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Klausel des Kontrakts gewußt, werde aber sofort meinen Mann fragen."
Es stellte sich heraus, daß Herr Belten allerdings von dieser Bedingung wußte, die er aus kavaliermäßiger Gleichgiltigkeit auf Kleinigkeiten eingegangen war, die er ebenso vergessen hatte. Die Lehmigkes hatten ihm auf diese Weise allerlei kleine Vorteile abgerungen.
Paul Lehmigkes Miene, als wäre er einem absichtlichen und bewußten Zuwiderhandeln gegen den Kontrakt noch zur rechten Zeit auf die Spur gekommen, empörte die ganze Familie Velten bis aufs Blut und war ein bitterer Tropfen mehr in dem Kelch ihrer Trübsal.
„Krämerseele!" sagte Herr Velten nur verächtlich, als er durch das Fenster gewahrte, daß Paul Lehmigke sich bei den Möbelwagen aufstellte und jedes Stück prüfte, das noch aufgeladen wurde.
„Paulchen, nur nicht bange!" zitierte Arnim höhnisch, der sich bereits das geflügelte Wort angeeignet hatte, und Egon, der Leutnant, fragte, ob er nicht hinuntergehen und dem Kerl alle Knochen entzwei brechen sollte.
Hulde und Tante liefen durch den Park. Zum letzten Mal! Die lieben alten Spielplätze — die Bäume — die sterbenden Blumen — lebt wohl, lebt wohl! auf immerdar!
Sie waren bereits in ihren Reisemänteln und jetzt horten sie den Wagen vor das Haus rollen, der sie nach der Bahn bringen sollte.
Trante riß sich los und stürzte nach dem Hof. Sie lref m den Pferdestall — da stand ihr Pony, ihr lieber, «r Hansel! Sie flog ihm an den Hals, fast mit einem Aufschrei, der niedergekämpfte Schmerz machte sich gewaltsam Luft — beide Arme um das treue, gute Tier legend, weinte sie zum Herzbrechen.
„Traute! Traute!" rief man vom Hans her.
Was nun kam, war ihr später wie ein Traum.
. Vater und Mutter kamen Arm in Arm in ihren Rersemäutelu die Treppe herab. Waren sie das wirklich? Sre sahen so merkwürdig alt aus, so still und ruhig, tote man Wohl hinter einem Sarg hergeht.
Aber ehe sie in den Wagen stiegen, sahen sich beide um. Ja, das Haus! das liebe, alte Haus, es hatte ia rhr Glück gesehen.
Maute taumelte in den Wagen, sie sah sich nicht um, sie konnte nicht, oder sie hätte laut aufgeschrieen. Sre sah nur wie durch -einen Nebel Hulde folgen und -dre alten Dienstboten drängten schluchzend noch an den Wagenschlag — nur noch einen Handkuß, noch ein Lebewohl! —
Da — o Gott — da war noch der alte Hektor, Papas Lleblrngshund, der hatte sich losgemacht, trotz des strengen Befehls, ihn an der Kette zu halten. Er sprang winselnd am^ Wagen in die Höhe — es zuckte über Herrn Veltens Ge,icht und er winkte nervös mit der Hand ab. Der Hund wurde abgeführt.
Jetzt. rollte der Wagen zum Hofthor hinaus, Egon und Stemm folgten in einem Jagdwagen.
Leb wohl — leb wohl — auf immerdar! Der Wind seufzte um das alte, öde Herrenhaus und erzählte, daß der Sommer tot sei und die Rosen gestorben.
(Fortsetzung folgt.)
Auf der Musi.
Skizze von Lina Lei dl.
Nachdruck verboten.
nachmittag gehts Keglham zu, gelt?" fragt der ^mgnmgrrgl den Schnerderandrä, aus dessen dargeveichtem „^abaksglasl er eben eine „Pris" zu sich genommen
W der, indem er selber einen Handballen LS.. "Schmalzler" unter die aufgeblähten Nasenflügel chhrt. „Ich bm nrt aufgelegt dazu, kannst Dirs eh denken zwegen was." . 1
'r5Lmei”f/ HLbet G-tegl geringschätzig. „Dies wirst J H ,etne Weil runter hängen lassen! — Bleibst , mutterseelenallein sitzen daheim als wie ein -LL ,Lon schön — zwegen einem solchen lausigen Weiberleut da! Als wie Wenns nit noch genug andere geben thät!"
, ,, ^mrst leicht schwatzen", seufzt der Andrä. „Du öms noch nre empfunden wie einem da zu Mut ist, wenn man auf eins „traut" und „baut" und auf
einmal nachher wahrnehmen
muß, daß man der „Hirsche
Der Schnerderandra, em arbeitsamer, sauberer Bursch hatte namlrch erst vor kurzem bitteres Liebesleid durch- zukampfen gehabt. Weil eben der Vater seines Dirndls" der Holzbaumbauer, mit einem Schlag der Liebschaft ein End gemacht hat und drauf bestanden ist, daß die f° hat dem Andrä sein Schatz geheißen, einen 'großen Bauernsohn geheiratet und ihn, den armseligen Schlucker aufgegeben hat.
„Uii — dalda, Un — dalda, Tra — di-ri ritata — —; Nudl auf d'Nacht — Knödl auf d'Nacht — und a Bratl a!'<
So und in noch vielen verschiedenen und doch wieder wie ein Ei dem andern gleichenden Variationen schallt es vom Wirtshaus in die dämmerige Stille des Dorfes hinaus.
Ungezählte Paare, die Mannsleute den Hut fest auf den Kopf gedrückt, den brennenden Glimmstengel im Munde; die Weibsbilder das steifgestärkte, weiße, au den Eckell mit rot und blau gestickten Sprüchen verzierte „Sack- tüchl" in der ausgespreizten Hand flattern lassend, schieben sich in dem niederen, rauch- und dunstgeschwängerten Saale rundum.
Und immer noch strömen neue Besucher dem hell-- erleuchteten Wirtshause zu.
Auch der Schneiderandrä, bei dem die Ueberredungs- kunst seines „Spezels" gesiegt hat, nimmt teil an der „Lustbarkeit."
Er hat aber keinen Gefallen dran und schon nach kurzem reut es ihn, daß er sich- hat beschwätzen lassen und hingegangen ist.
Zu gewaltig haben ihn hier die Erinnerungen „übergangen". Hat er hingeschaut, wo er wollen hat, alles hat ihn an „seine" Rest gemahnt. Wie schnakerfidel fiel noch gewesen ist auf der letzten „Musi" wo er sie hingeführt hat! Er meint, er sieht sie heut noch stehen, da vorn im Saaleck, wie sie, die kugelrunden Arme leicht in die Hüften gestemmt, sich nach dem Takte der Musik wiegend, mit blitzenden Augen vor sich hingesungen hat« „A so muß maus machen:
Schön stad muß man lachen, „Ja, ja" muß man sag'n Und für'rr Narrn muß man's hab'n!"
Es ist auch grad gewesen als wie wenn sie alle Burschen, die sich nicht schlecht um das saubere, ver- mögliche Dirndl „gerissen" haben, zum Narren gehabt hätt und — ihn, den Andrä noch zum besten.
Aber nein, da hat er ihr unrecht gethan — ihn hat sie nicht zum Besten gehabt; ihn nicht. Er weiß, wie gern sie ihn gehabt hat und wie sie sich „abtrentzt"*) hat derselm, wie ihr ihr Vater, der Holzbaumerbauer seinen Willen zu wissen gemacht hat und auch drauf bestanden ist, daß sie den von ihm bestimmten, „geringen'* Hochzeiter genommen hat.
Ja, und weil es also dem Andrä gar nicht „gleich'« gesehen hat auf der „Musi", drum hat er den festen Vorsatz gemacht, daß er, sobald als möglich wieder „abschiebt", das heißt, wenn er sein „Maßt" austrunken hat.
„Aber da trifft man einen Seltsamen an!" hat sich auf einmal hinter des Burschen Rücken eine Stimme vernehmen lassen und wie der sich verwundert um- schaut, kommt ein anderer junger Bursch, der Rotbuch- ner Lenz, auf ihn zu. „Traust Dir leicht doch noch unter die Leut?" fragt er unter hämischem Augenzwinkern.
Der Rotbucher Lenz, das war der Bruder des jungen Bauern, den man der Holzbaumer Resl als Mann auf» gezwungen hatte.
Hatte der Andrä schon von jeher keine besondere! Sympathie für den protzigen Bauernsohn, so mochte er denselben seit dem Zeitpunkt, wo er „seiner" Resl Schwager geworden, erst recht nimmer leiden.
Kein Wunder, daß es ihm bei dessen verfänglicher Begrüßung gleich „hantig" aufgestiegen ist, zumal der Andrä auch noch ein wengerl auf der „hitzigen Seite'« gewesen ist.
„Du — gelt — thu mich nit so dumm anreden!'* verwarnt er deshalb unter aufsteigender GesichtsrötÄ den Lenz. „Zwegen was soll ich mir denn nimmer!
*) abgeweint.


