Ausgabe 
11.7.1902
 
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»Wenn Ihr Herr Gemahl die Beschlagnahme nicht auf- hebt, find wir verloren, die Häuser kommen unter Sequester, und meinen Eltern, meinen armen, alten Eltern bleibt nickts. Ich flehe Sie an, gnädige Frau, vertreten Sie meine Sache bei Ihrem Herrn Gemahl, bitten Sie ihn in meinem Namen, uns noch einen Aufschub zu geben", stam­melte Traute mit erstickter Stimme.

Ich will mit meinem Mann darüber reden, sobald er zurückkommt, kann Ihnen jedoch nicht versprechen, ohne weiteres für Sie Partei zu nehmen. Gegen den gesunden Berstaiid handle ich niemals. Sie haben ja selbst erfahren, Fräulein Velten, wohin das fuhrt. Wenn Sie es sich recht überlegen, können Sie wohl kaum verlangen, daß mein Mann aus Gutmütigkeit Ihren! Vater große Opfer bringt. Ich wüßte nicht, daß Ihr Vater, so lange er meinen Mann Nicht branchte, sehr freundschaftliche Gesinnungen gegen ihn gehegt hätte. Da war er zu vornehm für uns, und wer nicht «in Graf oder Baron tvar, der galt in seinen Augen Nichts. Na, uns konnte es ja gleich sein, wir konnten wohl ohne ihn bestehen, und was das Ende sein würde, wußte jeder vernünftige Mensch voraus. Wissen Sie, mit Ihrem Vater kann kein Mensch Mitleid haben, denn er ist selbst an allem schuld. Wer so wirtschaftet, wie er hier gewirt­schaftet hat, nud sein Hab und Gut verschleudert, der verdient es, an den Bettelstab zu kommen. Und was hat er denn für feine Kinder gethan? Er hat Sie ja doch ganz unvernünftig erzogen, wie Prinzessinnen, für die nichts gut genug ist, als ob die Prinzen nnd Grafen nur so für Sie auf den Bäumen wachsen; und wenn er einmal die Augen zumacht, hinterläßt er Ihnen nichts als Schulden. Aber Schulden sind ja wohl vornehm, nnd es verträgt sich sehr gut mit der Ehre der großen Herren, andere Leute um ihr sauer erworbenes Geld zu bringen. Sehen Sie, mein Mann und ich haben andere Begriffe von Vornehmheit. Wir halten es für- viel anständiger, zu arbeiten und zur rechten Zeit auf unseren Vorteil bedacht zu sein, als Schulden zu machen. Gott sei Dank, wir haben es nicht mehr nötig, aber wir schämen nns keiner Arbeit, uitb wem wir darum nicht vor­nehm genug sind, der braucht ja nicht in unser Haus zu kommen. Wer die Leute kommen recht gern zu uns, und wenn wir sie einladen, sagt keiner ah. Sie hätten nur sehen sollen, wie liebenswürdig Herr und Frau Landrat von Kiesel­hart neulich auf unserem Diner waren; und Herr von Westernberg sagte mir die größten Elogen über die Ge­flügelpastete, als er hörte, daß ich sie selbst bereitet hätte. Na, und die Offiziere aus Scherenberg! Die reißen sich darum, bei uns verkehren zu dürfen. Im Winter luden sie uns zu einent großen Ball im Kasino ein, und halbtot haben sie mich getanzt! Der Oberst wnzte eine Quadrille mit mir. Meinem Mann wird der ganze Verkehr schon zu Piel, er läuft den Leuten gewiß nicht nach, aber man macht ihm überall den Hof."

Leichenblaß und wortlos saß Traute bei dieser harten Lektion. '

Dahin war es also gekommen- Das mußte sie sich sagen lassen und dann noch demütig um Gnade bitten? Das war das Ende von der hochfliegenden, stolzen Gesinnung, in der fte aufgewachsen war?

So schutzlos war sie jedem Steinwurf preisgegeben? Wo waren die Männer nun, die so hoch in ihren Augen ge- standen hatten? War keiner da, sie zu verteidigen und vor solcher Schmach zu behüten? Wo war das Bollwerk von Ehre, Adel der Gesinnung, idealer Weltauffassung und StandesbewUßtsein, auf das mau sie gelehrt hatte, ihr ganzes Leben aufzubauen? Tand, nichts als Tand, auf «and gebaut! Taube Blüten ohue Früchte, Edelsteine, aber kein Brot, um davon zu leben!

Und sie konnte dieser Frau nicht den Rücken wenden, sie durste nicht den Staub von ihren Füßen schütteln, sie mußte bitten, noch einmal bitten! Ihr sterbender Vater Wartete ja auf ihre Hilfe und zählte oie Minuten bis zu ihrer Wrederkehr, ob sie ihm nicht Trost und Hoffnung bringen möchte.

Frau Alma kostete in dieser Stunde einen süßen Triumpf. M

lTn& sie wollte ihn ganz auskosten. Darum antwortete sie auf Trautes wiederholte Bitte etwas gnädiger; sie wollte sehen, was sich thun ließe, man sei ja kein Unmensch und hätte selbst mit dem Unverstand und der Thorheit der Menschen noch Mitleid. Darauf lud sie Traute freundlich zu einem kleinen Frühstück ein und führte sie durch alle

Prachträume des ganzen Häufest nach dem stilvollen Eßsaal.

Dort ließ sie ein opulentes Frühstück servieren, wobei sre sehr viele Dienstboten rn Bewegung setzte und fort­während mit königlicher Miene Befehle erteilte. Ein Diener rn Livree, der sonst nur zu großen Festlichkeiten zum Ser­vieren benutzt wurde, mußte während des Mahles hinter ihrem Stuhle stehen.

, Schließlich führte sie Traute durch das ganze Haus, zeigte ihr ihre Ausstattung, alle Vorratsräume, den ganzen Reichtum, dessen Herrin sie war.

Sie wurde sogar vertraulich und ließ Traute die Schlaf- gemacher bewundern, verriet etwas von den Geheimnissen des feuersicheren Werthheirn in ihres Mannes Stube und holte die Schätze ihrer Schmuckkassette ans Tageslicht.

machte ihr so viel Vergnügen, das bettelarme Mädchen, die so tief gedehmütigte Nebenbuhlerin das ganz erdrückende Uebergewicht ihres Reichtums und ihrer bevor­zugten Stellung fühlen M lassen, daß sie aufrichtig be­dauerte, den Tag bei ihr znzubringen, nicht folgen konnte.

Sie ging in ihrer Großmut sogar so weit. Traute in ihrer eigenen Equipage zur Bahn zu fahren. Sie hatte auf dem Lande als Gutsherrin angesangen, dem Sport zu huldigen, sie besaß ein Reitpferd und einen eleganten KUtschierwagen mit zwei Juckern von Rasse, außer dem Coupe und dem Landauer, sehr gegen den Geschmack ihres Gatten, der keinen d erartigen Luxus liebte, sondern Pferde und Wagen nur als Mittel zum Fortkommen benutzte und zur Arbeit. .

In diesem Kutschierwagen, in dem sie selbst, in einem etwas auffallenden Sportkostüm, die Zügel führte, einen Groom hinten auf, begleitete sie Traute. Es war ihr eine süße Genugthnnng, ans der Chaussee vor Scherenberg einigen Offizieren zu Pferde zu begegnen, die sie begrüßten und dann bis zum Bahnhof nebenher ritten, und es geschah Trautens wegen, daß sie in einem übermütigeren Ton mit dresen verkehrte, als es sonst ihre Gewohnheit war. Traute kannte keinen von diesen Herren persönlich und verhielt sich gänzlich stumm und zurückhaltend, was Alma zur will­kommenen Folie diente und ihre laute Unbefangenheit noch mehr hervortreten ließ.

Die Offiziere wußten nicht recht, was sie aus dem schweigsamen jungen Mädchen machen sollten, und konnten mcht erraten, in welcher Stellung sie sich zu Frau Lehmigke befand, da letztere nicht den Takt besaß, sie sofort darüber aufzuklären. Sie zogen es darum vor. Traute zu ignorieren, um keinen Fauxpas zu begehen. Sie kamen eben vom Frühschoppen und in fröhlicher Weinlaune reagierten sie stark auf Almas herausfordernde Lustigkeit.

Ein Hauptmann von Eckebrecht, ein Junggeselle von dem Typus der raffinierten Feinschmecker aller Lebensgenüsse, verkehrte mit der jungen Frau in einem.Ton, der Trante im höchsten Grade mißfiel und sie peinlich verlegen machte. Er neckte sie mit der Zügelführung, tadelte an dem Gespann, erbot sich, Alma Unterricht im Kutschieren zu geben, wobei allerlei freie Scherze über den Gatten, der nichts davon verstände, hinüber und herüber flogen. Er schlug be­stimmte Unterrichtsstunden für die Woche im höheren Sport vor, und als Alma mit der Eifersucht ihres Gatten koket­tierte, wurden die Scherze no,ch> freier.

Schließlich fand ein kleines Trabwettrennen dieChaussee hinunter statt, und als man endlich sich verabschidete, lud Alma die Herren für einen der nächsten Tage zu einem Spargelessen mit Erdbeerbowle ein, was bereitwilligst an­genommen wurde. Sie war so entzückt bei dem Gedanken, Traute gehörig imponiert zu haben, daß sie sich äußerst gnädig von dieser verabschiedete mit der tröstlichen Schluß­bemerkung, es sei ein Glück für Traute, sie allein und nicht ihren Mann getroffen zu haben, denn dieser sei sehr auf­gebracht gegen ihren Vater, und würde ihr seine Meinung nicht verhehlt haben.

Traute atmete auf wie erlöst, als sie endlich wieder allein war, und sich mit geschlossenen Augen in die harte Sitzecke eines Wagens dritter Klasse drücken konnte.

Es roch nach schlechtem Tabak und getheerten Stiefeln im Wagen, ihr gegenüber saß ein Arbeiter in schmieriger Bluse und neben ihr eine sehr dicke schwitzende Frau, die Fettige Butterbrote kaute, dazwischen Kirschen und die Steine über sie hinweg zum Fenster hinausspuckte, aber Traute war stumpf gegen solche Aeußerlichkeiten. Sie dachte nur immer an ihren totkranken Vater, und daß sie