Ausgabe 
11.10.1902
 
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als bett Berg herauf ein großherzoglicher Leibhusar tarn: ob bet Schriftsteller Richard Botz anwesend sei?" Ta der Genannte bereits im Wagen saß, so erhielt der Betreßte etwas zaudernd eine bejahende Antwort, worauf dem Insassen des altertümlichen Gefährtes mitgeteilt wurde:Seine Königliche Hoheit, der Großherzag, lassen beit Schriftsteller Richard Boß zu Merhöchstdeinselben aufs Schloß bitten." Wer ich wollte ja doch abreisen! Das ging nun nicht gut, denn dem Leibhusaren auf dem Fuße folgte der Adjutant des Großherzogs. Dieser Herr, ein feinsinniger Kenner deutscher Kunst und deutschen Geistes­lebens, wußte von meiner Anwesenheit und hatte dem Großherzoge freundlicherweise von mir gesprochen. Auf seine Intervention hin entstieg ich dem Ungetüm von Kutschenkasten und begab mich, wie ich ging und stand, in das Schloß.

Jenes erste Mal zu dem Großherzog berufen, blieb ich, bis der Kammerdiener meldete, es sei Zeit für die Tiner-Toilette.

Karl Mexander sprach mit mir von Italien, welches er fanatisch liebte wie ich, welches er kannte wie wenige. Darüber vergingen die Stunden. Nun wollte ich den nächsten Tag abreisen, blieb jedoch auch den übernächsten, blieb auch die folgenden Tage. Ter Großherzog fuhr mit mir nach Tiefurt, und er, der Goethe gekannt und auf dem Totenbette gesehen hatte, erzählte mir im Schlosse und im Parke von Tiefurt erzählte mir im Gartenhause an der Jlmwiese, auf dem Ettersberge und im Wittumpalais feine Erinnerungen an Goethe und Eckermann, dessen dank­baren Schüler er sich nannte. Ter Großherzog fuhr mit mir nach Belvedere und erzählte mir auch dort Erlebtes, das eilt Stücklein Weltgeschichte war. Er führte mich in das Schillerhaus in die Fürstengruft. Es ist wohl ver­ständlich, daß ich immer noch blieb. Als ich endlich ab­reiste, wurden mir Vorschläge gemacht, in Weimar zu bleiben: ganz und für immer. Tas ging nun nicht, da ich meine römische Heimat nicht aufgeben konnte, und ich ein freier Mensch sein und bleiben mußte, gemäß meiner innersten Natur, an die wir nicht dürfen rühren lassen. Aber ich war dankbar. Und dankbar bin ich heute dem erhabenen Toten.

Ich kam ball» wieder nach Weimar zurück. In dem Arbeitszimmer voller Reliquien, mit dem Blick auf den Park und die Ilm las ich dem Großherzog viele meiner Dramen vor. Und ich las Konrad Ferdinand Meyer, Gott­fried Keller. Glaubte der Großherrzog mich ermüdet, so nahm er mir das Buch aus der Hand und las weiter. Tas ist für ihn charakteristisch.

Sehr bald wurde eines meiner Stücke in Weimar auf­geführt, und schon nach dem zweiten Mt der Verfasser in die kleine rotdrapierte Prosceniumsloge gerufen. Während des Sommers, der diesem ersten, vielfach in Weimar ver­brachten Winter folgte, befanden wir uns als Gäste des Kardinals Hohenlohe, dieses liebenswürdigsten und geist­reichsten Kirchenfürsten, in der Villa d'Este, als ich eine Einladung des Großherzogs für den Herbst auf die Wart­burg erhielt.

Bevor das Hoflager auf die Wartburg verlegt ward, verlebte ich. in derselben ereignisreiche Tage, von der Familie, des Schloßhauptmanns Baron von Ärnswald gesegnet sei das Andenken an diesen Edel- und Ehren­mann! wie ein Freund des Hauses ausgenommen. In diesen Tagen verfiel ich rettungslos einem wundersamen Etwas, für welches ich keinen anderen Ausdruck finde als den mystischen einesWartburgzaubers", denn ein solcher besteht, wie es einen Romzauber giebt. Man muß es selbst erlebt haben, was es heißt, in sonnigen Herbsttagen auf der Wartburg zu wohnen, ohne Wächter und Hüter frei und einsam umherzuschlendern auf Wällen und Bastionen, über Hänge und Höhen, durch Gürten, Gänge und Hallen, durch Gemächer und Säle. Jeder Blick fällt auf etwas Teukwurdtges und Ehrwürdiges, auf etwas Kunstvolles und Schönes. Mit der Historie verwebt sich die Legende und wirkt um das Haus und Landschaft schimmernde Schleier. Tas Anschauen vertieft sich zur Betrachtung; der Gedanke verliert sieh in graue Zeiten, Jahrhunderte um­fassend; bte Empfindung wächst zur Bewegung, zur Er­griffenheit. Gestalten steigen dem Geiste aus. Es sind Erscheinungen, mit beiten das deutsche Gemütsleben auf

daA innigste verbanden ist: bte Fürsten wck Fürstinnen des alten Landgrafengeschlechts, die Minnesänger, die hei­lige Elisabeth- der Junker Jörg, dessen gewaltigem Menschengebilde eine schier endlose Reihe hervorragender Männer folgt, darunter Karl August und Goethe.

Und welche Natur umgiebt den Berg, der so holdes Wunder bewirkt! Auf der einen Seite, über dem in der Tiefe ruhenden Eisenach hinweg, weite Ackergefilde, Fluren und Dörfer r Ansiedelungen, durch. Menschenarbeit geseg­netes Land. Auf den anderen Seiten Berggipfel und der dichte, dunkle, feierliche Hochwald, bis zu dem im Glanze, des reinen Aethers verschwindenden fernsten Fernen hin. Bom Balkon des Sängersaales aus gesehen, ist die Natur nach Süden zu heute noch so unverändert wie sie an dieser Stätte vor Jahrhunderten war: nichts als ein grünes Meer von Wipfeln, welches bei Sonnenuntergangsgluten zur düsteren Purpurflut wird . . . Einen starken Band mute ich füllen mit Wartburgstimmen, Wartburgbildern, Wartburgerinnerungen. Dock es dürfen nur Seiten sein. Ms nach den ersten stillen Tagen meines Aufenthaltes! der Hof die Wartburg bezog, füllte sich diese mit dem Getriebe und dem Glanze des Hoflebens, darin ich ein Fremdling war und wofür ich nicht die mindeste Begabung besaß. Mit dem Großherzoge kam die Frau Großherzogin, kamen der Erbgroßherzog und Prinzeß Elisabeth. Sie alle begegneten mir mit derselben Güte und Zuvorkommen-- heit. Tie Prinzeß bewohnte die Tirnitz und in ihrem, mit einem herrlichen alten Zirbenholzwerk getäfelten Sa­lon, verbrachte ich des Nachmittags beim ftve-o' clock-tea Stunden reinsten Genusses. Bei irgend einer Gelegenheit wettete Prinzeß Elisabeth mit mir über eine Sache, die mir entfallen ist. Ich. war der glückliche Gewinner und eine Pfirsichbowle mein Preis. Um den Lohn voll zu machen, sollte die Bowle auf einem schönen Platz des Rennsteiges getrunken werden, an einem Tage, so glanz­voll, daß der dunkle Wald von goldigen Lichtfluten über- schwentmt ward.

Ms wir die bestimmte Stelle erreichten, wo man sich! mitten in den nordischen Urwald versetzt glauben konnte,- harrte der Durstenden bereits die in Eis gekühlte Bowle. Ta trat mit erhobenem Glase der Großherzog auf mich zu und stieß mit mir an mit seinem:Bibliothekar der Warnburg". Die Frau Großherzogin war die erste, welche mich beglückwünschte.

So wurde ich im Glanze des Herbsttages auf dem uralten Kriegspfade der tapferen Thüringer bei der Pfir­sichbowle der Prinzeß Elisabeth mit einem unverdienten Ehrentitel getauft.-

Schachaufgabe.

Von R. 8' hermet in Magdeburg. Nachdruck verboten.

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a b c d

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Matt in zwei Zügen. (6 + 6)

(Auflösung in nächster Nummer.)

Auflösung des Zahlenrätsels in vor. Nr.: Kalifornien, Llrivn, Liane, Irene, Feile, Orkan, Ranke, Nelke, Ilka, Elfen, Nonnen Kalifornien.

Redaktion: Curt Plato. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stciiidruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.