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1902. — Nr. 101.
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lücklich ist, wer jede Gabe, Die ihm wird, mit Freuden nimmt; Wer von Neid jedoch erfüllt ist, Der ist ewiglich verstimmt.
Denn die beste eigne Habe Scheint ihm „kärglich" zugewogen, Und der Anderen Besitztum Niederträchtig — ihm entzogen.
Märzroth.
(Nachdruck verboten.),
Manneswert.
Roman von Marte Stahl.
(Fortsetzung.)
Zwanzigstes Kapitel.
Als Traute uitb Graumann von diesem Spaziergänge heimkehrten, kanr ihnen Frau Graumann schon in der Thür mit erregter Miene entgegen.
„Eine Depesche, eine Depesche für Fräuleinschen", rief sie, Traute das Dokument überreichend.
Die Ahnung einer Unglücksbotschaft lieh Traute erbleichen, und mit zitternden Fingern rih sie das Papier auseinander.
Ja, da stand es geschrieben:
„Papa schwer krank, komm, so schnell Du kannst.
Hulde."
Traute stand stumm und starr. Also auch das noch! Sie reichte ihren Wirten das Blatt, die in laute Klagen und Beileidsbezeugungen ausbrachen.
„Was soll ich thun? Ich muh nach Hause, und doch kann ich unverrichteter Sache nicht abretsen. Was soll ich thun?" fragte Traute händeringend. Auch die alten Leute wußten keinen Rat. Herr Lehmigke wurde erst in einigen Tagen erwartet.
„Ich muh zu Frau Lehmigke gehen und mit ihr sprechen", sagte das junge Mädchen endlich nach einem kurzen, scharfen Besinnen und schweren innerlichen Kampf. Und da sie keinen anderen Ausweg wußte, führte sie ihr Vorhaben sofort ans, denn es galt, keine Minute unnütz zu verlieren.
Mit zitternden, fast versagenden Knieen und hoch- llopsendem Herzen betrat sie das frühere Vaterhaus zum ersten Male wieder.
Aber sie sah wenig, es schwamm ihr alles vor den Augen, sie hatte nur den Eindruck, als wäre ihr alles fremd geworden, ganz fremd, als hätte sie dies Haus noch nie gesehen.
Sie schickte Frau Lehmigke ihre Kürte und wurde darauf in ein Empfangszimmer geführt. Dort blieb sie eine geraume Weile, undd hatte Zeih zur eingehenderen Erkennt
nis ihrer Umgebung zu kommen. Das war ja ihr frühere- Schulzimmer gewesen! Dort an der Wand hatte die Kuckucksuhr gehangen, und hier stand das alte Tafelklavier, auf dem sie ihre ersten Studien gemacht hatte. Hier war der Schultisch gewesen, und dort das lederne Kanapee — wie fremd und inhaltlos sahen sich die gegenwärtigen Prunkstücke des Gemaches an, diese gepreßten Sammetmöbel, die frisch aus einem Möbelmagazin gekommen und noch nie benutzt zu sein schienen, die zur Schau ausgelegten Prachtwerke auf den Tischen, die Paradebilder an den Wänden*
Sie sank auf ein gesticktes Taburett mit vergoldeten Füßen, das vor einem Marmortischchen stand, und starrte schmerzlich' vor sich hin.
Da wurde ihr Blick durch das Bildnis eines Mannes gefangen: es war eine Photographie Paul Lehmigkes in einem Aluminiumrahmen, die auf dem Tischchen stand.
Sie betrachtete es aufmerksam. Und sie machte eine neue Entdeckung.
Das war kein gewöhnlicher Kopf. War sie denn damals so blind gewesen, so ganz blind? Hatte sie gar kein Auge gehabt für die wahre Bedeutung eines Menschen?
Das-war kein schöner, eleganter, vornehmer Mann, aber das war mehr. Ein interessanter Mann, eine ganze Persönlichkeit. Welch wuchtige, groß gezeichnete Linie um die stark gewölbte Stirn, welche Energie um Nase und Mund, um die Kinnpartie, und was war das für ein intensiver Ausdruck der Augen? Seltsame Augen! Weder schön an Form und Farbe, aber sie hielten einen fest.
Was sagten sie nur? Es war etwas Dringendes, etwas Großes und zugleich etwas Einsames, Unverstandenes in diesen Augen. Traute hätte noch lange darüber nachdenken mögen, aber die Thür ging auf, und Alma Lehmigke trat ein. —
Sie hatte augenscheinlich für die Gelegenheit Toilette gemacht, sie sah aus wie die neueste Nummer des Modejournals, und ihre Miene schwankte zwischen ablehnender Kälte, Herablassung und Neugier.
Sie war eine schöne Frau, ohne Zweifel, mit der üppigen Gestalt, der Alabasterhaut und dem rötlich-braunen Haar; aber Traute beschlich ein kaltes Unbehagen in ihrer Gegenwart.
„Gnädige Frau, ich kam hierher, um Ihren Herrn Gemahl zu sprechen in einer sehr dringenden geschäftlichen Angelegenheit. Zu meinem Bedauern höre ich, daß er verreist ist, darum wende ich mich an Sie mit der großen Bitte, den Vermittler für mich bei Herrn Lehmigke in dieser Sache zu machen."
„Womit kann ich Ihnen dienen?" fragte Alma, indem sie Traute aufforderte, neben ihr auf dem Prachtsofa Platz zu nehmen. , ,, „
Es war bitter, dieser Frau den ganzen Umfang ihres Elends zu bekennen, aber es mußte sein.
Mit fliegenden Worten und bebender Stimme schilderte. Traute die Lage der obwaltenden Verhältnisse.


