Ausgabe 
11.10.1902
 
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Erste, foVM fie Bei itzreat Gelievken eintrat. Nach Beendeter Mahlzeit aber war sie in ein an den Salon anstoßendes Toilettenzimmer verschwunden, nm schleunigst ihr einfaches Kleid auszuziehen uiw in einen blauseidenen Schlafrock zu schlüpfen.

Sie unterhielten sich ruhig und mit leiser Stimme wie ein ehrbares Ehepaar. Die Micke, die sie sich einander zuwarfen, sprachen von ihrer Liebe. -Elend, gemeinsam genossene Freuden und Genüsse, ihre oft infolge einer höheren Schickung jähen Trennungen, ihre oft so ge­störten, stets gefahrvollen und bedrohten Zusammenkünfte, ihre Angst, ihre Mitschuld, ihre gemeinsam vollbrachten und erdachten Verbrechen alles dies hatte sie mit der Zeit einander enger verkettet als andere Menschen.

Also Tu hoffst noch immer?" fragte sie.

,/Ob ich hoffe! Glaubst Tu, ich hätte ohne die Hoff­nung, die Million zu finden, und uns dadurch alles zu verschaffen, was wir nur haben wollen, Ausdauer und Mut gehabt, drei Jahre lang das Elend eines Zuchthauses zu ertragen? Tas erste Mal nach meiner Verurteilung, na, da ging's noch Ich kam rasch aus der dritten Masse in die zweite. Mer als ich dann noch einmal, zum zweiten Mal, dahin zurückkam, da ließen sie mir meine Flucht schön teuer zu stehen kommen: die vierte Klasse und doppelte Schmiedekette. Wie ich noch einmal ent­kommen bin? Wirklich, das war ein Traum!"

Wie eine Katze schnellte sie empor, eilte zu Querzewski, schmiegte sich an ihn, nahm seinen Kops zwischen beide Hände und rief:

Armes Männi! Was Tu alles gelitten hast!"

Ja", sagte er, ihre Liebkosungen erwidernd,und des­halb will ich auch nicht mehr leiden. Tie größten Freuden und Genüsse müssen mich nun für all das schadlos halten."

Und Tu rechnest auf diese Million?"

Auf was sollte ich denn sonst rechnen? Glaubst Tu vielleicht, daß wir mit diesen lumpigen 20000 Mark lauge auskommen werden? Bei unserem Genußleben knapp ein Jahr. Und dann heißt es, von neuem wieder Abenteuer suchen, wieder auf ein neues Verbrechen simulieren. Ich habe gerade genug davon. Man macht solche Sachen nicht noch einmal wieder von vorne. Aber haben wir erst die Million, dann gehen wir nach Italien, Spanien, Amerika, wohin Tu willst, und wir werden ruhig, glücklich und ohne Furcht leben und uns alles gönnen können."

Ja, ja, verlockend ist es schon", sagte sie.Aber die Million--"

Tie ist immer noch an Ort und Stelle, wohin ich sie selbst vor drei Jahren, einige Minuten vor meiner Ver­haftung beim Prinzen Tschigorin, noch gelegt habe, Tu weißt ja, jenes stockfinstere Kabinett in dein Zimmer, das ich im zweiten Stockwerk bewohnt habe."

Tas Palais wurde aber verkauft. Es ist in andere Hände übergegangen."

Ich weiß, es gehört jetzt dem Grafen Dorvukofs, nun und?"

Man muß die Pakete mit Banknoten gefunden haben."

Zwischen den Ziegeln in der Mauer, wohin ich sie gesteckt habe? Niemals! Erinnerst Tu Dich nicht, wie ich seit dem Moment, da ich die Absicht hatte, Tschigorin zu bestehlen und die Summe tot seiner Stelle mittels gefälschter Bescheinigungen und Vollmachten zu liqui­dieren, das Versteck mit aller Sorgfalt vorbereitet hatte?"

Ja doch; Tu hast die Tafeln einer Thürverkleidung herausgenommen und in der Mauer ein großes Loch- aus- gehölt, das dann wieder leicht luftdicht verschlossen und verstopft werden konnte."

Nun also. Ich habe es auch, wieder verstopft, nachdem ich darin die ganze Summe versteckt hatte."

Tschigorin hat aber den Tag nach Deiner Verhaftung den Tiebstahl entdeckt."

Tas schon, aber er war nicht im stände, mein Versteck herauszubekommen."

Und die Polizei?"

Tu weißt, er hat wohlweislich der Polizei nichts davon angezeigt. Er hat in der Angst vor einem fürchter­lichen Skandal, den man natürlich seiner Frau in die Schuhe ^geschoben hätte, die ganze Geschichte unterdrückt." ' Mit einem Male löste sich Julie aus feiner Umarmung -und sagte, ihm fest in seine Augen blickend:

!Wiederhole mir, Paul, daß Tu diese Prinzessin nie

Ach, Quatsch! Keine Spur! Ich hab' ihr bloß der Hof gemacht, um sie fester in Händen zu haben, um sh nnt Reden zu verhindern und an Ort und Stelle meint Klugheit eitwas schonen zu können. In unserem Stand liebes Kind, gießt es oft gewisse Rücksichten--lieben, -

lieben ihn ich nur einzig und allein Dich, meine klein: Viper!"

Tu schwörst es?"

Bei meinem Ehrenwort!"

Sie umarmte ihn und glaubte seinem Ehrenwort.

Gut", begann sie wieder nach einem Augenblick,webe- Tschigorin noch die Polizei haben diese Million gefunden Sie haben in ihrer Höhle ohne Unfall zwei Jahre hindurch geschlafen. Auch hat es keine Feuersbrunst gegeben. Ich hätte sonst etwas davon erfahren müssen; denn um unsere Schätze zu überwachen, habe ich damals in der Nachbarschaft gewohnt. Aber die neuen Eigentümer haben das Haus renoviert und manches umgebaut. Ich habe immer ein Menge Arbeiter hineingehen sehen. Einer von ihnen kanr den Schatz vielleicht gesunden haben."

Warum? Man findet Schätze nur in den Romanen Int gewöhnlichen Leben bleiben sie stets dort, wo man sie verscharrt hat. Das ist es nicht, was mich beunruhigt."

Also, siehst Du? Dich beunruhigt also doch etwas Was ist's?"

Tu weißt, daß ich in diesem Viertel, um nähere Aus fünfte zu erhalten, ziemlich viel herumgehorcht habe, uni das giebt gleich einen Beweis mehr, daß mich unter dem Namen Keßler kein Menfch erkennen wird."

lind was hast Tu für Auskunft erhalten?" fragte sie beklommen.

Daß meine kleine ehemalige Wohnung, Tu weißt doch noch, der Salon, das Schlafzimmer und das Toilette­zimmer dort der Gräfin Dorvukoff in ein Maleratelier umgebaut worden ist."

Ah!"

Ja. Aus diesen drei Zimmern hat sie ein einziges gemacht."

Also das macht Dir Unruhe?"

Ja, ich habe Angst, daß man das ganze schwarze Kabinett hat verschwinden lassen, daß man es mit dem Mauerwerk, Ziegeln und Mörtel so verschmiert, mit einem Wort, daß es jetzt total vermauert und keine Möglichkeit mehr vorhanden ist, da hineinzukommen."

Verdammt! Und das sagst Du mir erst heute?"

Wozu sollte ich Dir von vornherein Schrecken ein­jagen? Ueberhaupt ist das alles bloß eine Vermutung."

Wie sollet! wir die Wahrheit erfahren?"

Tas werden wir später schon sehen. Hab nur Ge­duld! Wenn ich nach meiner Neugier und meinem Wunsch gehandelt hätte, hätte ich mir schott feit meiner Rückkunft nach Berlin irgendwie Mühe gegeben, mir Eintritt in das Palais TorouLoss zu verschaffen. Aber man hätte mich leicht in diesem großen, von Lakaien und Bedienten über­füllten Hause ertappen können. Ich sage:Warten wir die günstige Gelegenheit ab! Und ich warte. Ich werde sie schon nach dem Prozesse finden, wenn wir wieder in willkommener Ruhe sind. Jetzt könnte es jemand ein­fallen, uns beobachten zu lassen, deshalb seien wir lieber vorsichtig!"

So verplauderten sie einen Teil der Nacht, bald die Vergangenheit, bald die Zukunft besprechend.

Erst als der Morgen graute, verließ Julie ebenso heimlich, mit täusend Vorsichtsmaßregeln, wie sie ge- kommeu war, die Wohnung des Herrn Keßler, um nach ihrem Zimmerchen in das obere Stockwerk zurückzukehren.

(Fortsetzung folgt.)

Als Vr-liothekar auf der Wartburg.

Wartburgerinnerungen frischt Richard Voß im letzter» Kapitel seines BuchesAllerlei Erlebtes" aus. .Voß, der sich nach dem deutsch-französischen Kriege als Schriftsteller einen Namen gemacht hatte, fand u. a- auch das Interesse des Großherzogs von Sachsen-Weimar, Karl Alexanders, der ihn bald nach dem ersten Zusammentreffen mit dem Dichter zum Bibliothekar der Wartburg ernannte. Tiefe erste Begegnung schildert nun Voß in folgendem:

Mein Reisewagen hielt eines Nachmittags im Spät­herbst vor der Altenburg in Weimar und wir waren eben im Begriffe, uns mit unserem Gepäcke ausladen zu lassen.