die Soldaten gesteckt. Unser süßer Bärin konnte ihn nicht retten, ec selbst war verurteilt und damals schon viele hundert Werft weit auf dem Wege nach Sibirien-"
„Und woher wißt Ihr dies alles?" forschte Clarita atemlos-
Tie Alte blickte sie groß und feierlich au, ivährend sie stark betonend antwortetet „Durch einen Jurodtwyhl"


