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nun ohne Vermögen. Ohne Vermögen mußt Du quittieren. Es kommt also darauf an, Dir für das Verlorene Ersatz zu verschaffen. Das ist alles. Nun — und das ist doch nicht so schwer?"
Die Hoffnung belebte wieder ihr Gesicht. Sie hatte das Mittel schon gefunden.
„Wie meinst Du?"
„Ganz einfach — Du heiratest. Du machst eine reiche Parthie."
Verblüfft sah er sie an.
„Erlaube, Otti," sagte er, — „sag' das noch einmal." Und unerschütterlich erwiderte Ottilie noch einmal: „Du siehst Dich nach einem reichen Mädchen um. Ohne Zögern — ja, auf der Stelle."
Wer verstand sich nun auf die Frauen? Er nicht!
„Otti — und das ist Dein Ernst. Verheiraten willst Du mich?"
Sie sah, daß, wenn er gerettet werden sollte, kein Opfer für sie zu groß sein durste, daß sie ihm nicht zeigen durfte, wie viel es sie kostete, wenn sie ihm die Sache leicht machen wollte und blieb ihr nicht der Trost, wenn er auch der Gatte einer andern wurde, daß sein bester Teil doch imnler ihr gehören würde? Was von eifersüchtigem Egoismus von ihr sich an ihn klammerte, das mußte sie nun, und kostete es, was es wolle, zum Schweigen bringen. Was kam es auf alles andere an, wenn es sich Um seine Rettung handelte.
Sie sprach auf ihn ein, und er verstand sie endlich. Er sah ein, daß sie das Richtigste getroffen hatte, was überhaupt möglich war, aber etwas in ihm lehnte sich auf.
„Was Du mir empfiehlt, Otti, das ist ein Geschäft, ein Schacher. Du willst, ich soll mich glattweg verkaufen. Mich, meine Stellung, meinen Namen. Wir wollen beide nicht empfindsam sein, aber Handelsgeschäfte machen, noch dazu mit dem Namen meines Hauses — er ist nun mein einziges Erbe — das, Otti, geht mir gegen den Strich."
Er erschien ihr wie ein fremder Mensch. Niemals hätte sie ihm bei seinem ganzen sonstigen Wesen ein so feines, ein so übertrieben feines Gefühl zugetraut.
„Der Name Deines Hauses. Er ist Dir teuer! — und wenn Du arm bist, wenn Du heruntersteigen mutzt, wirst Tu ihn dann, wenigstens in den Augen unserer Gesellschaft, vielleicht weniger Llosstellen?"
Er knirschte vor sich hin.
-„Weil wir die Sklaven unseres Standes sind."
„So wähle", sagte sie heftig, „entweder Deinen Untergang oder eine Frau."
Er blickte finster vor sich hin.
„Es ist der einzige Ausweg", murmelte er endlich.
-„Heiraten und reich! Und doch geht es nicht."
„Warum nicht?"
„Ich weiß kein solches Mädchen. Um die Goldfische in unserer Gesellschaft habe ich mich nie gekümmert. Außerdem — jetzt ist es Sommer. Bevor man wieder zusammenkommt, vergehen Monate. Und wer sagt Dir, daß es mir überhaupt gelingen wird. Selbst, wenn ich den besten Willen dazu hätte. Nur auf Grund meiner persönlichen Vorzüge? Du, Otti, Du überschätzest mich, denn Du hast mich lieb. Welches Mädchen aber, welches reiche Mädchen, da doch nur von einem solchen die Rede fein kann, wird mich mit den Augen ansehen wie Du? Oder weiht Du vielleicht eins?"
Er spottete jetzt über sich selbst.
Ob sie ein solches Mädchen wußte?
Das Dunkel, das sich um sie breitete, erhellte ein plötzlicher Blitzstrahl.
Bell!
Aber ihre Lippen waren von einem Versprechen versiegelt, von dem Vertrauen der Freundschaft, von etwas Heiligem.
Unsinn!
Es fvar eine Schrulle von Bell — und hier handelte ks sich um feine Rettung.
„Ja, Herwarth", sagte sie nach einer Pause, „ich weiß ein solches Mädchen für Dich"
„Kenne ich sie?"
„Es ist meine Freundin. Bell!"
„Bell? Wer? Miß Cookson?"
Er hörte ihr zu. Er hörte, daß Miß Cookson nicht das arme Fräulein war, für das sie vor der Welt, auch vor ihm ausgegeben worden war, sondern eine Newhorker
Dollarfürstin. Er hörte von dem merkwürdigen Bewege gründ, der sie zu ihrer Maskerade veranlaßt hatte, und er hörte von dem Versprechen, das Ottilie ihr gegeben hatte. Die ganze Geschichte klang wie ein Roman. Aber doch schließlich wieder nicht wie ein Roman, sondern,- wenn auch sehr ungewöhnlich, so doch im Grunde von Miß Cooksons Seite aus sehr wohl begreiflich
Diese Miß Cookson also eine Millionärin und zwar gleich eine hundertfache. Eine verkleidete Prinzessin. Und sie war für ihn ein Nichts gewesen. Noch weniger als ein Nichts. So weit er ihr überhaupt Beachtung geschenkt, so hatte sie ihm nur Antipathie eingeflößt. Mit ihren Büchern, mit ihrer Gelehrsamkeit hätte er sie sich allenfalls als eine verkappte Professorin vorstellen können, oder, wenn er an jenen Morgen auf der Düne dachte, als eine berufsmäßige Sportslady. Diese Entdeckung aber kam ihm wirklich überraschend.
„Du sagst", unterbrach er die eingetretene Stille zwischen ihnen, „daß es ihr Geheimnis bleiben sollte, daß sie sich fest auf Deine Diskretion verlassen hat. Und Du hast sie nun an mich verraten. Fühlst Du denn nicht/ welches Unrecht Du damit begangen hast?"
„Herwarth", flüsterte sie, „ich thu's für Dich."
„Für mich?"
Er empfand in diesem Augenblick vor ihrer Zuneigung eine Art von Grauen.
„Und Du glaubst wirklich, daß ich fähig wäre", — er hielt inne — „Du glaubst, daß ich jetzt von Deiner Mitteilung Gebrauch machen kann? Sie ahnt nichts und ich soll sie betrügen?"
„Nenn es nicht so!" fiel sie ihm heftig ins Wort. — „Was sie Dir giebt, ist nur ihr Geld. Was Du ihr giebst, das bist Du selbst. Wer ist es, der bei dem Geschäft betrogen wird — Du oder sie?"
Er fühlte, wie sie den Strick um ihn legte.
„Du sprichst nur von mir, nicht aber von ihr. Du thust, als brauchte ich nach ihr nur zuzugreifen. Selbst angenommen, ich wäre bereit, ich könnte mich von meinen Bedenken losmachen, ich könnte Deiner Auffassung folgen — wer bürgt Dir und mir dafür, daß sie mich uoer- haupt haben will?"
Welche Frage von ihm! Wenn er es darauf anlegte, ein weibliches Wesen in sich verliebt zu machen, so gelang ihm das auch. Sollte sie ihn erst an seine Don Juanenen von einst, an seine Siege, die ihr zu Ohren gekommen waren — wenn sie auch bisher nie mit ihm davon gesprochen hätte — erinnern? Bell würde ihm so wenig widerstehen/ wie ein anderes Mädchen. Außerdem — die Gelegenheit hier war die günstigste und schließlich, Ottilie entsann sich jetzt gewisser Kleinigkeiten, vielleicht war in Bells Herzen schon der Grund dazu gelegt. Er brauchte feine Chancen nur mit einiger Energie wahrzunehmen.
„Ich liebe sie nicht", sagte er heftig, „sie stößt mich geradezu ab. Ich werde sie auch niemals lieben können. -
„Du sollst sie auch nicht lieben, Du sollst sie nur betraten, Herwarth", — und ihre Stimme sank zu einem Raunen herab — „wäre es anders, würde ich Dich ihr sonst Ö°nt@S tonr die Zeit der Flut. Ohne daß sie es aus ihrem Sitze merkten, kamen die Wogenkämme näher und naher heran und aufklatschend netzte ihnen das Wasser letzt die Füße. In den Strandrestaurants begannen die Lichter zu erlöschen, und es wurde um sie leer und einsam.
„Es ist spät", sagte er rauh, „komm, wir wollen heim!"
Der Geheimrat hatte sich, als sie zu Hause anlangten, schon zu Bett begeben. Es war zwischen ihnen beiden ausgemacht worden, ihm vorläufig von dem unglücklichen Ereignis nichts zu sagen — ein Gedanke, der von Ottilie aus-? ging, und Herwarth hatte sich damit einverftmiden erklartz Warum? Er wollte es sich nicht gestehen., Bell saß, als sie kamen, im Garten, in der Veranda bei einem Wnidkicht und las. Während Ottilie sie unbefangen, als sei Nichts geschehen, begrüßte, verabschiedete er sich rasch und begab sich nach seinem Zimmer.
Ohne Licht anzuzünden, trat er ans Fenster und fach hinaus in die mondbeschieueue Nacht.
Ottilie hätte Recht. Er hatte die Wahl. UntergehSK — ober das! , .. w
Jedes Wesen in der Welt war auf den Trieb der


